Filme bei den großen Festivals wie Cannes oder Venedig zu sehen, hat unter anderem den Vorteil, dass man vorab meist nur sehr wenig über den Inhalt weiß. Gerade beim diese Woche regulär in den Kinos gestarteten „Hope“ hat das für mich den Unterschied ausgemacht: Wenn sich der örtliche Polizeichef Bum-seok (Jung-Min Hwang) zunächst noch einredet, dass die Risswunden an einem tot aufgefundenen Rind womöglich von einem Tiger stammen, obwohl sie dafür eigentlich viel zu mächtig sind, geht beim Publikum sofort das Kopfkino los – und zwar erst recht, wenn man so gar keine Ahnung hat, was da wohl noch auf einen zukommen wird. So muss es damals auch den ersten Kinobesucher*innen bei „Der weiße Hai“ gegangen sein.
Aber selbst das ist nur der Anfang! Sobald der Film die titelgebende Kleinstadt Hope erreicht, verdichten sich die Hinweise, dass da garantiert kein simpler Tiger unterwegs ist – der würde schließlich keine derartige Schneise der Verwüstung hinter sich herziehen: Die Straßen liegen bereits voller Trümmer und viele Häuser haben auf zwei Seiten aufgebrochene Wände, als sei einmal quer eine Cartoon-Figur durch sie hindurchgerast. In der Ferne häufen sich die Explosionen – und irgendwann kommen sogar weggeschleuderte Autos angeflogen. Mehr als 40 Minuten lang türmt sich die angerichtete Zerstörung immer weiter auf – aber das Monster selbst kriegen wir die ganze Zeit über nicht zu Gesicht.
Der Meisterregisseur Hong-jin Na hat mit seinen modernen Klassikern „The Chaser“, „The Yellow Sea“ und „The Wailing“ bereits das Serienkiller-, das Action- und das Exorzismus-Genre jeweils einmal auf links gedreht – und jetzt ist mit „Hope“, dem teuersten südkoreanischen Film aller Zeiten, eben das Genre des Sci-Fi-Blockbusters an der Reihe. Denn selbst nach dem ersten vollständigen Blick auf das Monster hat die atemlose Hatz noch lange kein Ende, stattdessen geht die Action direkt in eine der besten und spektakulärsten Autoverfolgungsjagden der Filmgeschichte über – so stilvollendete U-Turns wie „Squid Game“-Superstar Jung Ho-Yeon hat jedenfalls noch niemand hingelegt.
Erst nach einer guten Stunde kommt man tatsächlich das erste Mal zum Durchatmen – und die zweite Hälfte von „Hope“ schlägt noch mal eine ganz neue Richtung (inklusive der Vorarbeit für mindestens zwei Fortsetzungen) ein. Wenn ihr noch mehr dazu wissen wollt, lest ihr am besten die vollständige FILMSTARTS-Kritik meines Kollegen Björn Becher. Wobei ich weiterhin dafür plädiere, mit so wenig Vorwissen wie möglich ins Kino zu gehen – deshalb haben wir an dieser Stelle auch bewusst keinen Trailer in den Artikel eingebaut. Auf der großen Leinwand lohnt sich „Hope“ auf jeden Fall – selbst wenn euch die zweite Hälfte nicht so gut gefällt wie uns, bietet die erste Stunde schlicht das Spektakulärste, was es in diesem Jahr weltweit auf einer Kinoleinwand zu sehen geben wird.
Apropos sehenswerte Monster-Action im Kino – in nur wenigen Wochen gibt es da direkt noch einen Nachschlag:
Brutaler Monster-Horror mit "Die Odyssee"-Star: Deutscher Trailer zu "Beware Boiúna" – bald im Kino!