In der „Star Wars“-Sequel-Trilogie ist Oscar Isaac zwar ein charismatischer Szenendieb, jedoch kratzt sie nur an der Oberfläche dessen, wozu er schauspielerisch fähig ist. Wer Isaacs volles Können vorgeführt bekommen möchte, ist am besten mit zwei Filmen bedient, die trotz unterschiedlicher Genres viel gemeinsam haben:
Da wäre das Thrillerdrama „A Most Violent Year“, in dem Isaac durch ein winterliches New York stapft und als Heizölhändler verzweifelt versucht, trotz einer brutalen Pechsträhne, desolaten Widrigkeiten und ihm nicht bewusster Selbstsabotage seinem Moralkompass gerecht zu werden und gleichzeitig Erfolg zu finden. Und dann wäre da „Inside Llewyn Davis“, eine pechschwarze Musik-Dramödie.
Darin stapft Isaac durch ein winterliches New York und das frostige Chicago, um als Folk-Musiker trotz einer brutalen Pechsträhne, zwischenmenschlichen Widrigkeiten und ihm nicht bewusster Selbstsabotage seinem künstlerischen Anspruch gerecht zu werden und gleichzeitig Erfolg zu finden.
Das setzen die Brüder Joel & Ethan Coen mit solch einer narrativen Konsequenz und zweischneidigen Tonalität um, dass mir der Film seit 13 Jahren im Kopf herumspukt. Und nicht nur mir geht es so. Die New York Times wählte den Film vergangenes Jahr auf Rang 83 der besten Filme dieses Jahrhunderts, der Hollywood Reporter platzierte ihn 2019 sogar auf Rang 2!
Nun könnt ihr euch in neuer Bild- und Ton-Qualität von der Dramödie überzeugen, denn diese Woche ist „Inside Llewyn Davis“ erstmals im deutschen Heimkino in 4K erschienen!
„Inside Llewyn Davis“ feiert sein deutsches 4K-Debüt in Form einer 3-Disc-Edition, die den Film auf 4K-Disc und Blu-ray enthält sowie eine Bonus-Blu-ray umfasst. Zum Bonusmaterial gehören Interviews, eine Featurette über das Design des Films, ein über 40 Minuten langes Making Of sowie der 101-minütige Begleitfilm „Another Day, Another Time“.
Darum geht es in "Inside Llewyn Davis"
1961: Der Gitarrist Llewyn Davis (Oscar Isaac) streift im tiefsten Winter von einer New Yorker Kneipe zur nächsten, um endlich sein Publikum zu finden. Weil sich dabei keinerlei Erfolg einstellen will, übernachtet der mittellose Folkmusiker bei Freunden, Bekannten und den wenigen Leuten, die seine Musik wertschätzen.
Über Gespür für Zwischenmenschliches verfügt er allerdings nicht – Gefühle und Gedanken drückt er primär über seine Musik aus, weshalb er Leuten wiederholt vor den Kopf stößt. Mut- und orientierungslos lässt sich Llewyn treiben und begibt sich auf eine konfuse Reise nach Chicago. Wird sie ihn und seine Lage verändern, oder ist Llewyn dazu verdammt, immer wieder dort zu enden, wo er aufgebrochen ist..?
Selbstverursachte Perspektivlosigkeit oder unverdiente Katerstimmung?
Die Coens haben ein einzigartiges Händchen für Ambivalenz: Ihre eindringlichsten Regiearbeiten lassen sich je nach Blickwinkel und Tagesform als gehässig, voller Galgenhumor, empathisch, verkopft oder bewusst jeglicher Logik widerstrebend auffassen. „Inside Llewyn Davis“ ist in dieser Reihe filmischer Stimmungsringe keine Ausnahme.
Lose inspiriert durch den vielseitigen Musiker Dave Van Ronk, dessen Schaffen zwar den US-Folk-Rock mitbegründete, jedoch durch Leute wie Joni Mitchell und Bob Dylan überschattet wurde, erzählt „Inside Llewyn Davis“ vom Versagen: Zwischenmenschlich und karrieretechnisch, selbst beim Versuch, sich um eine Katze zu kümmern, schleift sich der von Oscar Isaac mit einer faszinierenden Vielzahl an trübseligen Blicken verkörperte Protagonist von einem Missgeschick zum nächsten.
Das ist unmissverständlich. Vielschichtig zeigt sich die von „Across The Universe“-Kameramann Bruno Delbonnel in kühl-entsättigten, grauschlierigen Blau-, Dunkelgrün- und Beige-Tönen gehüllte, mit verwaschenen Orange-Tupfern versehene Tragikomödie indes, wenn es darum geht, die Ursachen zu betrachten:
Es ist möglich, sich voller Überzeugung auf Llewyn Davis' Seite zu schlagen und den Film als Abfolge an Paradebeispielen dafür zu verstehen, weshalb sich passionierte, ehrliche Kunst nicht immer durchsetzt. Der blaumütige Musiker bekommt es mit unfairen Bezahlmodellen, abgezockten Auftraggebern und außerhalb seiner Macht stehenden Fragen des Zeitgeists zu tun – und das Schicksal hat beschlossen, dass er ein Donald Duck ist, kein Gustav Gans.
StudioCanal
Genauso lässt sich „Inside Llewyn Davis“ als Abrechnung mit selbstmitleidigen, ichbezogenen Schluffis verstehen, die von einer kurzsichtigen Entscheidung zur nächsten irren, andauernd Brücken abfackeln, verbrannte Erde zurücklassen und entgegen ihrer hohen Meinung von sich selbst sowohl Feingefühl als auch den Blick fürs Detail missen lassen. Diese Ambivalenz durchzieht jede Einstellung, Dialogzeile und inhaltliche Entwicklung dieser Odyssee vorbei an kuriosen Musikschaffenden, piefigen Normalos und liebenswerten Haustieren:
Alles in „Inside Llewyn Davis“ lässt sich vom staubtrocken-humorvollen Loblied auf sture Integrität zur niederschmetternden Verlierertragödie und zum schonungslosen Kommentar auf arrogantes Scheuklappendenken umkrempeln. All das, ohne dass der Film je seine dichte Atmosphäre verlieren würde – denn diese Filmwelt schert sich nicht darum, wie du sie verstehst. Ähnlich, wie sich die Wirklichkeit nicht darum kümmert, wie du deine eigene Rolle definierst.
Diese poetisch bittere Erkenntnis lässt mich nicht los: Wann immer ich von Unglück zu Schlappe schlittere und mir erschöpft keinerlei Verantwortung dafür geben will, nehme ich mich gedanklich bei Seite und frage mich kritisch, welcher Llewyn Davis ich denn gerade bin. Der unschuldige Spielball des Schicksals oder der, der sein eigenes Grab schaufelt und jammert, wie übel ihm mitgespielt wird – oder irgendeiner der vielen Llewyns dazwischen.
Schon betrachte ich mein Trübsal aus einer neuen Perspektive und nehme das Pech auf die leichte Schulter oder kremple die Ärmel hoch. Von den Coens möchte ich mein Leben trotzdem nicht verfilmt wissen. Aber ich kann euch noch einen Film von ihnen aus aktuellem Anlass empfehlen:
Raffiniert, blutig und extrem spannend: Dieser grandiose Thriller erscheint erstmals in 4K fürs Heimkino!*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.