Nach seinem Oscar-Triumph mit „Oppenheimer“ nahm sich Christopher Nolan ein mythologisches Epos von Homer vor. Und wie man es von dem Regisseur kennt, ging er in die Vollen und versammelte eine hochkarätige Starbesetzung für „Die Odyssee“. Matt Damon als Odysseus, Tom Holland als Telemachos, Anne Hathaway als Penelope sowie Robert Pattinson, Zendaya, Lupita Nyong’o und Charlize Theron in weiteren Rollen gehören so zum Cast – und das ist nur ein kleiner Auszug aus der namhaften Riege.
Dass die große Hollywood-Produktion trotz des Schauplatzes im antiken Griechenland in englischer Sprache gedreht wurde, ist selbstverständlich. Doch für Gesprächsstoff und teilweise Belustigung im Netz sorgte Christoper Nolans Entscheidung, alle Figuren so sprechen zu lassen, wie Menschen aus der Gegenwart. Da fallen dann auch mal Wörter wie „Daddy“. In der deutschen Synchronfassung wurde dies übrigens – zumindest deuten die Trailer das an – merklich entschärft und auf zu moderne Begriffe verzichtet.
Für Christopher Nolan war klar, dass seine Figuren möglichst direkt, möglichst verständlich, möglichst modern kommunizieren müssen. Allerdings weiß der Regisseur selbst, dass ihm diese Entscheidung noch um die Ohren fliegen könnte.
Modernes Englisch in "Die Odyssee": "Für mich war es ein No-Brainer"
Im Gespräch mit der Los Angeles Times erklärte Nolan nun ausführlich, warum die Figuren in „Die Odyssee“ nicht in einem besonders gehobenen, altertümlichen oder künstlich historisch wirkenden Tonfall reden. Für ihn sei es wichtig gewesen, eine Sprache zu finden, die beim Publikum emotional ankommt und nicht in erster Linie intellektuell wirkt. Ihm ist offensichtlich die direkte Wirkung das Wichtigste, weshalb er auf modernes Englisch setzt.
Nolan ist sich aber durchaus bewusst, dass diese Entscheidung angreifbar ist. Der Los Angeles Times erklärte er so: „Vielleicht war ich naiv, und das könnte nach hinten losgehen, aber ich wollte eine bodenständige Erzählweise. Für mich war es ein No-Brainer.“ Im Original nutzt Nolan sogar die etwas drastischere Formulierung „it might bite me on the ass“– also wortwörtlich „das könnte mich in den Hintern beißen“–, um zu verdeutlichen, dass ihm die Sache noch auf die Füße fallen könnte. Da das im Deutschen sehr holprig klingt und man hier laut Redewendung nur „sich selbst in den Hintern beißen kann“, haben wir uns für eine freiere Übersetzung entschieden.
Darum ist diese Entscheidung so riskant
Filmschaffende stehen bei historischen Filmen immer wieder vor einem solchen Dilemma. Ein „historisch korrektes“ Englisch in einem Film über das antike Griechenland gibt es nicht. Allerdings hat es sich im Kino etabliert, bei großen Historien- und Antikenfilmen auf britisches Theater-Englisch zu setzen. Unsere Sehgewohnheiten sind dadurch stark geprägt. Wir erwarten förmlich eine gehobene Sprache, reihenweise pathetische Sätze und den einen oder anderen britischen Akzent. Obwohl das historisch auch überhaupt nicht sinnvoll ist, fühlt es sich für viele durch diese Prägung auf Anhieb episch an.
Wenn Nolan jetzt Odysseus, Penelope und Telemachos modernes Amerikanisch plaudern lässt, riskiert er, dass die Dialoge manche Zuschauer*innen aus der Illusion reißen, weil sie ihnen für einen antiken Stoff zu gegenwärtig vorkommen. Es besteht die Gefahr, dass einzelne Sätze unfreiwillig komisch oder deplatziert wirken. Wenn plötzlich nicht nur im Internet über Clips aus dem Film gespottet wird, sondern Leute im Kino laut an unpassenden Stellen auflachen, könnte es sogar den Sehgenuss für andere beeinträchtigen, die selbst eigentlich kein Problem mit der Sprache haben.
Ob Christopher Nolans Plan aufgeht oder doch – wie er ja selbst als Risiko befürchtet – nach hinten losgeht, wird sich in Kürze zeigen. „Die Odyssee“ läuft ab dem 16. Juli 2026 in den deutschen Kinos. Die ersten Stimmen sind schon einmal voller Begeisterung, wie wir ihm folgenden Artikel ausführen:
"Ein absoluter Triumph" und die "Krönung" von Christopher Nolans Karriere: Die ersten Stimmen zu "Die Odyssee" sind da!