„Vaiana“ kam 2016 in die Kinos und entwickelte sich ebenso wie die 2024 veröffentlichte Fortsetzung zu einem großen Hit, sowohl in den Lichtspielhäusern als auch auf Disney+. Dass nun nur zehn Jahre nach dem Animationsfilm das Realfilm-Remake „Vaiana“ kommt (und sich noch dazu sehr eng an die Vorlage hält!), ist also einerseits verständlich, andererseits aber auch ein bisschen überraschend. Natürlich haben wir Regisseur Thomas Kail also darauf angesprochen, wie es für ihn war, dieselbe Geschichte noch einmal neu zu erzählen. Erst einmal wollten wir aber wissen, wie das mit den verschiedenen Namen der Titelfigur (Vaiana in Deutschland, Moana in den USA) eigentlich bei den Dreharbeiten funktioniert hat...
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FILMSTARTS: Ich entschuldige mich schon mal im Voraus, weil ich bestimmt irgendwann während dieses Interviews die Titel und Namen durcheinanderbringen werde. Wie du wahrscheinlich weißt, heißt Moana in Deutschland Vaiana...
Thomas Kail: Ja.
FILMSTARTS: Wie funktioniert das mit den verschiedenen Namen in verschiedenen Sprachen, besonders jetzt als Realfilm? Habt ihr alle Szenen, in denen der Name Moana gesagt wird, zweimal gedreht?
Thomas Kail: Oh, ja. Wir haben sie alle nochmal gedreht und dabei „Vaiana“ gesagt.
FILMSTARTS: Okay.
Thomas Kail: Genau. Wir haben also alles so gedreht, dass „Vaiana“ gesagt wurde, und entweder haben wir es direkt so gemacht oder wir sind später noch mal ran, um es aufzunehmen. Wenn man einen Film macht, ist das so ein Gefühl von: „Weiter geht's, weiter geht's! – Halt, Moment, wir müssen noch den Vaiana-Durchgang machen.“ Also ja: Wir haben einfach sichergestellt, dass wir es als „Vaiana“ parat hatten, wann immer jemand den Namen gesagt hat.
FILMSTARTS: Man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass dein Film, deine Version von „Vaiana“ bzw. „Moana“, dem animierten Original von 2016 recht ähnlich ist. Wie war das für dich? Wie hat es sich angefühlt, im Grunde dieselbe Geschichte noch einmal in einer anderen Form zu erzählen?
Thomas Kail: Nun, in gewisser Weise erzählen wir alle dieselbe Geschichte in verschiedenen Formen. Besonders, wenn man so wie ich vom Theater kommt, wo Revivals eine große Sache sind. Selbst wenn der Text derselbe bleibt, sorgt die Interpretation dafür, dass sich etwas relevant oder eben nicht relevant anfühlt. Wir haben der Geschichte vertraut und wir haben den Figuren vertraut, aber wir haben auch einfach unseren Film gemacht. Wir standen nicht am Set und haben versucht, irgendetwas nachzustellen oder das Gefühl zu haben, dass wir etwas visuell auf exakt dieselbe Weise darstellen müssten.
Und das ist es, denke ich, was ich daran mag: Allein durch die interpretatorische Kunst, etwas zu erschaffen und dafür echte Menschen zu haben, wird sich das grundlegend von einem Animationsfilm unterscheiden. Das kann man einfach nicht wirklich vergleichen. Wenn sich zwei Menschen gegenübersitzen, sich in die Augen schauen, fühlt sich das einfach anders an. Wenn du eine Nahaufnahme von Dwaynes Gesicht siehst, in der er eine Geschichte darüber erzählt, wie Maui von seinen Eltern weggeworfen wurde, und du die Narben in seinem Gesicht aus dem echten Leben von Dwayne Johnson siehst – das bringt man ja auch mit hinein. Es gibt eine Emotionalität, zu der wir durchweg Zugang gefunden haben.
Und zum anderen: Eine schöne Sache an dem Film von 2016 ist, dass er die polynesische Kultur feiert. Es ist ein Animationsfilm, der diese Kultur auf so hohem Niveau feiert, dass wir wussten, dass wir einen Standard zu erfüllen hatten – und wir hatten die Chance, das mit echten Menschen und als Realfilm zu tun. Das Dorf, das wir gebaut haben, ist ein echtes Dorf, um die Bräuche und die Kulturen zu zeigen. Die tägliche Praxis, sei es das Öffnen einer Kokosnuss oder das Herstellen von Stoff – all die Dinge, die im Leben eines Dorfes passieren und die in Polynesien immer noch praktiziert werden. Es fühlte sich an, als müssten wir das auf dem allerhöchsten Niveau tun.
