Dani Levy über "Mein Führer"

Anlässlich des Kinostarts von "Mein Führer" in Frankreich sprach AlloCiné mit dem Regisseur über seinen viel diskutierten Film.

Allociné: Ihr Film hat in Deutschland für Diskussionen gesorgt und negative Kritik geerntet. Grund dafür war die Frage, ob man eine Komödie über Hitler machen könne. Wie denken Sie wird das französische Publikum den Film aufnehmen?

: In Deutschland war es damals so, dass ich mit Leuten, die den Film gesehen haben, unheimlich tolle Interviews geführt habe. Ich hatte gute Gespräche mit den Journalisten und ich hatte das Gefühl, dass der Film in sehr guten Händen ist. Ich war dann teilweise schon sehr erschüttert über die Niveaulosigkeit und Ängstlichkeit, mit der mit dem Film umgegangen wurde. Die Diskussion ist an der Oberfläche geblieben und die zentralen Fragen und Thesen des Films wurden gar nicht wirklich besprochen. Ich habe in Frankreich wieder ein sehr gutes Gefühl, die Journalisten, die den Film gesehen haben, waren begeistert und sehen auch eine sehr substantielle Auseinandersetzung mit dem Thema und auch mit der Tradition der Filme über das Thema. Ich bin aber vorsichtig geworden, was am Schluss wirklich ankommt und dann in der Presse passiert. Aber ich bin ein großer Fan des französischen Publikums, hier genießen relevante Filme einen kommerziellen Erfolg, in Deutschland haben diese Filme nicht einmal einen Achtungserfolg. Hier gibt es ein Bewusstsein für schwierige Filme und die Bereitschaft, im Kino nicht nur dumpf zu konsumieren, sondern sich auch anspruchsvolle, komplizierte und kontroverse Produkte anzusehen. Darin sind die Franzosen wirklich Meister. Deswegen habe ich die Hoffnung, dass sie den Weg ins Kino finden werden, um sich meinen Film anzusehen.

Sie sind nun schon in vielen Ländern mit dem Film herumgereist. War im Ausland die Resonanz besser als in Deutschland?

Nicht unbedingt. Vielleicht nur nicht so vorbelastet. Ich fand, dass selbst in Österreich die Resonanz neugieriger und offener als in Deutschland war. Die Deutschen waren sehr streng, obwohl ich wie gesagt zuvor auch gute Gespräche in Deutschland hatte. Mein Film hat es dort aber nicht geschafft zu einer substantiellen Diskussion zu führen, sondern ist stehen geblieben bei der Frage: Darf man Komödien über Hitler machen? Das ist meiner Meinung nach so eine langweilige Diskussion. Aber es schien anscheinend notwendig. Ich dachte, die Tür sei längst offen und die Diskussion viel weiter und plötzlich habe ich bemerkt: Moment, wir sind noch da hinten - erstmal muss man die Grundausstattung klären. Das war total schockierend für mich. Die Deutschen sind oft einfach zu faul, um bestimmte Wege zu gehen, sobald Kino anstrengend wird, im Sinne von nicht den Seh- und Erwartungshaltungen entsprechend. In Frankreich ist man meiner Meinung nach besser daran gewöhnt.

Warum haben Sie ausgewählt, Hitler zu verkörpern?

Weil er perfekt war. Als ich das Drehbuch schrieb habe ich an Helge gedacht. Ich habe ihm dann das Drehbuch geschickt, ihn angerufen und gefragt: Kannst du dir vorstellen Adolf Hitler zu spielen? Da hat er gesagt: Ja, es gibt schlechtere Rollen. Dann haben wir ein Casting gemacht und ich habe gesehen, dass er super war. Er hat eine Spielfreude, er war unbelastet und hat nicht diese Über-Ambition, die Schauspieler manchmal haben. Denn er versteht sich sowieso nicht als Schauspieler sondern ist eher ein Performer und Künstler. Ich fand ihn und finde ihn einfach perfekt. Auch das ist in Deutschland vollkommen ignoriert worden, er wurde nicht einmal für den Deutschen Filmpreis als bester Schauspieler nominiert, was ich eine totale Fehlleistung finde. Da hat man wieder etwas nicht gesehen, oder nicht sehen wollen. Man kann kritisch mit dem Film umgehen, aber man muss doch sehen was er macht, das ist ein Wahnsinn.

Haben Sie den Untertitel als Provokation gewählt?

