Im Rennsportfilm „F1“ hatte der Schauspieler Brad Pitt zuletzt bewiesen, zu welchen körperlichen Leistungen er auch mit Anfang 60 noch mühelos in der Lage ist, ohne dabei an Charme einzubüßen. Doch sein neuer Film, der Survival-Thriller „Eiserne Wildnis – Heart Of The Beast“, dürfte noch mal eine deutlich härtere Belastungsprobe gewesen sein: Als Kriegsveteran James Belmont stürzt er bei einem Flugzeugtrip zusammen mit seinem Hund Odin in der Wildnis von Alaska ab und muss inmitten von Stromschnellen und Bärenattacken um das gemeinsame Überleben kämpfen.
Zum Kinostart des Survival-Abenteuers hatte FILMSTARTS-Autor Kamil Moll die Gelegenheit, mit Regisseur David Ayer sprechen. Wir wollten von ihm wissen, durch welches Boot Camp er Brad Pitt geschickt hat, damit er für die Wildnis gewappnet ist, welche Strapazen der Dreh in der freien Natur mit sich bringt und wie man aus einem Hollywood-Superstar und einem Hund ein eingeschworenes Leinwandteam macht. Außerdem haben wir mal nachgefragt, ob der Filmemacher es sich vorstellen kann, bald eine Fortsetzung seines Action-Reißers „A Working Man“ zu drehen!
Paramount Pictures Germany
FILMSTARTS: Wenn du wie Brad Pitts Figur James Belmont in der Wildnis Alaskas abstürzen würdest: Wie lange würdest du deiner Meinung nach dort überleben? Welche Fähigkeiten hättest du, die dir helfen würden?
David Ayer: Gute Frage. Ich glaube, James besitzt deutlich mehr Fähigkeiten als ich. Ich würde mein Bestes geben, aber ich bezweifle, dass ich so lange durchhalten würde wie er. Wahrscheinlich könnte ich nicht einmal Feuer machen. Und ich muss zugeben: James ist mental vermutlich wesentlich härter als ich.
FILMSTARTS: „Eiserne Wildnis – Heart Of The Beast“ ist dein erster Film mit Brad seit „Herz aus Stahl“ vor 12 Jahren. Hattest du ihn von Anfang an für die Rolle im Kopf?
David Ayer: Genau so war es. Als ich das Drehbuch bekam, konnte ich mir niemand anderen für die Rolle von James vorstellen. Brad war meine erste und einzige Wahl. Er war der einzige Schauspieler, dem ich das Drehbuch geschickt habe. Wir haben darüber gesprochen und uns beide sofort mit diesem außergewöhnlichen Stoff verbunden. Das Drehbuch hatte ja fast etwas Poetisches.
FILMSTARTS: In Interviews zu „Herz aus Stahl“ hast du damals erzählt, dass die Schauspieler zur Vorbereitung gemeinsam in einem Panzer leben mussten. Wie sah die Vorbereitung für „Eiserne Wildnis“ aus? Welches Bootcamp musste Brad diesmal absolvieren?
David Ayer: Die Vorbereitung war sehr umfangreich. Brad musste zunächst seine Fähigkeiten im Wasser auffrischen, da James viel Zeit im eiskalten Wasser verbringt. Unser Militärberater brachte ihm Kampfschwimmen und spezielle Atemtechniken für Kampftaucher bei. Außerdem lernte er Erste Hilfe, Selbstversorgung und den Umgang mit Verbandsmaterial. Darüber hinaus beschäftigte er sich intensiv mit den körperlichen Auswirkungen dessen, was James im Film durchmacht. Er sprach sogar mit einem Kardiologen, um genau zu verstehen, welche medizinischen Prozesse dabei in seinem Körper ablaufen würden.