Und als Gast in dieser Kultur – als jemand, der diese gelebte Erfahrung selbst nicht teilt – lag es in meiner Verantwortung, dafür zu sorgen, dass so viele Kulturschaffende wie möglich so nah wie möglich an der Entstehung beteiligt waren, um das zu gewährleisten. Also Liz McGregor, unsere Kostümbildnerin; Tiana Liufau, unsere Choreografin; Opetaia Foa'i, der die Musik geschrieben hat; unsere Drehbuchautorin Dana Ledoux Miller – alles Menschen mit dieser gelebten Erfahrung, ebenso wie unser Kulturbeirat, der alles geprüft hat. Das ging von Tätowier-Meistern bis hin zu Linguisten, die alles von der Aussprache bis zu den Tattoos auf Mauis Körper überprüft haben. Oder die 200 polynesischen Schauspieler und Schauspielerinnen in unserem Dorf – dieses Maß an Detailgenauigkeit, fotorealistisch dargestellt, hinterlässt meiner Meinung nach einen ganz anderen Eindruck und kann etwas bewirken, das sich deutlich von dem Animationsfilm unterscheidet.
FILMSTARTS: Aber wie liefen die Gespräche mit Disney ab? Wollten sie eine originalgetreue Nachbildung oder hieß es im Grunde: Macht, was ihr wollt?
Thomas Kail: Es hieß: Macht, was ihr wollt. Und der Film wird natürlich eine lange Zeit in den Kinos laufen, aber wenn er erst einmal raus ist und die Leute ihn auf Disney+ haben, wird es sicher viele geben, die den Film ganz genau analysieren. Aber ich kann mit Gewissheit sagen, dass wir nicht eine einzige Sekunde am Set standen und gesagt haben: „Das ist die Einstellung, die sie damals gemacht haben, also ist das die Einstellung, die wir machen.“ Und wenn man dann erst mal im Schnittraum sitzt, merkt man: Was auch immer man dachte, was funktionieren würde... Der Schnitt ist eine Gelegenheit, etwas auf eine völlig neue Weise zu betrachten. Wir haben also einfach versucht, die Geschichte auf die ehrlichste Art und Weise zu erzählen, die uns möglich war.
Regisseur Thomas Kail über die Musik im "Vaiana"-Realfilm
FILMSTARTS: Eine Szene ist mir besonders aufgefallen, weil sie sich stark vom Animationsfilm unterscheidet: die Live-Action-Interpretation von Mauis „Voll gerne“. Warum fühlt sich gerade diese Szene so anders an?
Thomas Kail: Wenn man die Musiknummern so durchgeht, egal wie man es dreht, läuft es auf ein „Lass mich dir die Welt zeigen“ hinaus, richtig? Das ist es, was die Handlung dieses Songs ausmacht. Und die Art und Weise, wie wir sie gezeigt haben, unterscheidet sich stark von der Art und Weise, wie sie in dem Animationsfilm gezeigt wurde.
„Ich bin bereit“ ist die Geschichte eines Mädchens, das auf das Wasser hinausschaut und an einem Ort sein möchte, an dem sie nicht ist. Und die Geschichte dahinter ist, dass sie letztendlich auf dieses Kanu steigen und über das Wasser fahren wird. Da hat man also eine Art Struktur.
Bei „Voll gerne“ geht es darum, diesem Trickbetrüger dabei zuzusehen, wie er einen Trick vormacht. Er sagt im Grunde: „Schau mal hierhin, schau mal dorthin, schau mal hierhin – und jetzt gib mir dein Boot.“ Was wir also tun wollten, war etwas zu erschaffen, bei dem man das Fortschreiten dieses Zaubers spürt, der da gerade gewirkt wird. Wenn die Nummer beginnt, ist Vaiana ziemlich skeptisch. Er zaubert ein bisschen. Jetzt ist sie unsicher: Sehe ich wirklich, was ich denke, dass ich sehe? Sie blinzelt noch ein bisschen mehr. Und dann geht es immer tiefer und tiefer. Und schließlich ist sie völlig in den Bann gezogen. Und sie tanzt mit ihm. Und er hat sie genau da, wo er sie haben will. Und dann sperrt er sie in die Höhle. Wir wollten das Ganze also steigern. Und so steigert sich im Laufe der Nummer auch die visuelle Darstellung immer weiter.
