Besser als "Platoon": Dieser Kriegsfilm wird viel zu selten erwähnt, dabei ist er grandios – heute Abend streamen

„Platoon“ und „Full Metal Jacket“ gelten als Meilensteine des Vietnamkriegskinos der 1980er-Jahre. Laut FILMSTARTS-Redakteur Pascal Reis hätte ein anderer Film dieselbe Aufmerksamkeit verdient: „Hamburger Hill“. Heute Abend streamen.

Wenn wir an Filme über den Vietnamkrieg denken, gibt es an Klassikern wie „Platoon“, „Full Metal Jacket“, „Geboren am 4. Juli“ oder „Good Morning, Vietnam“ kein Vorbeikommen. Das Besondere an diesen Meilensteinen: Sie sind nicht nur allesamt starkes Kino, sondern entstanden auch innerhalb derselben Dekade, der 1980er-Jahre. In dieser Zeit erschien allerdings noch ein anderes Werk, das sich vor den genannten Filmen keineswegs verstecken muss – für mich ist es sogar besser als der vielfach ausgezeichnete Oscar-Hit „Platoon“.

Die Rede ist vom bis heute immer wieder übergangenen „Hamburger Hill“ aus dem Jahr 1987. Nie an theatralischen Gesten interessiert, arbeitet Regisseur John Irvin stattdessen konsequent die Sinnlosigkeit und Brutalität des Krieges heraus. Sein Film ist kein pathetisches Heldenepos und auch kein Abenteuerfilm, sondern ein erschütternd nüchterner Blick auf Menschen, die in einem Krieg aufgerieben werden, dessen Sinn ihnen zunehmend abhandenkommt.

Ihr habt „Hamburger Hill“ bislang noch nicht gesehen? Beim Prime-Video-Channel Lionsgate+ steht der Film derzeit zum Abruf bereit. Die ersten sieben Tage sind kostenlos, anschließend fällt eine monatliche Gebühr von 4,99 Euro an. Alternativ ist der Kriegsfilm auch bei Joyn* verfügbar:

Darum geht’s in "Hamburger Hill"

Im Vietnamkrieg erhält die Bravo-Kompanie den Auftrag, einen strategisch wichtigen Hügel im Dschungel einzunehmen. Unter der Führung von Sergeant Frantz (Dylan McDermott) und Offizier „Doc“ Johnson (Courtney B. Vance) werden auch unerfahrene Soldaten auf den Einsatz vorbereitet. Was zunächst wie eine weitere militärische Operation erscheint, entwickelt sich schnell zu einem zermürbenden Kampf gegen einen Feind, der tief im Gelände verschanzt ist. Die Eroberung des Hügels erweist sich als weitaus schwieriger als erwartet, und mit jedem weiteren Angriff steigen die Verluste.

Während die Soldaten im Dschungel um ihr Leben kämpfen, wächst in den USA gleichzeitig die Kritik am Vietnamkrieg, insbesondere unter Studenten. Die Männer an der Front bekommen von diesen gesellschaftlichen Spannungen allerdings nur wenig mit. Sie sind längst in einer eigenen Welt gefangen, in der der nächste Angriff, das Überleben des Tages und die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Hause alles andere überlagern ...

Wo Menschen zu Hackfleisch verarbeitet werden

Bevor der Kriegsschrecken mit voller Wucht über die Soldaten der Bravo-Kompanie hereinbricht, lässt John Irvin die Zuschauer zunächst einen Blick auf ihren Alltag abseits des unmittelbaren Schlachtfeldes werfen. Die Männer vergnügen sich mit vietnamesischen Frauen im Pool, plaudern darüber, welche Autos sie sich nach ihrer Rückkehr in die Heimat kaufen wollen, und geben sich der Vorstellung hin, dem Feind in jedweder Hinsicht überlegen zu sein. Dass zwischendurch eine Mörsergranate einschlägt, gehört in dieser Welt schon zur Normalität.

Bald jedoch kippt diese Stimmung. Frantz und seine Männer werden zum sogenannten Hamburger Hill geschickt – jenem Hügel, der seinen Namen nur deshalb trägt, weil Menschen hier regelrecht zu Hackfleisch verarbeitet werden. Die dramaturgische Taktung nimmt eine entscheidende Wendung: Das anfängliche Tratschen, Herumalbern und Entspannen weicht zunehmend dem Schrecken der Front. Mit jedem weiteren Meter, den die Soldaten den Berg hinaufkämpfen, gerät die Erinnerung daran, wie ein normales Leben überhaupt aussehen könnte, weiter in Vergessenheit. Hier gibt es nichts Lebenswertes mehr. Es gibt nur noch Schlamm, Blut, Erschöpfung.

Der Übermut, mit dem die Soldaten zu Beginn eingeführt werden, weicht blankem Entsetzen. Bemerkenswert ist dabei, wie konsequent John Irvin jedem Anflug von Heroismus aus dem Weg geht. Es gibt keine großen Helden, keine triumphalen Reden und keine Momente, in denen sich das Grauen plötzlich in einen sinnstiftenden Kampf verwandelt. Stattdessen gibt es Männer, die versuchen, eine Stellung einzunehmen, weil ihnen befohlen wurde, sie einzunehmen. Der Kampf um den Hügel gleicht dabei zunehmend einer Sisyphusarbeit. Tag für Tag versuchen die Soldaten, den Berg zu erklimmen, Tag für Tag werden sie zurückgeworfen, müssen Tote und Verwundete beklagen und erneut den gleichen Weg antreten. Selbst wenn der Hügel am Ende eingenommen wird – was ist damit eigentlich gewonnen?

Wie ich finde, arbeitet „Hamburger Hill“ die Grausamkeit des Vietnamkrieges und insbesondere das Ohnmachtsgefühl, das die Soldaten zunehmend erfasst, noch intensiver heraus als „Platoon“. Keine Frage: Oliver Stones Klassiker ist ebenfalls ein starker Film und hat sich seinen Platz im Pantheon des Kriegsfilms zweifellos verdient. Doch „Platoon“ bedient sich deutlich stärker reißerischer und pathetischer Erzählstrategien, um seine Geschichte vor dem Hintergrund des Krieges zugleich als Thriller und als Actionfilm mit klassischen Genre-Einlagen funktionieren zu lassen. Das geht zwar auch immer wieder unter die Haut, ist aber auch deutlich zugänglicher und kann mit dem ungeschönten, trostlosen, lange nachhallenden Nihilismus eines „Hamburger Hill“ nicht mithalten.

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Pascal Reis
Pascal Reis
-Redakteur
Pascal liebt das Kino von „Vertigo“ bis „Daniel, der Zauberer“. Allergisch reagiert er allerdings auf Jump Scares, Popcornraschler und den Irrglauben, „Joker“ wäre gelungen.
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