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    Streaming-Tipp: Auf AppleTV+ läuft einer der schönsten Filme des Jahres - und der gehört eigentlich ins Kino
    15.08.2021 um 15:00
    Björn Becher
    Björn Becher
    -Mitglied der Chefredaktion
    Ob Lachen mit „Jack & Jill“, Weinen mit „Bambi“ oder Hochspannung in „Heat“. Björn Becher liebt die Kraft des Kinos, ihn zu bewegen.

    „CODA“ ließ sich Apple eine Rekordsumme kosten, um den Film nun auf AppleTV+ zeigen zu können. Dort solltet ihr ihn laut FILMSTARTS-Redakteur Björn Becher unbedingt sehen – auch wenn er traurig darüber ist, dass er nicht im Kino läuft.

    Apple

    +++ Meinung +++

    Als „CODA“ im Januar 2021 seine Weltpremiere auf dem renommierten Sundance Filmfestival feierte, war schnell klar, dass hier gerade einer der Filme des Jahres gezeigt wurde. Begeisterte Reaktionen führten zu mehreren Auszeichnungen, darunter sowohl Preise der Jury als auch des Publikums. Apple schlug direkt zu und gab mit 25 Millionen Dollar die bisher höchste Summe aus, die jemals für die Verleihrechte an einem Film auf dem bedeutendsten Festival für amerikanisches Independent-Kino gezahlt wurden. Eine solche Erfolgsgeschichte ist oft der Auftakt zu einer Kampagne, die bis hin zu den Oscars führt – vielleicht auch im Fall von „CODA“.

    In den USA läuft das berührende Drama um eine außergewöhnliche Familie daher auch zusätzlich zum Streamingstart in den Kinos. In Deutschland gibt es den Film von Regisseurin Siân Heder („Tallulah“) dagegen seit 13. August 2021 exklusiv bei Streamingdienst AppleTV+. Bevor ich euch erkläre, warum ich das in diesem Fall besonders schade finde, möchte ich euch erst kurz den Film selbst vorstellen und verraten, warum er so besonders ist.

    Darum geht es in "CODA"

    Ruby Rossi (Emilia Jones) ist eine Außenseitern an ihrer Schule, über die sich andere lustig machen. Das hat auch mit ihrer Familie zu tun. Ihre Eltern Frank (Troy Kotsur) und Jackie (Marlee Matlin) sowie ihr Bruder Leo (Daniel Durant) sind alle gehörlos. Sie ist ein CODA, ein Children Of Death Adults. Ruby muss daher neben der Schule immer die Übersetzerin für ihre Familie spielen, schon früh morgens mit Vater und Bruder raus aufs Fischerboot, weil sie als Einzige den Funk bedienen kann.

    Weil sich ihr Schwarm Miles (Ferdia Walsh-Peelo) für den Chor registriert und sie das Singen liebt, schreibt sich Ruby ebenfalls kurzentschlossen ein, obwohl sie eigentlich das letzte Schuljahr nur unauffällig hinter sich bringen wollte. Dort fällt ihr überraschendes, unglaubliches Gesangstalent dem eigenwilligen Chorleiter Bernardo Villalobos (Eugenio Derbez) auf, der sie fördern und ihr zu einem College-Stipendium verhelfen will. Doch das beißt sich mit den Plänen ihrer Familie, die das schlecht laufende Fischereigeschäft neu ausrichten will. Und bald wächst Ruby all das über den Kopf...

    „CODA“ ist ein Remake der französischen Komödie „Verstehen Sie die Béliers?“ und auch wenn viele Szenen übernommen wurden, setzt sich Siân Heder gleich in einer Hinsicht deutlich vom Original ab: Hier verkörpern selbst gehörlose Schauspieler*innen die entsprechenden Rollen. Oscarpreisträgerin Marlee Matlin („Gottes vergessene Kinder“, „Picket Fences“) kämpft schon lange für mehr Chancen für Gehörlose in Hollywood und betont in Interviews nun, wie wichtig es gewesen sei, dass der Film in dieser Hinsicht authentisch sei. Sie und ihre Kollegen hätten so viel Details einfach verbessern und korrigieren können.

