Stephen Kings Werke haben sich längst als besonders geeignet für audiovisuelle Interpretationen erwiesen; der Horrorkönig zählt zu den meistverfilmten Autor*innen der Gegenwartsliteratur. Obwohl seine Bibliographie über 60 Romane und mehr als 100 Kurzgeschichten umfasst und davon bei Weitem noch nicht alle filmisch ausgeschöpft sind, gibt es einige Bücher, die immer wieder auf die Leinwand oder den heimischen Bildschirm zurückkehren.
So diente seine Kurzgeschichte „Kinder des Mais“ als Vorlage für ein gesamtes Filmfranchise („Kinder des Zorns“), während das sogenannte „Dollar Baby“-Programm dutzende Nachwuchs-Adaptionen einzelner Kurzgeschichten hervorbrachte. Klammert man diese aus, wird Kings erster veröffentlichter Roman „Carrie“ dank der neuen Prime-Video-Produktion zu dessen meist-adaptiertem Stoff.
Vor Mike Flanagans Serie, entstanden vier Filmadaptionen und ein Musical (welches durchaus ebenfalls eine filmische Umsetzung verdient hätte) rund um das adoleszente Mädchen, das nach jahrelanger Demütigung mithilfe telekinetischer Fähigkeiten Rache an seinen Peiniger*innen nimmt. Das Quintett an Verfilmungen ist derzeit vollständig im Abo von Amazon Prime Video verfügbar und als lebenslange King-Enthusiastin hat sich FILMSTARTS-Autorin Selina Sondermann allesamt (noch einmal) angesehen, um hier eine ultimative Rangfolge aufzustellen, natürlich inklusive der neuesten Inkarnation.
Platz 5: "Carrie" (2002)
Auf dem letzten Platz findet sich die Fernsehadaption aus dem Jahre 2002. „Star Trek“-Regisseur David Carson inszenierte hier nach einem Drehbuch von „Hannibal“-Serienschöpfer Bryan Fuller, welches sich über weite Strecken am engsten an die Buchvorlage hält. Perfekter könnte ein Anschauungsbeispiel für den Wandel von analogem Film zu digitalen Produktionen eigentlich nicht sein: in dieser Fassung von „Carrie“ wird munter mit der Handkamera draufgehalten, da die Begrenzung des Filmmaterials keine Rolle mehr spielte und sich somit weniger Gedanken um Bildkomposition gemacht werden musste.
Die unnötig in die Länge gezogenen Szenen wirken willkürlich und bremsen den Erzählfluss, die digitalen Spezialeffekte sind zudem schlecht gealtert. Angela Bettis spielt Carrie während ihrer übernatürlichen Episoden mit derart unkontrollierten Körperbewegungen, dass diese Darstellung stellenweise geradezu ableistisch wirkt.
Platz 4: "Carrie" (2013)
Die non-binäre Regieperson Kimberly Peirce („Boys Don’t Cry“) versuchte 2013, Carries gottesfürchtige Mutter differenzierter zu gestalten und heuerte für die komplexe Darstellung Oscar-Preisträgerin Julianne Moore an. Leider zeigte diese Maßnahme nur bedingt Erfolg, da die stupsnasig-niedliche Chloë Grace Moretz für die Rolle der Carrie leider weniger treffend gewählt war. Es hilft ihrer Darstellung leider auch nicht, dass sie sehr offensichtlich stark deckendes Make-up trägt und frisch vom Friseur kommt, anstatt das von King beschriebene ungepflegte Erscheinungsbild zu reflektieren. Insgesamt wirkt der Film viel zu glattpoliert und versäumt es zudem, die neu etablierten Smartphones erzählerisch sinnvoll zu nutzen.
Kleiner Funfact: Die Chris Hargensen dieser Verfilmung ist die Einzige der Filmgeschichte, die Kings äußerlichen Vorgaben zur Ober-Mobberin entspricht. Nach längerer Leinwand-Abwesenheit ist deren Schauspielerin Portia Doubleday übrigens brandaktuell im Kino in „The Social Reckoning“ zu sehen.
Platz 3: "Carrie 2 - Die Rache" (1999)
Die semi-offizielle Fortsetzung des De-Palma-Films wird oft zu Unrecht unterschätzt. Klar, mit Kings Buch hat Katt Sheas Streifen nur wenig zu tun, doch ein einzelner Satz der ersten „Carrie“-Verfilmung lieferte eine clevere Steilvorlage für ein Legacy-Sequel über Carries uneheliche Halbschwester Rachel (Emily Bergl). 23 Jahre nach dem Original schlüpfte hier außerdem Amy Irving erneut in die Rolle der Sue Snell.
„Carrie 2 - Die Rache“ gelingt es, das Grundmotiv aus telekinetischen Fähigkeiten und Mobbing auf einen von realen Ereignissen inspirierten Fall von strukturellem sexuellen Missbrauch an einer US-amerikanischen High School zu übertragen. Die bittere Milieustudie führt eindringlich vor Augen, was passiert, wenn junge Männer aufgrund ihres gesellschaftlichen Status keine Konsequenzen für ihr Handeln zu befürchten haben und wirkt damit wie ein Vorläufer des Netflix-Hits „Tote Mädchen lügen nicht.“
Platz 2: "Carrie" (2026)
Nicht zuletzt aufgrund seiner Ehrfurcht vor Kings geschriebenem Wort entwickelte sich Mike Flanagan in den vergangenen Jahren zu dessen neuem Stammregisseur. Daher überrascht es durchaus, wie weit sich der „The Life Of Chuck“-Regisseur und sein Team aus Drehbuchautorinnen und Regisseurinnen hier vom ursprünglichen Text entfernen.
Diese „Carrie“-Adaption zeichnet sich durch eine konsequent zu Ende gedachte Übertragung der Geschichte auf unsere Zeit aus, von Schul-Amokläufen bis hin zu Ragebait-Videos in den sozialen Medien. Zahlreiche Easter Eggs verbinden die Serie mit ihren filmischen Vorgängern und Kings Universum, dennoch verleiht Flanagan dem deutlich ausgeschmückten Stoff seine eigene Note. Die kanadische Schauspielerin Summer H. Howell spielt Carrie ungewöhnlich jung, wodurch ihre Naivität besonders glaubwürdig wirkt.
Platz 1: "Carrie - Des Satans jüngste Tochter" (1976)
Auch nach 50 Jahren kommt an Brian De Palmas Meisterwerk einfach nichts heran. Die virtuose Bildsprache samt Farbsymbolik und religiösen Motiven wird von einem ebenso ausgeprägten Gespür für akustische Gestaltung ergänzt. Es ist einfach hohe Kunst, wie der Kultregisseur die Streicherelemente aus Hitchcocks „Psycho“ mit dem pulsartigen An- und Abschwellen der Soundkulisse und Pino Donaggios zarter Filmmusik verbindet.
Während der Film unaufhaltsam auf den Abschlussball und die absolute Eskalation zusteuert, bleibt dennoch bis zuletzt die Hoffnung, dass Carrie doch noch der schönste Abend ihres bisherigen Lebens vergönnt sei. Der ikonische Spannungsmoment rund um das Seil, welches an der Bühne entlang zum unheilvollen Eimer führt und von Sue Snell zu spät entdeckt wird, hat bis heute nichts an seiner fesselnden Effektivität eingebüßt. Die eindringlichen Darstellungen von Sissy Spacek (Carrie) und Piper Laurie (Margaret White) hallen lange nach und verkörpern die Stimmigkeit eines Films, bei dem jedes Element perfekt ineinandergreift.
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