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    Pro & Contra zu "Captain Marvel": Ist die mächtigste MCU-Heldin auch eine interessante Figur?
    Von Julius Vietzen, Christian Fußy — 16.03.2019 um 11:00

    Obwohl seit der Pressevorführung von „Captain Marvel“ viel Zeit zum Nachdenken vergangen ist, fällt es uns immer noch schwer, die Titelheldin eindeutig zu beschreiben. Wir diskutieren, ob das ein Gewinn für den Film ist oder ein Problem.

    Chuck Zlotnick..©Marvel Studios 2019

    Achtung, Spoiler zu Captain Marvel!

    Pro:
    Captain Marvel ist eine starke Figur

    Von Julius Vietzen

    Es ist eigentlich ziemlich unfair: Wird in einem Superheldenfilm eine klassische Origin-Story erzählt, beschwert sich der eine Teil der Zuschauer und Kritiker, weil man entweder genau diese Vorgeschichte schon einmal auf der Leinwand gesehen hat (etwa bei Batman, Superman oder Spider-Man) oder weil Origin-Stories allgemein nicht besonders spannend sind. Wird die Hintergrundgeschichte des Helden hingegen nur in Andeutungen oder Rückblenden erzählt – so wie etwa bei Ben Afflecks Batman in „Batman V Superman“ oder aktuell in „Captain Marvel“ – beschwert sich ein anderer Teil der Zuschauer und Kritiker, weil man die Figur nicht gut genug kennenlernt.

    Die Gratwanderung ist also offenbar ziemlich schwer und die Reaktionen unter den anwesenden FILMSTARTS-Redakteuren bei der „Captain Marvel“-Pressekonferenz deuten darauf hin, dass sie in dem MCU-Solofilm offenbar nicht rundum gelungen ist. Ich hatte allerdings nicht das Gefühl, dass ich Vers alias Carol Danvers alias Captain Marvel (Brie Larson) nicht kennengelernt hätte. Und auch die Art, wie ihre Hintergrundgeschichte erzählt wurde, fand ich äußerst gelungen.

    Was wir über Carol erfahren

    Denn die Idee, Carols Vergangenheit nur in der Szene, in der Talos (Ben Mendelssohn) in ihrem Gedächtnis herumwühlt, und einigen über den restlichen Film verstreuten Rückblenden zu erzählen, ist in meinen Augen eine ziemlich elegante Lösung für das Origin-Story-Problem. Doch trotzdem weiß ich jetzt, dass Carol (als Kind: London Fuller / später: Mckenna Grace) eine schwere Kindheit mit einem harten, möglicherweise gewalttätigen Vater (Kenneth Mitchell) hatte und ihr schon damals ständig gesagt wurde, dass sie bestimmte Dinge nicht tun darf oder kann, weil sie ein Mädchen ist – egal ob Kart-Fahren oder Sandburgenbauen.

    Ähnlich erging es ihr dann, nachdem sie wild entschlossen und mit allen Mitteln dafür gekämpft hat, einen Platz in der Pilotenausbildung bei der Air Force zu ergattern, was überhaupt nur deswegen möglich wurde, weil Mar-Vell alias Dr. Wendy Lawson (Annette Bening) auch Frauen für ihr Project P.E.G.A.S.U.S. einstellte: Auch während ihrer Zeit bei der Air Force wurde sie nämlich von Männern verspottet, ja sogar belästigt und hat sich deswegen eine harte, kühle, professionelle Fassade zugelegt. Doch vor allem hat sie sich nie unterkriegen lassen, sondern ist immer wieder aufgestanden.

    Gefühlskalt ist sie deswegen aber noch lange nicht, denn gleichzeitig entwickelte sie eine enge Beziehung mit ihrer besten Freundin Maria Rambeau (Lashana Lynch), wie wir in den Flashbacks sehen. Diese Beziehung wird dann auch nach Carols Rückkehr auf die Erde noch einmal wichtig: Während des starken, ungewöhnlich langen und ruhigen Mittelteils des Films auf Marias Ranch sehen wir, wie der Kontakt mit ihrer besten Freundin und deren Tochter Monica (Akira Akbar) sie langsam auftauen lässt. Und als sich die Skrulls als hilf- und harmlose Flüchtlinge entpuppen, eilt Carol ihnen ohne Zögern zu Hilfe.