    Das Original sah sich auch dem Vorwurf konfrontiert, dass das Spiel der beiden Eltern wie eine übertriebene Karikatur wirke. Gehörlose fühlten sich durch die übertriebene Gestik beleidigt. Gerade hier ist die nun im Remake vorhandene Zurückhaltung wichtig, denn es wird nicht nur per Gebärden reichhaltig geflucht und mit kreativen Schimpfnamen um sich geschmissen. Vor allem sind Frank und Jackie sehr expressive und schräge Eltern, die man nicht zusätzlich in ihrer Darstellung noch weiter überzeichnen darf. Für Ruby erzeugen die Eltern so immer peinliche Momente, wenn sie zum Beispiel beim Arzt Details zum Sexleben übersetzen muss, weil Mama und Papa ein Jucken im Genitalbereich haben. Darauf liegt nun auch der Fokus.

    Schon "Star Wars" bekam dank Troy Kotsur neue Emotionen

    Wie Matlin kämpft auch ihr Co-Star Troy Kotsur schon lange für mehr Inklusion und sorgte zuletzt für viel Aufsehen – mit seiner Rolle als Tusken-Räuber in der „Star Wars“-Serie „The Mandalorian“. Die Wüstenbewohner waren zuvor nur als primitive, ein wenig rumfuchtelnde Kreaturen bekannt, doch Kotsur kam auf die Idee, eine Gebärdensprache für sie zu entwickeln und überzeugte Regisseur Dave Filoni, diese in die Serie einzubauen. Plötzlich bekamen sie Emotionen, aus den Tuskens wurden Figuren aus Fleisch und Blut.

    Auch in „CODA“ ist Kotsur nun für besondere Emotionen und ein Highlight des Films zuständig. Während die Mutter die Gesangsträume ihrer Tochter ablehnt, gar nicht verstehen will, warum sie ausgerechnet etwas machen will, was ihre Familie ausschließt, sieht er nach und nach, dass Ruby ihren eigenen Weg einschlagen muss. Es gipfelt im Schulkonzert. Das große Duett, das Ruby schon lange mit Miles probt, soll nun endlich aufgeführt werden.

    Bei jedem anderen Coming-Of-Age-Musikfilm wäre es der Moment der großen musikalischen Überwältigung, doch Heder dreht den Ton komplett ab. Wir sehen die ganze Szene durch die Augen von Frank, der keinen Pieps hört und sich nur umschaut. Er sieht einfach, was die Stimme seiner Tochter mit den hörenden Menschen im Publikum anstellt, wie ihr Gesang die anderen berührt. Und das ergreift ihn selbst und auch uns – es ist ein wahrer Gänsehaut-Moment und der ist so stark, dass diese Gänsehaut gerade beim reinen Erinnern und Schreiben darüber wieder auftritt.

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    Rubys Familie sieht den Auftritt der Tochter

    Ein Highlight von „CODA“ ist aber natürlich Emilia Jones. Die bislang vor allem durch die Netflix-Serie „Locke & Key“ bekannte Jungschauspielerin gibt nicht nur dank außergewöhnlicher Gesangsnummern eine mitreißende Vorstellung als zerrissene junge Frau ab – sondern gerade auch im Zusammenspiel mit dem großartig-exzentrischen mexikanischen Star-Komiker Eugenio Derbez („Jack & Jill“).

    Es ist jederzeit zu spüren, welche Last auf den Schultern von Ruby liegt. Diese will eigentlich ein normaler Teenager sein, trägt aber die ganze Verantwortung für ihre Familie, die sich auf sie als Übersetzerin in so vielen Lebenslagen verlässt. Dabei kommen aber niemals die Nebenfiguren zu kurz – gerade der ältere Bruder, der darunter leidet, dass immer seine kleine Schwester um Hilfe gebeten wird. Er fühlt sich nutzlos, obwohl er Ideen hat.