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FILMSTARTS: Wo wir gerade von der Musik sprechen: Ein tolles Geschenk für Fans des Originalfilms ist das neue Lied „Along The Way“ (auf Deutsch: „Auf deinem Weg“), das Auliʻi Cravalho zurückbringt und sie mit Dwayne Johnson und ihrer Nachfolgerin Catherine Laga'aia vereint. Was war die Idee dahinter und wie kam es zu dieser Reunion?
Thomas Kail: Das hat wirklich großen Spaß gemacht. Weißt du, Lin-Manuel Miranda und ich arbeiten seit Mai 2002 zusammen. Das ist eine lange Zeit. Wir versuchen also seit mittlerweile 24 Jahren, Dinge auszutüfteln. Und als wir uns den Film von 2016 vornahmen, ihn genau unter die Lupe nahmen und uns fragten: „Gibt es eine Stelle, an der kein Lied war, wo aber vielleicht eines sein könnte?“ Als wir darüber nachdachten, sagte er: „Oh, da haben wir eines versucht, das hat nicht funktioniert. Ja, da haben wir auch eines versucht, das hat nicht funktioniert.“ Es gab gar nicht so viele Lücken.
Das Letzte, was wir wollten, war, ein Lied in den Film zu packen, das aus den falschen Gründen da ist und die Geschichte nicht voranbringt. Alle Songs von Lin bringen die Geschichte voran und vertiefen die Charaktere. Selbst Tamatoa, der etwas von David Bowie hat und quasi ankündigt, dass er singt, tut das. Er erzählt dir seine Geschichte. Er bedroht sie. Es macht ihm Spaß. Und er kämpft gegen Maui in Runde 2 ihres Kampfes. Es ist sozusagen der Rückkampf.
Lin und ich haben also darüber gesprochen, was es in diesem Film musikalisch noch nicht gibt. Und einer der Punkte, auf den wir beide stießen, war: Wir hören unsere beiden Helden [also Vaiana und Maui] nicht zusammen singen. Es gibt kein Duett. In den meisten Musicals würde man erwarten, dass diese beiden zusammen singen, aber im Hauptteil des Films gibt es keine Stelle, an der man die Handlung dafür anhalten wollte. Denn anfangs singen sie nicht zusammen, weil sie keine Freunde sind. Und als sie es dann endlich sind, müssen sie los, um dieses Lavamonster zu bekämpfen. Und außerdem steht ihnen dann kurz darauf die Trennung bevor. Das fühlte sich also nicht nach der richtigen Stelle an – aber die Idee an sich fühlte sich gut an.
Also dachten wir: Warte mal, wenn der Film vorbei ist, können wir unsere beiden Helden singen lassen. Aber wisst ihr, was noch besser ist, als wenn eine Vaiana mit Maui singt? Zwei Vaianas! Weil es uns die Chance gab, davon zu erzählen, wer vor dir da war. In gewisser Weise ist es das, was Tala zu ihr sagt, aber jetzt ausgedrückt durch die Vaianas. Man hat also quasi die Meta-Ebene, auf der Auliʻi zu Catherine sagt: „Ich war schon mal dort und ich bin ganz bei dir.“ Und dann hat man auch die erste Vaiana, die jetzt sozusagen die Vorgängerin, die Wegbereiterin ist und sagt: „Ich habe das getan, damit du jetzt noch weiter gehen kannst als ich“, was uns thematisch ziemlich relevant erschien. Und es gab uns die Gelegenheit, die drei auf diese Weise zusammenzubringen.
FILMSTARTS: Das ist für dich als Regisseur vielleicht etwas schwer zu beantworten, aber wer hat dich beim Singen am meisten überrascht? Ich zum Beispiel kenne Frankie Adams, die Vaianas Mutter spielt, hauptsächlich aus der Science-Fiction-Serie „The Expanse“. Und ich wusste nicht, dass sie so gut singen kann...
Thomas Kail: Ich weiß, Frankie kann wirklich singen, oder? Und lass mich kurz über Frankie sprechen, denn ich finde sie ist in diesem Film hervorragend. Es gibt ein paar Momente, in denen sie allein mit ihren Augen so viel ausdrückt – wenn Vaiana kurz davor ist aufzubrechen, in dieser Szene, in der sie ihr die Kette umlegt, oder wenn sie Vaiana während „Wir kennen den Weg“ einkleidet. Man hat einfach all das gespürt, was man sich in dieser Hinsicht nur erhoffen kann.
