30 Minuten länger und deutlich brutaler: Verschollene Fassung eines Bruce-Willis-Kultfilms ist wieder aufgetaucht
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Mehr als 30 Jahre lang galt sie als verschollen, nun könnte eine deutlich längere und härtere Fassung von „Last Boy Scout“ tatsächlich veröffentlicht werden. Entdeckt wurde sie durch einen unglaublichen Zufall.

Mit „Last Boy Scout – Das Ziel ist Überleben“ bescherte uns der großartige Tony Scott („Mann unter Feuer“) 1991 einen außergewöhnlichen Actionfilm. Im Mittelpunkt sind Bruce Willis und Damon Wayans als ungleiches Duo, das ein Dauerfeuer aus zynischen Sprüchen ablässt, während um sie herum kaum weniger häufig Schüsse fallen und Explosionen hochgehen.

Schon die bislang bekannte Version des Films ist richtig hart. In Deutschland wurde die ungekürzte Fassung 1993 sogar indiziert und erst nach 25 Jahren wieder vom Index gestrichen. Immer noch hat der Film hierzulande keine Jugendfreigabe. Doch Scotts ursprüngliche Pläne waren wesentlich brutaler. Unter anderem die US-Altersfreigabebehörde MPAA zwang den Filmemacher damals zu Schnitten.

Jetzt könnten wir völlig überraschend einen Einblick in die ursprüngliche Vision des 2012 verstorbenen Filmemachers bekommen. Denn eine angeblich rund eine halbe Stunde längere Fassung soll Teil einer neuen Heimkino-Veröffentlichung von Arrow Video werden. Möglich ist dies, weil ein lange verschollen geglaubter Workprint aufgrund eines amüsanten Fehlers von Filmverleih Warner aufgetaucht ist und nun erstmals offiziell veröffentlicht werden könnte.

Warner verschickte versehentlich die falsche Fassung

Die Entdeckungsgeschichte klingt beinahe selbst wie Filmstoff aus einer Hollywood-Komödie. Wie die Arrow-Video-Produzenten James Pearcey und James White im „Bristol Cult Film Society Cult Film Podcast“ berichteten, wollte ein College-Kino vor einiger Zeit „Last Boy Scout“ vorführen. Dafür bat man Warner um eine Kopie. Doch das Studio schickte versehentlich nicht die bekannte Kinofassung, sondern einen frühen Workprint, also eine noch nicht für die Veröffentlichung fertiggestellte Arbeitsfassung. Diese enthält nach Angaben der Arrow-Verantwortlichen zahlreiche alternative Schnitte, zusätzliches Material und erheblich mehr Gewalt.

Dass es sich dabei um eine deutlich andere Version handelt, bestätigt auch ein auf dem Kurznachrichtendienst X als Peter NCseventeen auftretender und in der Szene bekannter Filmarchivar. Er gehörte nach eigener Aussage zu den wenigen Menschen, die den Workprint bei der damaligen Vorführung sehen konnten. Auf X beschreibt er diese Version als „ultra brutal“, vulgär und völlig anders struktuiert. Von ihm stammt auch die Information, dass diese Fassung rund 30 Minuten länger dauere.

Ganz offiziell bestätigt ist diese Laufzeit bislang allerdings nicht. Die Angabe stammt aus seiner persönlichen Erinnerung an die Vorführung und sollte daher vorerst mit etwas Vorsicht behandelt werden. Dass der Workprint deutlich mehr Material enthält, gilt dagegen als gesichert. Auch das Kult-Label Arrow selbst verspricht eine alternative Fassung, die mit exklusiven Szenen und ungeahnten Gewaltspitzen aufwartet.

"Last Boy Scout" musste einst entschärft werden

Dass es womöglich eine härtere Urfassung des Kultfilms mit Bruce Willis geben könnte, geistert seit Jahrzehnten durch Filmforen. „Last Boy Scout“ geriet schließlich während der Fertigstellung mehrfach mit der US-Altersfreigabebehörde MPAA aneinander. Um die für einen kommerziellen Actionfilm problematische NC-17-Freigabe zu vermeiden, mussten verschiedene Gewaltspitzen gekürzt werden. Das ist der bekannten Kinofassung bis heute an einigen Stellen anzumerken. Mehrere Gewaltszenen wirken auffällig hastig geschnitten oder enden abrupt. Der nun wiederentdeckte Workprint könnte erstmals zeigen, wie diese Momente ursprünglich gedacht waren.

