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    Netflix hat eines der ersten Film-Highlights 2022 rausgehauen – und kaum jemand hat's mitbekommen
    13.02.2022 um 09:00
    Daniel Fabian
    Daniel Fabian
    -Redakteur
    Berührt und fasziniert zu werden, aber auch etwas über sich selbst lernen – das bedeutete Kino schon immer für Daniel. Darum machte der einstige Sozialarbeiter am Ende seine Leidenschaft auch zum Beruf.

    Netflix hat 2022 bereits einige spannende Exklusivtitel ins Programm genommen. Während die User Stangenware wie „Mother/Android“ oder „Die Einöde“ in die Top 10 katapultieren, geht ein Juwel allerdings völlig unter: „Photocopier“.

    Netflix

    +++ Meinung +++

    Am 15. Dezember berichteten wir über die Netflix-Neuheiten im Januar 2022, um wie jeden Monat über die kommenden Highlights auf der Streaming-Plattform zu informieren. Als Aufhänger des Artikels diente damals „Copshop“, der als Action-Kracher mit Publikumsliebling Gerard Butler sicherlich ein breites Publikum ansprechen würde. Und tatsächlich: Der kurzweilige Genre-Reißer eroberte prompt die Spitze der Netflix-Charts, wo kurz nach Start auch der Sci-Fi-Thriller „Mother/Android“ und der Gruselfilm „Die Einöde“ landeten. Denn sie lockten mit großen Namen und starken Bildern, am Ende aber enttäuschten sie. Bei „Photocopier“ ist das genau andersrum.

    Der offiziell angekündigte Thriller aus Indonesien landete zwar in unseren diversen Übersichtsnews zu den Netflix-Neuheiten im Januar, einen eigenen Artikel – etwa zum Trailer – spendierten wir dem Film allerdings nicht. Und noch immer fliegt „Photocopier“ unter dem Radar. Ein Platz in den Top 10? Höchst unwahrscheinlich. Schade, denn manchmal lohnt es sich, gerade solchen No-Names ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Ich jedenfalls bin heilfroh, dem Thriller spontan eine Chance gegeben zu haben. Das Jahr ist zwar noch jung, „Photocopier“ aber schon jetzt eines meiner Highlights.

    Darum geht's in "Photocopier"

    Sur (Shenina Cinnamon) betreut die Webseite einer Theatergruppe, deren Mitglieder in der Regel das Rampenlicht suchen. Aber nicht Sur. Während sie am Computer ein echtes Ass ist, gibt sie sich in der großen Gruppe eher zurückhaltend. Doch dann gewinnt das Ensemble einen Wettbewerb und die Studentin gibt sich einen Ruck. Denn der Erfolg soll bei einer ausgelassenen Party gefeiert werden, und die will Sur auf keinen Fall verpassen.

    Sur verspricht ihrem Vater keinen Alkohol zu trinken. Doch wie das auf Partys nun mal so ist, lässt sich die junge Frau von der Euphorie der anderen mitreißen und greift am Ende doch zum ein oder anderen Drink – mit Folgen. Am nächsten Morgen entdeckt sie unvorteilhafte Selfies von sich im Netz, die nun sogar ihr Stipendium gefährden. Sur aber kann sich nicht erinnern, irgendwelche Fotos von sich gemacht zu haben. Sie beginnt schließlich Nachforschungen anzustellen und findet schon bald heraus, dass hier irgendjemand ein perfides Spiel spielt…

    Ein Schlag in die Magengrube

    „Photocopier“ ist ein unangenehmer, aber eben auch wichtiger Film. Er weist auf Missstände hin, schneidet Probleme an, die es überall auf der Welt gibt, universelle Themen, die uns alle etwas angehen – von überholten Rollenmodellen über Religion und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft bis hin zur Macht der Sozialen Medien.

    Regisseur Wregas Bhanuteja verzichtet darauf, seine Geschichte in Exploitation-Manier abdriften zu lassen, um sein Publikum einfach nur zu schocken – und es gibt zahlreiche Szenen im Film, mit denen er reihenweise Extreme hätte erfüllen können. Was einem den Boden unter den Füßen wegreißt, sind nicht etwa vereinzelte Momente der auf die Spitze getriebenen Gewalt, sondern die Gewissheit, dass sich Geschichten wie die von Surs Partynacht tatsächlich so oder so ähnlich überall auf der Welt abspielen.

    „Photocopier“ verzichtet auf den erhobenen Zeigefinger und schwingt weder die Moralkeule noch unterbreitet er Vorschläge zur Lösung dieser so tief in der Gesellschaft verankerten Probleme. Er dient lediglich als Augenöffner, vielleicht auch als Hilfeschrei, vor allem aber als Fenster in eine Welt, die so schrecklich wie real ist. Und vor der wir gerne den Alltag verschließen.

    Fahler Beigeschmack: Die Kontroverse um "Photocopier"

    „Photocopier“ wurde mit einer Reihe an Auszeichnungen in die Welt entsandt. So räumte er beim Indonesian Film Festival 2021 stolze zwölf Preise ab – unter anderem für den besten Film, die beste Regie und das beste Drehbuch. Doch er erntet nicht nur Lobeshymnen, sondern wird vielerorts auch boykottiert. Der Grund: Drehbuchautor Henricus Pria.

    Ausgerechnet der Mann, der uns hier eine unter die Haut gehende, schreckliche Geschichte von Übergriffen präsentiert, wurde selbst nämlich zum Beschuldigten in einem Missbrauchsfall. Studio Rekata distanziert sich jedoch von dem Autor, entfernte seinen Namen aus den Credits und bestätigte in einem Statement (via The Jakarta Post), dass Pria „nicht länger Teil von ‚Photocopier‘ und Rekata Studio“ sei. Man sei stets darum bemüht, eine sichere Arbeitsumgebung für alle Beteiligten zu schaffen.

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