    Chuck Zlotnick ©Marvel Studios 2019
    Lashana Lynch und Brie Larson in „Captain Marvel“
    Unfairer Vergleich

    Klar, so gut wie Tony Stark (Robert Downey Jr.) oder Steve Rogers (Chris Evans) kennen wir Carol vielleicht noch nicht, aber das ist doch auch kein Wunder: Die beide männlichen Helden sind bereits seit 2008 bzw. 2011 dabei und waren in ungleich mehr MCU-Filmen zu sehen. Nicht vergessen: „Captain Marvel“ ist erst der Anfang von Carols Abenteuern und wir werden in zukünftigen Filmen noch deutlich mehr Seiten an ihr kennenlernen – angefangen mit „Avengers 4: Endgame“. Auch bei einer Serie (und damit kann man das MCU durchaus vergleichen) erwartet schließlich niemand, dass man eine Figur bereits nach einer Folge komplett kennt.

    Und ich gebe sogar zu, dass man Iron Man und Captain America nach ihren jeweiligen Debütfilmen womöglich besser kannte als das bei Carol der Fall ist, doch ich bin mir gar nicht mal sicher, dass die Figurenzeichnung in „Captain Marvel“ deshalb weniger gut gelungen ist. Ich denke, das liegt vielmehr daran, dass sich der scharfzüngig-arrogante Erfinder und der idealistische, aus der Zeit gefallene Soldat viel besser mit einem einzelnen Schlagwort beschreiben lassen – während Carol eine kompliziertere, vielschichtigere und wenig eindeutig beschreibbare Figur ist.

    Keine fehlerlose Figur

    Dazu passt auch, dass Carol keineswegs makellos ist (ein weiterer Vorwurf, der nach der Pressevorführung laut wurde). Als Vers kämpft Captain Marvel lange für die falsche Seite und lässt sich von der noblen Fassade der Kree und den Worten von Yon-Rogg (Jude Law) einlullen. Und auch wenn sie im Kontakt mit Nick Fury (Samuel L. Jackson) bald etwas auftaut, ist sie im Umgang mit anderen ziemlich spröde, fast schon distanziert – woran wohl in gleichen Teilen ihr Gedächtnisverlust und ihre bösen Erfahrungen als Pilotin in den 80ern schuld sein dürften.

    Und ihre zwischenmenschlichen Probleme sind nach „Captain Marvel“ keineswegs Geschichte, denn Carols Mini-Auftritt in der Mid-Credit-Szene deutet meiner Meinung nach an, dass sie sich keineswegs reibungslos in die restlichen Avengers einfügen wird. Dass sie hier plötzlich auftaucht und sich barsch nach Fury erkundigt, bedeutet wohl, dass die 23 zwischen „Captain Marvel“ und „Avengers 4“ verstrichenen Jahre, die sie sehr wahrscheinlich im Weltall verbracht hat, nicht eben dazu beigetragen haben, ihre zwischenmenschlichen Fähigkeiten zu verbessern.

    So oder so: Mir reichen die groben Pinselstriche, mit denen die Regisseure und Drehbuchautoren Anna Boden und Ryan Fleck sowie ihre Co-Drehbuchautorin Geneva Robertson-Dworet hier die Figur Captain Marvel skizzieren. Und ich bin gleichzeitig gespannt, wie sich ihre Figur in den nächsten MCU-Filmen weiterentwickelt…

    Marvel Entertainment
    Captain Marvel im „Avengers 4: Endgame“-Trailer

    Contra:

    Captain Marvel ist mächtig, aber nicht viel mehr

    Von Christian Fußy

    Ich habe weder ein Problem mit klassischen Origin-Stories, noch mit Geschichten, die bereits in vollem Gange sind. Der Teil des Films, in dem Peter Parker erst lernt, seine Kräfte zu verstehen, gehört für mich zu den Highlights in Sam Raimis „Spider-Man“. Der Satz „aus großer Kraft folgt große Verantwortung“ ist nicht von ungefähr mittlerweile so etwas wie das Leitmotiv des gesamten MCU.Guardians Of The Galaxy“ und Tim Burtons „Batman“ erzählen die Hintergrundgeschichte ihrer Figuren hingegen in Rückblenden, dennoch hängt diese die ganze Zeit wie ein Schatten über ihnen und beeinflusst die Entscheidungen, die sie treffen. Das ist einfach gutes Geschichtenerzählen und hat nichts damit zu tun, ob die Figur bereits vollständig geformt ist oder erst einen Schubser zum Heldentum benötigt.

    Bei „Captain Marvel“ handelt es sich auch um eine Figur mit potentiell hochspannender Hintergrundgeschichte und die Art, wie sie erzählt und in die Haupthandlung eingebunden wird, ist – zumindest auf dem Papier – clever und einzigartig. Das Publikum erfährt sie durch die Augen von Carol Danvers selbst, die ihre ihr unbekannte Vergangenheit auf der Erde erforscht. Das Problem ist nur, dass das Ganze für mich am Ende nicht zu einem organischen Ganzen zusammenkommt.

    Die Dualität der Hauptfigur funktioniert nicht

    Carol Danvers ist angelegt als eine draufgängerische Air-Force-Pilotin, die nach dem Motto „schneller, höher, weiter“ lebt, mit ihrer besten Freundin in Karaoke-Schuppen rumhängt und sich von niemandem unterkriegen lässt. Kree-Soldatin Vers unterdrückt hingegen ihren Sinn für Humor und ihre Emotionen und hat eher ein stoisches Auftreten. Über den Verlauf des Films lernt die Heldin, dass die Kree Schurken sind und die Macht, die ihr verliehen wurde, noch viel stärker ist, wenn sie die Vorgaben des Mannes ignoriert, der versucht, sie zu kontrollieren. Je mehr sie zu ihrem alten Selbst zurückfindet, desto größer werden ihre Kräfte.

    So weit die Theorie. Ich hatte allerdings nie den Eindruck, als würde Vers wirklich unter der Kontrolle von Yon-Rogg stehen oder ihre Kräfte deswegen weniger wirksam sein. Sie wird von dem Soldaten zwar angewiesen, ihre Emotionen zu kontrollieren, wirklich konsequent zieht sie das aber nicht durch. Sobald sie auf der Erde ist, klopft sie Sprüche, setzt ein überhebliches Lächeln auf, liefert sich Wortgefechte mit Nick Fury, klaut ein Motorrad, weil sie vom Fahrer beleidigt wurde, und macht auch sonst nicht den Eindruck, als würde sie irgendetwas zurückhalten. Auch in den Kämpfen mit den vermeintlich bösen Skrulls sieht es nicht danach aus, als würden die Aliens irgendeine Bedrohung für sie darstellen. Somit wirkt auch die finale Befreiung von ihrem Unterdrücker nie wie ein Aufbäumen gegen einen mächtigen Patriarchen, sondern mehr wie die Bestrafung eines ungezogenen Bengels.

    Chuck Zlotnick ©Marvel Studios 2019
    Yon-Rogg (Jude Law) und Vers

    Bei Carol Danvers ist dann eher das Problem, dass wir sie nie richtig kennengelernt haben. Mir reichen grobe Skizzen hier nicht aus. Wenn der komplette Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist, dass Vers zu ihrer alten Persönlichkeit zurückfinden muss, sollte man diese Persönlichkeit auch kennen. Nur weil mir beispielsweise gesagt wird, dass Maria Carols beste Freundin ist und Carol diese während ihrer Schwangerschaft und darüber hinaus unterstützt hat, habe ich trotzdem noch keine Bindung zu ihr. Ich kenne die beiden Frauen und ihre Freundschaft ja zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht.

