Dieses Meisterwerk hat "Star Wars" den wichtigsten Oscar weggeschnappt: Jetzt feiert es endlich sein Heimkino-Comeback!

Welcher ist der beste Film, der 1977 seine Premiere gefeiert hat? Millionen von Fans dürften auf diese Frage euphorisch mit „Star Wars“ antworten, doch bei den Oscars wurde einst ein anderer Film ausgerufen – und der feiert nun ein Heimkino-Comeback.

1977 rüttelte George Lucas mit „Krieg der Sterne“ die Filmlandschaft durch und begründete ein mächtiges Popkultur-Imperium. Zusätzlich zum überwältigenden kommerziellen Erfolg war dem ersten „Star Wars“-Teil viel Liebe aus Branchenkreisen gewiss – so erhielt das Weltallabenteuer zehn Oscar-Nominierungen. In sechs Sparten setzte sich der Megahit erfolgreich durch.

Doch ein deutlich kleinerer Film schnappte Lucas' Popcornspektakel den Oscar in der Königskategorie weg: Die ironische Romantik-Tragikomödie „Der Stadtneurotiker gewann den Academy Award als bester Film. Darüber hinaus wurde ihr Regisseur Woody Allen mit den Goldjungen für die beste Regie und das beste Original-Drehbuch prämiert, zudem holte sich Diane Keaton für diesen Meilenstein des sarkastischen Liebeskinos die Trophäe als beste Hauptdarstellerin.

In Deutschland war der gefeierte Film lange Zeit auf Blu-ray vergriffen, nun wurde Abhilfe geschaffen: Diese Woche hat „Der Stadtneurotiker“ eine Neuauflage erhalten – und zwar als Teil der „Woody Allen Triple Feature“-Edition!

Das 3-Disc-Set enthält zusätzlich zu „Der Stadtneurotiker“ die Sci-Fi-Parodie „Der Schläfer“ und die thematisch an Allens Oscar-Triumph anschließende, melancholische Romantikkomödie „Manhattan“. Neben Allens „Der Stadtneurotiker“-Szenenpartnerin Diane Keaton spielt darin Meryl Streep eine tragende Rolle.

Darum geht es in "Der Stadtneurotiker"

Der TV-Komiker und Bühnenautor Alvy Singer (Woody Allen) ist belesen, beruflich erfolgreich und in Liebesdingen vom Pech verfolgt. Das stürzt den Neurotiker, der sowieso ständig grübelt, regelmäßig in Sinnkrisen. Als er Annie Hall (Diane Keaton) kennenlernt, die ebenso neurotisch ist wie er, glaubt er zunächst, das große Los gezogen zu haben – endlich versteht ihn jemand!

Jedoch wird diese Beziehung wiederholt durch absurde Diskussionen, ausartende Selbstdiagonsen und gegenseitige Analysen ebenso erschwert wie befeuert. Das kann nicht lange gut gehen – aber welche Episode in ihrem Zusammenleben bringt das Kartenhaus des Glücks zum Einstürzen?

Mit ironischer Distanz schmerzliche Nähe geschaffen

Im Zuge von Zeitsprüngen und Illusionsbrüchen, wie der direkten Ansprache des Publikums, distanziert „Der Stadtneurotiker“ uns partiell von der zentralen Liebesgeschichte: Wir sind nicht mittendrin und direkt dabei, sondern bekommen das Auf und Ab zwischen Stadtneurotiker und Stadtneurotikerin in Form einer sprunghaften Abfolge an Reflexionen, emotional eingefärbten Impressionen und von Neurosen verzerrten Erlebnisfetzen aufbereitet.

Somit versetzt uns Allen aber unmittelbar in die Schuhe seiner Hauptfigur – und zerrt schonungslos die nervösen Phasen mangelnden Selbstwertgefühls und/oder Einfühlungsvermögens, die alle wohl mal hatten, in intensivierter Form auf die Leinwand (respektive den Bildschirm). Insofern stellen Allen und sein Ko-Autor Marshall Brickman über Umwege doch Nähe zu den Figuren und ihrer Romanze her: Wir sind zwar nur sporadisch mittendrin dabei, wie ihre Herzen aufgrund ihrer Zuneigung zueinander flattern – wohl aber konstant bei ihrem Nervenflattern, das durch ihr Herzflattern ausgelöst wird.

Mehr vom kleinen Liebesalltag, weniger von den großen Gesten

Parallel dazu macht Allen in „Der Stadtneurotiker“ eine Kunst daraus, eine Liebesbeziehung auf banale Alltäglichkeiten wie gemeinsames Essen, Warten und Plappern herunterzubrechen, ohne sie dadurch zu trivialisieren. Liebe besteht halt zu großem Teil daraus, dass man gemeinsam Zeit zwischen nennenswerten Ereignissen totschlägt. Das wird in diesem Film dadurch unterstrichen, wie selten Ralph Rosenblum („Frühling für Hitler“) und Wendy Greene Bricmont („Kindergarten Cop“) einen Schnitt setzen – wir sollen mit Annie und Alvy verharren, während sie Zeit verstreichen lassen.

Durch diesen Blick auf romantische Zwischenmenschlichkeit ebnete „Der Stadtneurotiker“ letztlich den Weg für spätere, humorvoll-intellektuelle sowie neurotisch angehauchte Liebesfilme wie „Harry und Sally“, dessen Handlung gewiss nicht zufällig 1977 ins Rollen kommt, und somit im Veröffentlichungsjahr des Allen-Keaton-Klassikers.

Ganz nebenher erweist sich „Der Stadtneurotiker“ außerdem als augenzwinkerndes Psychogramm eines Mannes, der seinem ernsten Alltag partout nicht auf Augenhöhe begegnen kann, sondern sein Leben unentwegt mit Tagträumen und Scherzen kommentieren muss. Dieser Klassiker hat diesen Ansatz zwar nicht erfunden, wohl aber popularisiert – und er hallt noch Jahrzehnte später durch Filme und Serien, wie etwa „Scrubs – Die Anfänger“.

Allen selbst sollte ähnlich ironische Perspektiven auf seine Hauptfiguren ebenfalls noch viele Male wählen. Womöglich auch, um zu versuchen, durch sanften Humor seinen Ruf reinzuwaschen, an dem seit 1992 schwere Anschuldigungen sexueller Gewalt haften. Einen Film, der phasenweise wie eine Reaktion darauf anmutet, haben wir euch kürzlich vorgestellt:

24 (!) Jahre nach Kinostart endlich im Heimkino: In diesem Film nimmt sich ein kontroverser Star-Regisseur selbst aufs Korn

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Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.
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