    Selbst Coming-Of-Age-Klischees schaden kaum

    Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass „CODA“ bisweilen auch arg plakativ ist und auf einige Klischees zurückgreift. Wenn Ruby völlig frustriert genau einmal nicht zur Arbeit auftaucht und nicht mit Vater und Bruder auf dem Boot rausfährt, ist es natürlich genau der Tag, an dem sie kontrolliert werden und nicht auf den Funkspruch der Küstenwache und deren Versuche, das Boot zu stoppen, reagieren. Und das droht die Existenz der Familie zu zerstören.

    Bei den dramatischen Zuspitzungen und Entwicklungen gibt es in „CODA“ wenig, was man nicht aus dem Genre kennt und überraschend ist auch nicht viel. Doch all das wird mit so viel Humor und Herzblut umgesetzt, dass es nicht nur eine Freude macht, sondern mich bereits mittendrin und dann auch noch einmal am Ende zu Tränen rührte. Ein so lustiger wie bewegender Film, schon jetzt eines der schönsten Werke des Jahres 2021, ...

    Versenkt im Streaming?

    .... das aber wie gesagt in Deutschland nicht im Kino, sondern nur auf AppleTV+ läuft. Und das ist schade – und ich will jetzt gar nicht groß darüber reden, warum ich persönlich Filme lieber im Kino genieße, weil das Erlebnis meist ein ganz anderes ist als zu Hause auf der Couch. Denn ich weiß auch, dass es oft ganz verschiedene Gründe gibt, warum Menschen nicht ins Kino wollen oder können (dazu noch kurz die Randbemerkung: In den USA läuft „CODA“ extra mit Untertiteln, damit gehörlose Menschen ihn ohne zusätzliches Equipment im Kino schauen können).

    Ich denke, dass es einer der nun häufiger vorkommenden Fälle ist, bei denen Streaming der Verbreitung des Films selbst sogar schadet. Eigentlich sollte es ja von Vorteil sein, wenn jeder bequem von zu Hause darauf zugreifen kann, doch ich bemerke an mir selbst und an meinem privaten Umfeld, dass oft das Gegenteil der Fall ist.

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    Läuft ein Film im Kino und wird von einer Person, der man vertraut, mit Nachdruck weiterempfohlen, dann erzeugt dies ein ganz anderes Bedürfnis, ihn direkt zu sehen. Ich will auch reingehen. Das macht man dann vielleicht doch nicht immer, aber es entsteht trotzdem insgesamt eine Weiterempfehlungskette. Gerade so kleine Filme wie „CODA“ profitieren davon, dass sie immer weiterempfohlen werden und sie dann einige Leute auch erst nach drei, vier oder mehr Wochen im Kino schauen. So bleiben sie über einen langen Zeitraum in Sälen und auf Aushängen präsent, fallen noch mehr Menschen auf, die auch wieder ins Kino gehen.

    Theoretisch wäre das auch im Streaming denkbar, aber es passiert nicht. Wir sehen das hier auch bei unserer Arbeit in der Analyse der Nachfrage nach Filmtiteln immer wieder. Abgesehen von wenigen Ausnahmen ist ein Streamingstart ein Wochenende relevant und dann wird schon über das nächste Thema gesprochen und von euch gesucht. Es entsteht keine Empfehlungskette, weil man sich den Film dann einfach für irgendwann auf die Watchlist packt.

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    Ruby arbeitet schwer auf dem Fischerboot der Familie.

    Und das trifft Filme noch schlimmer, die nicht bei Marktführer Netflix laufen. Denn sich aufgrund einer Empfehlung ein einzelnes Kinoticket zu kaufen, ist dann doch ein deutlich kleinerer Schritt, als ein neues und (für viele) weiteres Streaming-Abo bei AppleTV+ abzuschließen, obwohl die Kosten – spätestens wenn man zu Zweit ist - nicht mal höher sind. Es ist aber trotzdem eine andere Hürde.

    Und so habe ich die Befürchtung, dass ein wunderbares Werk wie „CODA“ völlig untergeht. Ich bin überzeugt, dass „CODA“ im Kino gute Chance gehabt hätte, über mehrere Wochen viele Menschen zu erreichen und sehr populär zu werden. Nun wird er am Ende des Jahres womöglich von kaum jemandem gesehen worden sein. Und das ist schade...

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