Brad kam außerdem früh nach Neuseeland, um mit einem Hundetrainer zu arbeiten. Er lernte den Umgang mit dem Hund, dessen Training und Führung, vor allem aber baute er eine enge Bindung zu ihm auf. Diese Arbeit war unbezahlbar, denn man kann diese Verbindung später deutlich in Ubers (Anm.: der Hund, der Odin spielt) Augen erkennen. Hinzu kamen Orientierungstraining mit Karte und Kompass sowie ein umfangreiches Survival-Training unter Anleitung unseres militärischen Überlebensexperten. Er lernte, Lachse zu fangen und zuzubereiten, Feuer zu machen, sich in der Wildnis zu orientieren und sich dort richtig zu bewegen. Ebenso wichtig war die mentale Seite: Was denkt James? Wie überlebt er? All das floss in seine Darstellung ein.
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FILMSTARTS: Tiere wirken in Filmen oft nicht wirklich gut in die Handlung integriert. Wie wichtig war es dir, dass Odin nicht nur ein niedlicher Begleiter ist, sondern eine eigenständige Figur?
David Ayer: Odin ist tatsächlich eine vollwertige Figur. Im Drehbuch wird die Geschichte beinahe aus seiner Perspektive erzählt, fast wie durch seinen inneren Monolog. Meine Aufgabe bestand darin, diese sehr klar definierte Figur von der geschriebenen Seite in ein lebendiges Wesen zu übertragen, mit dem das Publikum mitfühlen kann. Das war die größte Herausforderung: Odins Persönlichkeit sichtbar zu machen. Er ist frech, verspielt, manchmal fast sarkastisch, loyal und empfindet Angst genauso wie Freude. Die Beziehung zwischen James und Odin bildet das emotionale Zentrum des Films.
FILMSTARTS: Hattet ihr für den Film einen Hund gecastet, der bereits militärisch ausgebildet war?
David Ayer: Uber war zuvor ein Such- und Rettungshund. Er war an Hubschraubereinsätzen beteiligt, flog Missionen und half dabei, Menschenleben zu retten. Danach lebte er bei einer liebevollen Familie. In gewisser Weise war er – genau wie James – ein Veteran, der noch einmal in den Einsatz zurückkehrte. Ich erinnere mich an seinen ersten Hubschrauberflug während der Dreharbeiten. Man weiß nie, wie ein Hund reagieren wird. Uber blieb völlig entspannt, als würde er einfach im Auto sitzen und aus dem Fenster schauen. Er fühlte sich vollkommen wohl.
FILMSTARTS: Ein Aspekt des Films, über den ich vorher überhaupt nichts wusste, ist, dass Hunde durch Kampfeinsätze schwer traumatisiert werden können – bis hin zu Albträumen und PTBS. Wie eingehend hast du dazu recherchiert?
David Ayer: Hunde sind uns in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Sie frieren, sie haben Hunger, werden müde, sind frustriert und freuen sich. Außerdem möchten sie Aufgaben erfüllen und dem Menschen dienen. Wie wir können auch sie Traumata erleiden. Unser Berater Steve Stoops, der viele Jahre mit Militärhunden gearbeitet sowie sie ausgewählt und ausgebildet hat, erklärte uns diese Zusammenhänge sehr ausführlich. Diese Hunde ziehen in den Krieg und kehren anschließend als Familienmitglieder in ein neues Leben zurück. Doch manchmal bleibt der Schatten ihres früheren Lebens bestehen und verfolgt sie weiter.
FILMSTARTS: Wie gut konnte sich Brad auf die Arbeit mit einem Hund einstellen? Fiel ihm das leicht oder musste die Bindung erst nach und nach aufgebaut werden?
David Ayer: Beides. Zunächst muss man lernen, einen Hund an einem Filmset zu führen: seine Blickrichtungen zu kontrollieren, seine Bewegungen zu lenken, ihn seine Positionen treffen zu lassen und die gewünschten Aktionen für die Kamera ausführen zu lassen. Genauso wichtig ist aber die emotionale Ebene: Vertrauen und Bindung. Beides war entscheidend. Für Brad bedeutete das praktisch die doppelte Arbeit. Er spielte nicht nur mit einem anderen Schauspieler, sondern gleichzeitig mit einem Hund, den er ständig führen und kontrollieren musste. In Hollywood sagt man oft, man solle nie mit Hunden oder Kindern arbeiten, weil es schwierig ist. Aber wenn es funktioniert, sind die Ergebnisse außergewöhnlich. Es war beeindruckend zu beobachten, wie Brad während all dieser Herausforderungen ständig in seiner Rolle blieb.
