8 Oscars, 94 Prozent auf Rotten Tomatoes, über 5 Millionen Zuschauer: Dieses Hollywood-Epos schrieb Filmgeschichte – trotzdem wird es heute oft übersehen!

Von der Kritik, der Branche und dem zahlenden Publikum geliebt, brillant ausstaffiert und mit viel Aufwand umgesetzt: Der fast dreistündige Kassenschlager „My Fair Lady“ ist ein beachtenswertes, aber zunehmend übersehenes Stück Filmgeschichte.

Bei den Academy Awards sicherte sich dieses farbenfrohe, prächtig ausstaffierte Filmvergnügen stattliche zwölf Oscar-Nominierungen – und in sogleich acht Kategorien setzte es sich gegen die Konkurrenz durch: „My Fair Lady“ holte sich unter anderem die Trophäe in den Sparten „Bester Film“, „Beste Regie“ für George Cukor und „Bester Hauptdarsteller“. Vor diesem humorvollen, romantisch angehauchten Musical gelang es bloß drei Filmen, noch mehr Oscars einzuheimsen!

Doch nicht nur die Branche war vernarrt in die schillernde Adaption des gleichnamigen Bühnenstücks: Mit weltweiten Einnahmen von geschätzt 72,7 Millionen Dollar war „My Fair Lady“ ein gewaltiger Kassenschlager und, je nach Quelle, der zweit- oder drittgrößte Hit des Kinojahres 1964. Nur der Disney-Klassiker „Mary Poppins“ war definitiv gefragter, laut vereinzelten Quellen zog zudem die James-Bond-Mission „Goldfinger“ an „My Fair Lady“ vorbei.

My Fair Lady
My Fair Lady
Starttermin 29. Juli 2024 | 2 Std. 40 Min.
Von George Cukor
Mit Audrey Hepburn, Rex Harrison, Stanley Holloway
User-Wertung
3,7
Auf Paramount+ streamen

So oder so: Inflationsbereinigt brachte es das prunkvolle Musical auf ein Einspielergebnis von 727 Millionen Dollar. Auch in Deutschland war der Film, gewiss auch dank einer ebenso liebevollen wie raffiniert-einfallsreichen Synchronfassung, überaus populär: Über fünf Millionen Eintrittskarten wurden hierzulande für den verbalen Schlagabtausch zwischen „Frühstück bei Tiffany“-Legende Audrey Hepburn und „Mitternachtsspitzen“-Star Rex Harrison gelöst.

Darüber hinaus war „My Fair Lady“ sogleich zwei Mal ganz vorne bei technischen Filmrevolutionen dabei. Trotzdem gerät der Klassiker, wenn nicht gerade eine Hepburn-Retrospektive ansteht oder eine Neuaufführung des Bühnenstücks lokal für erneutes Interesse am Stoff sorgt, im kollektiven Gedächtnis viel häufiger ins Hintertreffen als ihm gebührt.

Dabei ist es denkbar leicht, ihn nachzuholen (oder erneut zu bewundern): „My Fair Lady“ ist auf vielen Plattformen als VoD verfügbar, darunter bei Amazon Prime Video:

Bei Paramount+* ist „My Fair Lady“ sogar im Abo enthalten, Paramount+ wiederum ist als für sich stehender Dienst verfügbar und lässt sich als Prime Video Channel* buchen.

Darum geht es in "My Fair Lady"

Die derbe, forsche und mit heftigem Dialekt plaudernde Blumenverkäuferin Eliza Doolittle (Audrey Hepburn) inspiriert den Phonetiker Professor Higgins (Rex Harrison) zu einer Wette mit seinem besten Freund, dem Colonel Pickering (Wilfrid Hyde-White): Er ist überzeugt, sie zu einer feinen Dame der gehobenen Gesellschaft formen zu können, deren wahre Herkunft selbst hochnäsige Experten nicht erkennen.

Zunächst wehrt sich die verarmte Eliza gegen den Gedanken, für solche Sperenzchen herzuhalten. Letztlich willigt sie ein, als in Aussicht gestellt wird, dass sie während ihrer Ausbildung bei Higgins Obdach und Verpflegung erhält. Anfangs kommen der Professor und die Blumenverkäuferin überhaupt nicht miteinander aus. Aber als Eliza allmählich Fortschritte macht und der arrogante Phonetiker hin und wieder einen Hauch Demut zeigt, ändert sich dies schleichend...

Prachtvolle Optik, bahnbrechender Ton

Der mit prachtvollen Kostümen und hübschen, stilisierten Kulissen punktende Musical-Klassiker breitet seine Geschichte in epischen 170 Minuten aus. In dieser Laufzeit werden Themenkomplexe wie die Vorurteile schürende, ebenso identitätsstiftende Wirkung von Soziolekten behandelt, vorgeführt wie komplex die Wechselwirkung zwischen Lehrenden und Lernenden ist, und doppelbödig mit Genderbildern sowie Machtverhältnissen umgegangen.

In der deutschen Synchronfassung wird dabei auf erstaunlich konsequente und überzeugende Weise der Cockney-Dialekt, den Eliza Doolittle im Original verlieren soll, durch keckes Berlinern ausgetauscht. Laut dem „Lexikon der Film- und Fernsehsynchronisation“ gehört die Eindeutschung des Musical-Klassikers zu den aufwändigsten und kostspieligsten Synchronarbeiten der gesamten 1960er – und somit ist die verantwortliche Ultra-Film Berlin den Bemühungen des Original-Filmteams gerecht geworden. Das scheute nämlich ebenfalls weder Kosten noch Mühen.

Denn am Set von „My Fair Lady“ kam ein drahtloses Mikrofon zum Einsatz, das unter Rex Harrisons Krawatte versteckt wurde, um seinen unverwechselbaren und schwer zu replizierenden Sprechgesang direkt am Set aufnehmen zu können. Das war während der 1963 abgehaltenen Dreharbeiten ein technisches Novum in Hollywood!

30 Jahre später sollte „My Fair Lady“ erneut Filmgeschichte schreiben, denn für die hohe Summe von 700.000 Dollar wurde der Musical-Hit mühsam restauriert. Die Restauration war ein so teures und schwieriges Unterfangen, weil sich das Originalnegativ durch starke Abnutzung in einem schlechten Zustand befand – vor allem die Ouvertüre war in einem grausigen Zustand. Um Bild und Ton zu retten, wurde auch auf digitale Restaurationstechniken zurückgegriffen, was damals Neuland darstellte.

Und wusstet ihr eigentlich, dass Audrey Hepburn viele Jahre nach „My Fair Lady“ von einem Meisterregisseur als Ersatz für Sean Connery besetzt wurde? Mehr über diese Kuriosität der Hollywood-Geschichte erfahrt ihr im folgenden Artikel:

Steven Spielberg wollte 007-Legende Sean Connery für diesen Fantasy-Film – und bekam stattdessen eine der größten Schauspielerinnen aller Zeiten!

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Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Ob Showtunes im Broadway-Stil, zuckersüße Teenie-Pop-Revue oder bluttriefende Rock-Party: Sidney hat eine Schwäche für Musicals, die ihn bereits durch allerlei cineastische Höhen und Tiefen geführt hat.
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