Wichtig ist aber: Es handelt sich ausdrücklich nicht um einen fertiggestellten „Director’s Cut“ von Tony Scott. Ein Workprint ist eine frühe Arbeitsfassung. Hier sind oft Szenen noch vorläufig montiert. Auch der Regisseur plant hier selbst, später noch Schnitte vorzunehmen oder Sequenzen leicht anders anzuordnen. Wie Tony Scotts genaue Vision für „Last Boy Scout“ aussah, werden wir also womöglich nie erfahren.

Workprint als Teil einer neuen 4K-Veröffentlichung geplant

Wie ihr vielleicht bemerkt habt, sind alle Aussagen zur Veröffentlichung des Workprints im Konjunktiv gehalten. Das hat einen Grund: Das in Sammlerkreisen sehr angesehene britische Label Arrow Video arbeitet derzeit an einer umfangreichen 4K-UHD-Veröffentlichung von „Last Boy Scout“. Diese wird erst einmal natürlich die bekannte Fassung des Films beinhalten.

Doch das Label bemüht sich nach eigenen Angaben darum, von Warner Bros. die Genehmigung zu erhalten, den wiederentdeckten Workprint als Bonus beizulegen. Eine endgültige Bestätigung dafür gibt es bislang allerdings noch nicht. Sollte es gelingen, wäre das eine kleine Sensation für Actionfans. Schließlich zählt „Last Boy Scout“ heute zu den beliebtesten Filmen von Bruce Willis und zu den Höhepunkten des ruppigen 90er-Jahre-Actionkinos.

"Last Boy Scout": Eines von vielen Highlights eines Action-Meisters

Willis spielt in dem Action-Thriller den heruntergekommenen Privatdetektiv Joe Hallenbeck, der gemeinsam mit dem ehemaligen Footballstar Jimmy Dix (Damon Wayans) den Mord an einer Stripperin (Halle Berry) untersucht. Dabei stoßen die beiden auf ein Geflecht aus Korruption, Sportwetten und politischer Erpressung.

Das Drehbuch stammt von „Lethal Weapon“-Autor Shane Black, während „Top Gun“-Macher Tony Scott für die Inszenierung verantwortlich war. Wie man es von den Filmen des nach Meinung des Autors dieser Zeilen besten Action-Regisseurs aller Zeiten kennt, ist diese vor allem stilistisch eindrucksvoll mit rauchgeschwängerten oder lichtdurchfluteten Bildern, denen auch eine gewisse Künstlichkeit anhaftet. „Last Boy Scout“ lebt davon, dass er eine völlig überhöhte Action-Sause mit brutalen Shootouts, absurden Sequenzen und köstlichen Nebenfiguren ist.

Doch trotzdem hatte man immer den Eindruck, dass es noch ein viel besserer Film hätte sein können, weil Scott nicht sein Ding durchziehen durfte. Der Workprint könnte hier also ein Fenster in eine alternative Welt eröffnen und uns mehr von den Ideen des Filmemachers zeigen, die er damals nicht einbauen durfte. Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Kinostart könnten wir den Kultfilm somit erstmals in einer Fassung erleben, die noch hemmungsloser ausfällt als das ohnehin schon kompromisslose Original.

Ein ganz anderes Action-Spektakel räumt gerade an den Kinokassen ab. Mehr dazu gibt es im folgenden Artikel:

25 Jahre mussten wir warten, jetzt räumt das irre Action-Spektakel an den Kinokassen ab

Björn Becher
Björn Becher
-Mitglied der Chefredaktion
Begonnen mit den Stunts von Buster Keaton über die Akrobatik bei Jackie Chan hin zur Brachialgewalt in „The Raid“: Björn Becher liebt Actionfilme.
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