"Er brachte mir einen lebenslangen Platz auf der schwarzen Liste ein": Vor 39 Jahren erschien ein kontroverser Historienfilm, der Ed Harris in einer seiner besten Rollen zeigt

Vor 39 Jahren kam ein außergewöhnlicher Historienfilm in die Kinos, der zum Kassenflop wurde und die großen Hollywood-Studios erzürnte. Die Karriere des Regisseurs schien damit praktisch beendet – doch bis heute bereut er nichts!

In den 1980er-Jahren gehörte Alex Cox kurzzeitig zu den meistbeachteten Regisseuren des britischen Independent-Kinos – seine Sci-Fi-Punk-Komödie „Repo Man“ (1984) sowie das Sex-Pistols-Biopic „Sid & Nancy“ (1986), in dem ein junger Gary Oldman als Sid Vicious zu sehen war, genießen heute Kultstatus. 1987 nahm Cox dann mit „Walker“ sein ambitioniertestes Projekt in Angriff – und musste dafür das Ende seiner Hollywood-Karriere in Kauf nehmen.

Walker
Walker
1 Std. 35 Min.
Von Alex Cox
Mit Ed Harris, Richard Masur, René Assa

Der Film erzählt die wahre Geschichte des amerikanischen Abenteurers William Walker (Ed Harris), der Mitte des 19. Jahrhunderts mit einer Söldnertruppe nach Nicaragua zog, sich dort an die Macht kämpfte und schließlich selbst zum Präsidenten des Landes erklärte. Walker war Anhänger der sogenannten „Manifest Destiny“ – der Vorstellung, die USA seien von Gott dazu bestimmt, ihr Territorium und ihren politischen Einfluss immer weiter auszudehnen.

Cox und Drehbuchautor Rudy Wurlitzer („Pat Garrett jagt Billy the Kid“) machten aus diesem Stoff allerdings kein handelsübliches Historien-Epos. Vielmehr interessierten sie sich für die Parallelen zur Gegenwart. Als „Walker“ entstand, unterstützten die USA unter Ronald Reagan die Contra-Rebellen im Kampf gegen die Sandinisten, die 1979 die jahrzehntelange Somoza-Diktatur gestürzt und eine sozialistische Regierung errichtet hatten. Cox drehte seinen Film für rund fünf Millionen US-Dollar direkt in Nicaragua – mit sandinistischer Unterstützung – und machte die rund 130 Jahre zurückliegende Geschichte als Satire auf den amerikanischen Interventionismus lesbar.

Dafür setzte er bewusst auf Anachronismen: In „Walker“ tauchen vor historischem Hintergrund unter anderem moderne Autos, Computer und andere Gegenstände aus der damaligen Gegenwart auf. Spätestens damit war klar, dass der Filmemacher gar nicht erst versuchte, eine historisch akkurate Illusion zu erzeugen.

Ed Harris wiederum legte William Walker nicht als eindimensionalen Bösewicht an, sondern stattete dessen Fanatismus mit einer Selbstverständlichkeit aus, die die Figur umso beunruhigender erscheinen ließ. Der Schauspieler war übrigens derart überzeugt von dem Projekt, dass er sogar einen Teil seiner eigenen Gage in die Produktion steckte, als logistische Schwierigkeiten die Dreharbeiten um eine Woche verzögerten.

"Walker" sorgte für leere Kinosäle und wütende Studios ...

Mit seiner eigenwilligen Stil- und Genremischung sowie seinem politisch provokanten Gestus fand „Walker“ beim Publikum wenig überraschend keinen Anklang – und auch die Kritik reagierte größtenteils ablehnend auf das Werk. Laut Cox hatte der Film für ihn sogar weitreichende Konsequenzen. Der damalige Universal-Chef soll so seinen Agenten kontaktiert und unmissverständlich klargemacht haben, dass der Regisseur in Hollywood keine Zukunft mehr habe. Tatsächlich arbeitete Cox im Anschluss nie wieder für ein großes Studio.

Ob der heute 71-Jährige bereut, zugunsten eines einzigen Films seine Karriere sabotiert zu haben? „Es war eine einmalige Erfahrung“, erklärte Cox vergangenes Jahr in einem Interview (via AlloCiné). „Rückblickend sind [Produzent Lorenzo O'Brien] und ich mehr als überrascht, dass es uns überhaupt gelungen ist, dieses Projekt zu Ende zu bringen. ‚Walker‘ in Nicaragua zu drehen, hat seine Karriere um 20 Jahre zurückgeworfen und mir einen lebenslangen Platz auf der schwarzen Liste der amerikanischen Studios eingebracht. Aber wisst ihr was? Wie eine Figur in Sam Peckinpahs Film sagte [Anm.: Er meint den Western-Klassiker ‚The Wild Bunch‘]: Ich hätte es nicht anders haben wollen.“

... doch Alex Cox bereut rein gar nichts!

Mehr noch: Cox ist sogar der Ansicht, dass ihm sein unfreiwilliger Abschied vom klassischen Studiosystem ein interessanteres Leben beschert hat. „Wäre ich in Los Angeles geblieben, wäre ich unglücklich gewesen“, meint der Regisseur, der Luis Buñuel und Akira Kurosawa zu seinen großen Vorbildern zählt. „Vielleicht wäre ich ein Hollywood-Regisseur geworden, hätte Filme mit Schwarzenegger und Adaptionen von Marvel-Comics gedreht. Ich wäre reich und wahrscheinlich an einem Herzinfarkt gestorben. Stattdessen wurde ich von der sogenannten Industrie ausgegrenzt und bin durch die Welt gereist, immer auf der Suche nach Geld für Filme und Orten, an denen ich sie drehen konnte.“

Dass Cox mit „Walker“ offen die Konfrontation gesucht hatte, zeigt schon der Abspann: Darin montierte er Archivaufnahmen von Ronald Reagan mit Bildern von Menschen, die von den rechtsgerichteten Contras getötet worden waren. Die intendierte Verbindung zwischen Walkers Feldzug im 19. Jahrhundert und der US-Außenpolitik der 1980er-Jahre ließ sich damit nicht mehr übersehen.

Ed Harris hat seine prominente Mitwirkung an dem Film übrigens nicht geschadet: Nicht nur sind 39 Jahre später viele der Meinung, dass der 75-Jährige in „Walker“ eine seiner eindrucksvollsten Rollen spielte – auch etablierte er sich in den nachfolgenden Jahren als einer der gefragtesten Charakterdarsteller Hollywoods, der für mehrere Oscars nominiert wurde und vor allem in prägnanten Nebenrollen in Erscheinung trat. Zu seinen zahlreichen Erfolgen zählen Titel wie „The Rock“, „Die Truman Show“, „A Beautiful Mind“ oder „The Hours“.

Erst 2021 spielte Harris übrigens an der Seite von unter anderem Matthias Schweighöfer in einem weiteren Historien-Flop mit, dem etwas in der Kinogeschichte Einmaliges gelang. Hier erfahrt ihr mehr dazu:

Dieser starbesetzte Historienfilm spielte nur 450.000 (!) Dollar ein – erreichte aber trotzdem Platz 1 der Kinocharts!

Ein ähnlicher Artikel ist zuvor bereits auf unserer französischen Schwesternseite AlloCiné erschienen.

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Michael Bendix
Michael Bendix
-Redakteur
Schaut pro Jahr mehrere hundert Filme und bricht niemals einen ab. Liebt das Kino in seiner Gesamtheit: von Action bis Musical, von Horror bis Komödie, vom alten Hollywood bis zum jüngsten "Mission: Impossible"-Blockbuster.
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