Weißt du, Frankie hat sich mit ihrem Gesang wohl auch selbst überrascht, weil sie meinte: „Ich habe das noch nie zuvor gemacht.“ Und wir sagten: „Wie meinst du das, du hast das noch nie gemacht? Du hast eine wunderschöne Stimme.“ Alex Lacamoire, der Musikdirektor bei „Hamilton“, „In The Heights“, „Fosse/Verdon“ und eigentlich allem, was ich je gemacht habe – wir waren zusammen im Studio und konnten es nicht glauben, dass sie noch nie gesungen hatte. Ich glaube also, Frankie hat sich selbst am meisten überrascht, mich aber nicht, weil ich ja gar nicht wusste, dass sie es angeblich nicht kann.
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FILMSTARTS: Dwayne Johnson brauchte ca. 18 kg an Prothesen und Muskeln und die Perücke, um sich in Maui zu verwandeln. Kannst du uns da ein bisschen durchführen? Wie lief dieser Prozess ab? Und warum habt ihr euch entschieden, für Maui einen Body-Suit zu nutzen, anstatt auf CGI oder Ähnliches zu setzen?
Thomas Kail: Nun ja, wie wir schon besprochen hatten: Alles, was wir real am Set bauen oder herstellen konnten, fühlte sich für unseren Film extrem nützlich an. Und weil er diese Tattoos an ganz bestimmten Stellen hat und wir einen Mini-Maui haben, der tanzen und Dinge tun muss, mussten wir eine gewisse Konstanz schaffen. Und beim Filmemachen geht es natürlich um eine Menge verschiedener Dinge, die gleichzeitig passieren, und man versucht so gut wie möglich, ein paar Konstanten zu haben. Mauis Anzug gab uns diese Konstanz, egal wie heiß es draußen war, egal ob es kalt war oder ob er nass wurde oder nicht. Wir wussten, dass das bei jemandem mit Tattoos ein Weg sein würde, wie wir es kontrollieren konnten.
Und es fühlte sich, denke ich, gut an, so etwas anzuziehen. Ich glaube, es hat Dwayne geholfen, in die Rolle zu finden. Es distanziert einen ein Stück weit von sich selbst, weil man sich die Sache weniger vorstellen muss, sondern sie mehr spürt. Und das war sehr hilfreich für ihn. Wir haben über viele verschiedene Ideen gesprochen, aber wir waren immer darauf aus, es real zu machen. Ich wüsste nicht, dass wir jemals wirklich etwas anderes in Betracht gezogen hätten. Und Joel Harlow, unser Oscar-prämierter Make-Up-Designer, war wirklich unermüdlich beim Testen von Stoffen. Ich meine, wir hatten so viele Gespräche darüber, was die richtige Bewegung wäre, was passiert, wenn man die Schulter hochzieht, während man etwas trägt. Also einfach jede Menge detailreiche Gespräche über Dinge, über die ich vor diesem Film definitiv noch nie nachgedacht hatte.
Würde Thomas Kail auch die Realfilm-Fortsetzung "Vaiana 2" übernehmen?
FILMSTARTS: Der animierte „Vaiana“ war ein Riesenerfolg und die Fortsetzung „Vaiana 2“ sogar noch mehr. Es ist also nicht ganz unwahrscheinlich, dass auch dieser Film ein Erfolg wird und eine Fortsetzung bekommt. Wo bist du gedanklich gerade, was eine Realfilm-Fortsetzung angeht? Sagen wir mal, der Film spielt eine Milliarde Dollar ein und Disney bietet dir die Fortsetzung an. Würdest du sofort Ja sagen oder gäbe es etwas anderes, das du zuerst machen wolltest?
Thomas Kail: Oh, ich weiß nicht. Ich hoffe, dass die Leute diesen Film mögen, und ich habe definitiv bisher ausschließlich an diesen Film gedacht. Und ich kann nicht für Disney sprechen, was sie tun wollen oder wie sie versuchen werden, diesen Weg weiterzugehen. Weißt du, das hier war mein erster Spielfilm. Das war mein erster Versuch in diesem Bereich und ich habe dabei so viel gelernt. Ich würde unheimlich gerne die Chance bekommen, dieses Wissen noch einmal anzuwenden. Wenn also jemand bereit wäre, mit mir zusammen zu arbeiten, bei was auch immer das sein mag, würde ich natürlich liebend gerne noch einen Film machen. Aber ich will jetzt erst mal den 9. Juli erreichen, und danach kann ich diesen Teil meines Gehirns vielleicht wieder öffnen.
Am 9. Juli 2026 startet „Vaiana“ nämlich in den deutschen Kinos. Und wie mittlerweile bekannt geworden ist, wird es neben einem möglichen zweiten Realfilm auf jeden Fall einen dritten Animationsfilm geben. Mehr dazu hier:
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