Ja. Aber es liegt in der Provokation auch ein Funken Wahrheit. Natürlich ist die Geschichte erfunden. hebt sich von anderen Filmen über den Nationalsozialismus ab, da er keinen Anspruch an Realität hat. Es ist klar, dass dieser Lehrer mit diesem Namen und die ganze Situation Ende 1944 nicht existierten. Hitler war zu diesem Zeitpunkt ja ganz wo anders - er ging von Führerhauptquartier zu Führerhauptquartier. In dieser Hinsicht ist der Titel ironisch. Auf der anderen Seite glaube ich, dass man manchmal die Abbildungen der gängigen Bilder, die man recherchiert hat, verlassen muss und ins Innere, den Eingeweiden, vorstoßen muss, um eventuell eine andere Wahrheit zu finden. Eine Wahrheit, die der Wahrheit dessen, was wirklich passiert ist, tatsächlich näher kommt. Weil das ist es was wirklich interessiert. Die meisten Filme über den Nationalsozialismus haben, so wie meiner, den Anspruch, zu erfahren was in der Zeit passiert ist, um es irgendwann mal hinter sich zu lassen. Damit man sagen kann dass man verstanden hat, wie ein so wahnsinniges und ungeheuerliches Verbrechen mitten in Deutschland passieren konnte. Ich kritisiere Filme die sich damit aufhalten, das was man in Geschichtsbüchern lesen kann, zu bebildern und zu reproduzieren. Wir sehen immer wieder das Gleiche aber letztendlich wagen sie niemals die Frage nach dem Warum?. Da ich das ja versuche in meinem Film, also ich stelle zumindest eine These auf, glaube ich, dass der Film zumindest auf der Suche nach der Wahrheit ist. Deswegen ist der Untertitel nicht nur ironisch, sondern hat auch einen ernsten Kern.

Wie lautet Ihre persönliche Erklärung des Massenphänomens? In Ihrem Film sieht man am Schluss, wie die Masse Hitler alles nachsagt, so auch Heilt euch selbst....

Also dieses Heilt euch selbst !, wo dann die Masse ruft Heil mich selbst ! anstatt von Heil Hitler ! ist natürlich die extreme Verkürzung einer Grundidee. Grundsätzlich sehe ich es so, dass das, was im Nationalsozialismus passierte, eine Entgleisung der Menschlichkeit einer Gesellschaft war. Das darf einer Gesellschaft nicht passieren, das ist ja das Unverzeihliche. Alle Werte und Vereinbarungen zwischen Menschen sind gebrochen worden. Mich interessieren die Menschen, die in den leitenden Funktionen waren, aber auch die vielen Millionen von Menschen, die die Gesetze in die Tat umgesetzt haben, die sind ja wirklich am meisten beängstigend. Ein großer Teil des deutschen Volkes war aktiv beteiligt, und die Erklärung die ich dafür liefere, die ich in den Büchern von Alice Miller gefunden habe, ist jene, dass das Volk sozusagen psychisch durch die Art wie es aufgezogen wurde darauf vorbereitet wurde. Ich bin sowieso der Meinung, dass die Erziehung der Kinder in den Familien und Schulen sehr relevant, ist wenn es darum geht eine Gesellschaft zu betrachten. Ich glaube auch, dass die Verantwortung der Eltern und der Lehrer ständig unterschätzt wird, wenn es darum geht, eine Gesellschaft die eben tolerant und respektvoll ist zu bilden. Zu dieser Zeit, als Hitler groß geworden ist und bis er zur Macht kam, sind in der Erziehung mit der Schwarzen Pädagogik wie sie heute bezeichnet wird an den Kindern so viele Verbrechen verübt worden. Die Kinder wurden völlig falsch erzogen und eigentlich zu Kriminellen gemacht, weil die Gewalt war in den Familien sowieso schon drin, da die Kinder verprügelt, gezüchtigt und gefoltert wurden. Ihr Ego wurde gebrochen und sie sollten zu gehorsamen Menschen gemacht werden. Meiner Meinung nach fand eine Vorbereitung für den Nationalsozialismus statt, zu einer Gruppe von Menschen, die zu diesen Verbrechen fähig war. Und das ist die These des Films.

Warum gaben Sie Grünbaum den Vornamen Adolf?

Adolf war ein gängiger Name zu dieser Zeit. Warum sollte man ein Kind nicht Adolf nennen, auch in jüdischen Kreisen. Im Bekanntenkreis meiner Eltern gab es auch jüdische Adolfs. Ich fand das interessant, dass es auf der philosophischen Ebene eine Verbindung, eine Brüderlichkeit zwischen den beiden Adolfs gibt. Sie sind zwar auf zwei verschiedenen Seiten der Welt geboren, wie man so schön sagt - der eine ist der größte Herrscher und der andere ist eigentlich ein Todgeweihter. Trotzdem gehören die beiden Adolfs, wenn man es im metaphysischen Sinn nimmt, zusammen. Das hat etwas mit dem Satz zu tun, der am Anfang gesagt wird und so über dem Film steht: Küsst die Faschisten, wo ihr sie trifft. Man muss die Feindschaft überwinden und den Faschisten umarmen, um ihn zu verstehen. Dieses gemeinsame Adolf hat etwas mit Brüderlichkeit zu tun, also dass sie einander brauchen. Ob sie wollen oder nicht. Mich hat diese Beziehung interessiert - also dass Grünbaum mit Neugierde und gleichzeitig auch fast schon mit Liebe in das System von Hitler eingreift und versteht, was mit ihm passiert ist. Ich meine, wenn er vor Hitler steht, auf ihn einschlagen will und plötzlich sieht, dass dieser ein gequältes Kind ist. Da schafft es Grünbaum nicht, weil er Humanist ist, da sind die beiden Adolfs schon fast deckungsgleich. Das ist schon fast christlich irgendwo, das ist fast schon so eine Art Versöhnungstheorie, das ist gefährlich. Ich möchte mich nicht mit den Faschisten versöhnen, sondern sie verstehen.

Das Interview wurde am 22. Februar von Barbara Fuchs in Paris geführt

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