Eine Person mit diskutablem Moralkompass wird von einer doppelzüngigen Person entführt, angekettet und gefoltert, um mit brachialen Mitteln eine Lektion erteilt zu bekommen: Das ist der Stoff, aus dem ein Horror-Subgenre ist, das in den 2000ern einen Hype erlebte – Folterhorror der Marke „Saw“.
Vor wenigen Monaten wurde der filmische Folter-Nervenkitzel mit weniger Blut, dafür mit mehr interpersoneller Anspannung, trockenhumoriger Sonderbarkeit und doppelbödiger Argumentation über Ethik, Moral und Wiedergutmachung neu belebt: Der Thriller „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ von „Suicide Room“-Regisseur Jan Komasa ist ein böser, kluger und andersartig-fesselnder Genrevertreter mit „Adolescence“-Star/-Schöpfer Stephen Graham.
Diese Woche ist „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ im deutschen Heimkino auf Blu-ray erschienen.
Falls ihr euch mit VOD begnügen könnt: „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ ist auf diversen Plattformen digital zu erwerben, unter anderem bei Amazon Prime Video*.
Darum geht es in "Good Boy"
Der 19-jährige Tommy (Anson Boon) ist ein kleinkrimineller, gewalttätiger Partylöwe und Schürzenjäger mit Social-Media-Sucht. Eines Nachts wird er mitten in seinem Vollrausch ausgeknockt und entführt. Als er wieder zu Bewusstsein kommt, findet er sich in einem Keller angekettet wieder.
Dieser Keller befindet sich im Haus von Chris (Stephen Graham) und Kathryn (Andrea Riseborough), die dort mit ihrem gemeinsamen Sohn Jonathan (Kit Rakusen) leben. Das Paar hat sich in den Kopf gesetzt, Tommy zu „retten“, indem es ihm seine zerstörerische Art abtrainiert und ihn zum „braven Jungen“ umerzieht. Dazu wird er psychisch und physisch gefoltert, was widersprüchliche Gefühle in ihm hervorruft ...
Widersprüche mit Ansage
Nach einem Drehbuch von Skript-Novize Bartek Bartosik und Naqqash Khalid („In Camera“) nähert sich Komasa seinen Themen in einem Tonfall, der an die frühen Arbeiten des „Poor Things“-Regisseurs Yorgos Lanthimos erinnert: Er präsentiert die zugespitzte Situation mit all ihren unangenehmen und absurden Konsequenzen so trocken, spröde und ausführlich, dass das Gezeigte innerhalb von Sekundenbruchteilen von beklemmend zu skurril und zurück oszilliert.
Tommy angekettet zu sehen, wie er mit Balsamstimme gedemütigt wird und sein Geschäft in einem Eimer erledigen muss, ist schmerzhaft, doch angesichts der verqueren Rechtfertigung seines Peinigers Chris, der sich bei all dem als wohlerzogen und gütig bezeichnet, auch bissig-unterhaltsam. Und ähnlich wie in Lanthimos' gesamtem Schaffen und diversen Filmen Komasas eckt die weitere Entwicklung der Prämisse bewusst an, um dem Publikum leicht verdauliche Genugtuung zu verwehren.
Zwischen all der dornigen, abartig-harten Pädagogik, die Chris und zuweilen auch Kathryn an Tommy ausüben, wecken sie mit Freude Tommys Neugier und literarische Begeisterung, helfen ihm, seine von Social Media kleingehackte Aufmerksamkeitsspanne zu kurieren, und bringen ihn dazu, seine cholerische Ader zu überwinden. Und der ungestüme Einzelgänger entwickelt wiederum nach und nach Sympathien für die wohlhabende, sadistische Familie.
Ist das die Schilderung eines Stockholm-Syndroms (das als psychologisches Phänomen ohnehin umstritten und vielmehr eine außer Kontrolle geratene These ist, die auf fehlerhaften Polizeiaussagen basiert), eine reaktionäre Fantasie über die Wirkkraft schmerzlicher Pädagogik oder ein Test, wie flexibel die Moral eines Arthouse-Publikums ist, sobald Foltermethoden mit Social-Media-Schelte einhergehen? Der eigenwillige Thriller lässt bewusst Lücken, um Selbstreflexion und Diskurs anzuregen – und gegen jede potentiell simple Deutung erteilt „Good Boy“ einen wohlplatzierten, harschen Seitenhieb.
Wie Pavao Vlajcic in der FILMSTARTS-Kritik erläutert: „Mit 'Good Boy' legt Jan Komasa einen etwas anderen Kidnapping-Thriller vor, der die Täter- und Opferperspektiven geschickt gegeneinander ausbalanciert und der bekannten Ausgangssituation durch psychologischen Feinsinn und moralische Komplexität neues Leben einflößt. Dabei erweisen ihm ein bestens aufgelegter Cast und ein doppelbödiges Drehbuch gute Dienste.“
Einen weiteren, vielschichtigen und noch dazu ungeheuerlich bildgewaltigen Film stellen wir euch im folgenden Artikel vor:
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