FILMSTARTS: Der Film wirkt für mich deshalb so glaubwürdig, weil er in echter Wildnis spielt und nicht im Studio. Wie schwierig waren die Dreharbeiten unter diesen Bedingungen?
David Ayer: Sie waren äußerst anspruchsvoll. Die neuseeländische Regierung ermöglichte uns Dreharbeiten in streng geschützten Gebieten, in denen zuvor noch nie gefilmt worden war. Deshalb war es unsere Verantwortung, die Natur mit größtem Respekt zu behandeln und keinerlei Spuren zu hinterlassen. Wir mussten unsere komplette Infrastruktur selbst errichten und Ausrüstung teilweise mit Hubschraubern transportieren. Das Gelände bestand aus Bergen, Wäldern und unebenem Untergrund. Allein die Kameratechnik an die richtigen Orte zu bringen – insbesondere für die ruhigen Kamerafahrten – war eine enorme Herausforderung. Zum Glück verfügen die neuseeländischen Filmcrews über außergewöhnliche Erfahrung im Arbeiten unter solchen Bedingungen.
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FILMSTARTS: Wie lief das organisatorisch ab? Arbeitet man in solchen Situationen mit einem kleineren Team oder ist die gesamte Filmcrew vor Ort?
David Ayer: Das hing vom jeweiligen Drehort ab. An manchen Orten konnten wir mit der vollständigen Crew arbeiten. Andere waren nur per Hubschrauber erreichbar; dort galt eine Begrenzung auf etwa 15 Personen. Dann musste man Crewmitgliedern sagen, dass sie an diesem Tag nicht mitkommen konnten – obwohl natürlich jeder dabei sein und zum Film beitragen wollte. Das war je nach Drehort unterschiedlich.
FILMSTARTS: Gibt es etwas, das „Eiserne Wildnis“ mit deinen früheren Filmen verbindet? Schließlich bist du vor allem für urbane Stoffe bekannt.
David Ayer: Ich erzähle häufig Geschichten über Freundschaft und Brüderlichkeit unter extremen Bedingungen. Außerdem beschäftige ich mich immer wieder mit Männlichkeitsbildern. Jungs wird oft vermittelt, sie müssten eine Maske tragen, ihre Gefühle verbergen und einem bestimmten Ideal entsprechen. Dabei sind wir alle emotionale Wesen. Mich interessiert die Frage, wann Menschen sich erlauben dürfen zu trauern, verletzlich zu sein oder zu weinen. Wann dürfen sie diese Maske ablegen und einfach sie selbst sein?
FILMSTARTS: Im Abspann ist auch der Name von Damien Chazelle als Produzent zu sehen. Welche Rolle spielte er bei der Entstehung des Films?
David Ayer: Er und seine Frau Olivia gaben mir zunächst das Drehbuch, wofür ich ihnen sehr dankbar bin. Es ist ein wunderbarer Stoff – beinahe wie ein Gedicht. Wir standen während des gesamten Prozesses im Austausch, sprachen über das Drehbuch und tauschten gelegentlich auch technische Ideen aus. Es war sehr bereichernd, mit einem anderen Regisseur zusammenzuarbeiten, der den kreativen Prozess versteht und mir gleichzeitig den nötigen Freiraum verschafft hat, um meine Arbeit machen zu können.
FILMSTARTS: Zum Schluss noch eine Frage zu deinen zukünftigen Projekten. Du hast kürzlich mit „A Working Man“ einen der Romane aus der Levon-Cade-Reihe von Chuck Dixon mit Jason Statham in der Hauptrolle verfilmt. Gibt es Pläne für eine Fortsetzung oder sogar mehrere weitere Filme?
David Ayer: Im Moment nicht. Zunächst möchte ich abwarten, welchen Weg „Eiserne Wildnis“ nach seiner Veröffentlichung nimmt und wie der Film aufgenommen wird. Es war ohne Zweifel einer der schwierigsten Filme, die ich je gemacht habe. Deshalb nehme ich mir jetzt etwas Zeit, um neue Kraft zu sammeln.