    Die Bildmontage am Ende, in der wir sehen, wie die junge Pilotin schon seit dem Kindesalter nach jedem Rückschlag immer wieder aufsteht, sollte eigentlich ein echter Gänsehautmoment sein, die Figur, der wir die letzten zwei Stunden zugesehen haben, ist allerdings eine, die jeden potentiellen Rückschlag mit einer Armbewegung ausradieren kann. Die persönlichen Höhen und Tiefen und Beziehungen in Carol Danvers‘ Leben werden nur im Schnelldurchlauf erzählt und ihr gegenwärtiges Ich hat keine klar definierte Persönlichkeit. Ich bin ja auch gegen schablonenhafte Figuren, der Film ist am Ende aber (leider) nicht genug intensive Charakterstudie, um mehr zu sein als ein geradliniger Action-Blockbuster mit grünen Australiern und Katzen aus dem Weltraum. Und eine Schablone ist mir da lieber als nichts.

    Aus großer Kraft folgt große Langeweile

    Dass Captain Marvel in ihrem Solofilm nur lernen muss, auf sich selbst und nicht auf andere zu hören ist mir am Ende als einziges wirkliches Hindernis auch zu wenig. Selbst Paddington-Bär, im Grunde perfekt in jeder Hinsicht, muss sich in seinen Filmen mit schwereren Problemen herumschlagen. Dabei bietet der Film genügend Möglichkeiten, aus der Superheldin eine etwas ambivalentere Person zu schmieden. Danvers wurde einer Gehirnwäsche unterzogen und wird daher am Ende von den Skrulls von jeder Schuld an deren Verfolgung freigesprochen, aber wäre es nicht spannender, wenn sie aus freien Stücken zu den Kree gestoßen wäre und sich nun mit den Konsequenzen dieser Entscheidung auseinandersetzen muss?

    Oder vielleicht ist sie durch ihre harte Ausbildung und das Überwinden zahlreicher Widrigkeiten zu einer überselbstbewussten Draufgängerin geworden, die erst lernen muss, mit ihren Kräften umzugehen. Wir beobachten im Film immer wieder, wie Captain Marvel achtlos Eigentum zerstört und sich über jegliche Autorität hinwegsetzt, weil sie auf der Erde ohnehin niemand daran hindern kann. Dieselben Verfehlungen hat Maverick (Tom Cruise) in „Top Gun“, der in „Captain Marvel“ häufig zitiert wird, ja auch. Und wo das hinführt, wissen alle, die den Film gesehen haben. Kraft und Verantwortung eben.

    Schwächen machen mich schwach

    Gerade die Schwächen sind es ja, die Marvel-Charaktere so unterhaltsam machen: Tony Stark ist ein getriebener Weltverbesserer mit Riesenego, Captain America der ideale Held, der die Menschen, die er liebt, trotzdem nie beschützen kann, Star-Lord ist ein kindischer Taugenichts mit Vaterkomplex, Rocket Raccoon von Wut zerfressen und Doctor Strange arrogant. Es ist natürlich nicht nötig, dass alle Helden des MCU in ihren Solofilmen irgendwelche inneren Dämonen bekämpfen, wenn wie bei „Captain Marvel“ die äußeren Dämonen aber so offensichtlich unterlegen sind, wäre das doch ein guter Ansatz für ein wenig Drama.

    Trotz allem halte ich Brie Larson für eine ausgezeichnete Besetzung und freue mich natürlich darauf, ihre Figur in „Endgame“ wiederzusehen. Auch wenn ich von ihrem Soloabenteuer nicht hundertprozentig begeistert war. Ich vertraue den Russos voll und ganz, Captain Marvel noch ein paar Facetten mehr abzugewinnen und sich auf die Aspekte ihrer Persönlichkeit zu konzentrieren, die für ordentliche Reibereien mit den restlichen „Avengers“ sorgen. Wäre ja langweilig sonst.

    „Captain Marvel“ läuft seit dem 7. März in den deutschen Kinos.

     

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