Harrison Ford war vor 40 Jahren der vielleicht größte Star der Traumfabrik. Er hatte sich durch seine ikonischen Rollen als Han Solo in den „Star Wars“-Filmen und Indiana Jones den Ruf des spitzbübischen, charismatischen Leinwandhelden erarbeitet. Außerdem galt er als Garant für Kassenhits, dessen Unterhaltungsfilme gleichsam die Kritiker zufrieden stellten. Einen radikalen Imagewandel vollzog er mit dem heute weitestgehend in Vergessenheit geratenen Klassiker „Mosquito Coast“ von 1986.
Ford zeigt sich in dem Abenteuer-Drama in einer für ihn völlig ungewohnten Rolle als ebenso manischer, cholerischer Freigeist, der immer mehr den Bezug zur Realität verliert. Keine Spur mehr vom trockenen, ironischen Humor des Peitsche-schwingenden Archäologen. Auch die Rechtschaffenheit des moralisch stets einwandfrei handelnden Weltraumpiloten Han Solo legte er in „Mosquito Coast“ ab. Die faszinierende, im Dschungel von Honduras spielende Charakterstudie floppte an den Kassen – zählt heute aber unbestritten zu Fords besten Filmen. Der Hollywoodstar selbst betrachtet den Film als eines seiner ambitioniertesten Werke, das seinerzeit von vielen verkannt wurde.
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Das ist "Mosquito Coast"
Angewidert vom Kapitalismus und dem Egoismus der modernen Welt, wagt der Erfinder Allie Fox (Harrison Ford) einen Neustart in den Regenwäldern Zentralamerikas. Sein Ziel: die abgeschieden gelegene Moskitoküste in der Karibik. Gemeinsam mit seinen vier Kindern und seiner Frau (Helen Mirren) plant Fox, zusammen mit den Ureinwohnern eine neue Zivilisation aufzubauen. Eine tragende Rolle soll dabei die von ihm gefertigte Eismaschine spielen, die in den USA keine Abnehmer fand.
Obwohl seine Familie Fox’ Plan, eine freie Gesellschaft zu schaffen, zunächst folgt, zeigen sich allmählich Veränderungen im Verhalten des egozentrischen Wissenschaftlers. Fox wird zunehmend obsessiver und entfremdet sich von seiner Familie – mit fatalen Folgen ...
Bei „Mosquito Coast“, der auf dem gleichnamigen Roman des Schriftstellers Paul Theroux basiert, kommen sowohl Liebhaber tiefgründig-psychologischer Dramen als auch Abenteuer-Fans auf ihre Kosten. Der australische Meisterregisseur Peter Weir, der mit Ford im Jahr zuvor den zweifachen Oscar-Sieger „Der einzige Zeuge“ gedreht hatte, fängt in überwältigenden Bildern die Gefahren und Schönheit der unwirtlichen Natur ein.
Die Filmcrew errichtete das Dschungel-Dorf und die riesige Eismaschine direkt in den unberührten Fluss- und Urwaldlandschaften von Belize, einem Nachbarstaat Mexikos. Der bis dahin vor allem für seine bildgewaltigen, realistischen Kriegs-Dramen bekannte Weir („Ein Jahr in der Hölle“) vertraute auch bei „Mosquito Coast“ auf einen dokumentarischen Stil.
Wahn und Obsession im Urwald
Der ruhig erzählte und sich langsam aufbauende Film (die Familie erreicht die titelgebende Küste erst nach rund 30 Minuten) kommt fast ohne künstliche Studiokulissen oder CGI-Effekte aus. Stattdessen erzeugen die „echten“ Regenwald-Aufnahmen eine ungemein dringliche, unmittelbare Wirkung. Die drückende, feuchte Hitze vor Ort, die Flora und Fauna des Dschungels und die gefährlichen Flussfahrten auf klapprigen, veralteten Booten – all diese Zutaten machen „Mosquito Coast“ im Kern zu einem waschechten, packenden Abenteuerfilm.
Die Natur ist hier nicht einfach nur hübsche Kulisse oder austauschbares Beiwerk. In „Mosquito Coast“ zeigt sich der Dschungel, ebenso wie im vier Jahre zuvor entstandenen „Fitzcarraldo“, von seiner unnachgiebigen Seite.
Warner Bros.
Allie Fox ist ebenso besessen und exzentrisch wie Klaus Kinski in Werner Herzogs Klassiker, dessen Figur vom Bau eines Opernhauses mitten im peruanischen Urwald träumt. Nur ist es bei Fox die Utopie einer von jeglichen Konsumzwängen und Reizüberflutung befreiten Gesellschaft, in der alle Menschen gleich sind. Wobei: Fox sieht sich als überlegen an. Je länger sein Aufenthalt an der Moskitoküste dauert, desto rücksichtsloser und tyrannischer wird er. In seiner Manie und Selbstüberschätzung erinnert er bisweilen an einen autokratischen, verblendeten Alleinherrscher, der sich den indigenen Bewohnern gegenüber überlegen fühlt.
Ein fulminantes Ensemble
Der Indiana-Jones-Darsteller brilliert als narzisstischer, unbeirrbarer Aussteiger, den selbst seine Familie irgendwann nicht mehr erkennt. Wenn euch dieser Charaktertypus in all seiner Engstirnigkeit und Radikalisierung nun an Travis Bickle, die legendäre Hauptfigur aus dem 70er-Jahre-Kultfilm „Taxi Driver“, erinnert, habt ihr ein gutes Gespür. Denn die Ähnlichkeiten mit Bickle sind nicht zufällig.
Die Drehbücher zu „Taxi Driver“ „Mosquito Coast“ stammen nämlich vom selben Autor: vom Thriller-Experten Paul Schrader. Die charakterlichen Gemeinsamkeiten der Protagonisten sind nicht von der Hand zu weisen. Fox und Bickle neigen zu Wahnvorstellungen, lehnen die moderne (amerikanische) Zivilisation ab und sehen die Gesellschaft als moralisch verdorben an.
"Einer meiner absoluten Lieblingsfilme": Brad Pitt liebt dieses epische Abenteuer-Meisterwerk – die Dreharbeiten sind genauso legendär wie der Film selbst!Weir kann sich aber nicht nur auf einen bärenstark aufspielenden Hauptdarsteller verlassen, dessen ausladende Gesten und expressive Mimik (unvergessen: Fox‘ bisweilen angsteinflößender, manischer Blick) im Gedächtnis bleiben. Das gesamte Ensemble überzeugt bis in die Nebenrollen. Am nachdrücklichsten sind die Leistungen von Helen Mirren als duldsame, still vor sich hin leidende Mutter und Ehefrau sowie Jungstar River Phoenix („Stand By Me“) als ältester Sohn Charlie. Weir schildert die Geschehnisse aus dessen Perspektive. Die anfängliche Bewunderung des Sohnes für den schier unangreifbaren, selbstbewussten Vater und genialen Erfinder weicht allmählich purem Schrecken und einem Gefühl der Entfremdung. Der damals 15-jährige Phoenix spielt diese Wandlung bedingungslos glaubwürdig und mit rückhaltloser Intensität.
Früheren Interview-Aussagen zufolge scheint Ford extrem stolz auf „Mosquito Coast“ zu sein. Doch das gilt nicht für alle seine Filme. Vor 31 Jahren kam eine romantische Komödie mit ihm in der Hauptrolle in die Kinos, die an den Kassen floppte – und die der „Indiana Jones“-Star bis heute für eine große Enttäuschung hält:
"Er wurde ungerecht behandelt": Dieses gefloppte Abenteuer von einem Meisterregisseur zählt Harrison Ford zu seinen besten Filmen*Bei dem Link handelt es sich um einen sogenannte Affiliate-Link. Beim Kauf über diesen Link oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.