Die erste Staffel von „Alien: Earth“ ist durch und hinterlässt mich mit gemischten Gefühlen. Ich liebe den Ansatz, den Produzent Noah Hawley hier verfolgt. Der „Fargo“- und „Legion“-Macher tappt nämlich nicht in die Falle, in welche so viele Reihen der letzten Jahren gelaufen sind. Mit „Earth“ erweitert Hawley nämlich endlich nochmal das Worldbuilding, gibt dem ganzen einen frischen Ansatz und nutzt den Titel „Alien“ auch sinnig aus, ohne sich einzig auf den bereits bekannten Xenomorph zu stützen.
Dennoch ist „Alien Earth“ leider keine perfekte Serie, die vor allem zum Ende hin mit vielen Problemen zu kämpfen hat.
Die Handlung setzt zwei Jahre vor „Alien“ ein. Das Forschungsschiff Maginot stürzt auf die Erde ab. An Bord dieses Schiffes sind fünf Lebensformen, die aus den finsteren Winkeln des Universums stammen. Während die Weyland-Yutani Kooperation ihr Schiff sicher stellen will, schaltet sich auch das junge Wunderkind Boy Kavelier ein, dem das Territorium gehört und mit seiner Firma Protigye die Lebensformen haben möchte. Zu diesem Zweck schickt er seine neuen Syntheten in das Schiff, die Kinder sind, deren Bewusstsein in künstlichen Körpern leben.
Die Ausgangslage finde ich extrem spannend, da wir endlich mehr von den politischen Verstrickungen der Konzerne erfahren, die in der Zukunft die Erde beherrschen. Dieser Aspekt wurde bisher immer nur angerissen, aber mehr als Weyland haben wir nie zu Gesicht bekommen. Auch den Fokus auf die verschiedenen künstlichen Lebensformen, den Androiden, Syntheten, sowie einem Cyborg sind hervorragend und spannend. Und auch die neuen Aliens machen durchaus Spaß und reizen den Titel mal etwas mehr aus.
Über weite Strecken macht dies in der Serie auch den Reiz aus. Sämtliche neuen Aspekte sind vor allem in der Mitte des Films die treibende Kraft und war in seinen Höhepunkten absolut spannend und mitreißend. Wo die Serie aber schon früh nur „in Ordnung“ war, sind die Momente in den man sich zu nah an der Vorlage orientiert. Hier macht die Serie zwar wenig falsch, traut aber seinem Konzept nicht vollends. Dieser Fehler ist aber leider ein aktuelles Phänomen, in welchem sich alle möglichen Werke nur noch selbst zitieren, ohne neue Gedanken einfließen zu lassen (ich schaue auf dich „Star Wars“, „Marvel“, „Harry Potter“, „Scream“, „Halloween“....). Gerade die ersten beiden Folgen etablieren zwar viel Neues, aber erinnern vom Ton her doch stark an einen klassischen Alienfilm, wenn man sich an Bord der zerstörten Maginot befindet. Ab Folge Drei bis Sechs wird das dann besser, dort befindet man sich dann auf der Insel „Neverland“ von Boy Kavelier. Erst im Finale wird es dann wieder problematisch. Aber bevor ich auf die zu Sprechen komme, erst noch positive Worte.
Der Look ist (fast) immer fantastisch. Gerade die Effekte, Sets und Kostüme sitzen und auch die Horrorelemente, sowie der Gor passen. Die Musik ist ebenso passend, wie die starken Verweise auf „Peter Pan“, dessen Grundhandlung durch die ganze Serie gezogen wird und starke Parallelen zum Literaturklassiker aufweist. Auch die philosophischen Fragen machen wieder eine Menge Spaß, während vor allem das Alien T-Ocellus zum Highlight wird. Den Umgang mit dem Xenomorph scheint viele zu stören, empfand ich aber als frisch und stark. Es entmystifiziert nicht, geht aber mal einen neuen Ansatz.
Auch die Darsteller machen ihre Sache gut. Besonders von den Figuren sind Morrow, ein Cyborg, der für Yutani arbeitet hervorzuheben, der als Captain Hook ein eiskalter, aber gebrochenes Monster sein kann. Auch der von Timothy Olyphant gespielte Androide Kirsh ist super spannend, wenn gleich sein Finale in der ersten Staffel doch weniger Spektakulär ausfiel wie erhofft. Bei der Figur wäre mehr drin gewesen. Auch Boy Kavelier funktioniert hervorragend als Peter Pan. Samuel Blenkin hat sichtlich Spaß mit seiner Rolle, wenn gleich auch er im Finale absolut konträr zu seiner Figur agiert. Ebenfalls stark zeigt sich David Rysdahl als Arthur Sylvia, den man als liebevollen „Vater“ ins Herz schließt.
Damit muss ich aber leider zu machen Problemen kommen, die die Serie aufweist und definitiv gefixt werden müssen. So sieht der Xenomorph in vielen Stellen gut aus, aber oft erkennt man doch den Mensch im Kostüm, wodurch ihm häufig die Bedrohung flöten geht. Auch haben mache Figuren klaren Plotarmor und werden viel zu häufig vom Alien verschont, wo es Sekunden zuvor mehrere Menschen brutalste ermordet. Das Orientieren am Originalstoff habe ich bereits erwähnt, während vor allem ab Folge 5 Figuren häufig mal sehr dumm agieren und bei einem liebevollen, aber doch geistig leicht beeinträchtigten Techniker fragt man sich doch, wie er überhaupt in diese Rolle gekommen ist. Auch manche Lebensform kommt viel zu kurz.
Das größte Problem ist aber das Finale und die neuen Kindersyntheten. Im Finale handeln Figuren häufig sehr dümmlich und konträr ihrer Charakterzeichnung. Kavelier, als Genie, tut einige dumme Dinge am Stück, während man Dame Syvlia als Teufel brandmarkt, Morrow im Grunde vollkommen verschwendet und Kirsh doch als loyalen Diener aufbaut, obwohl er ständig den Eindruck erweckte eine eigene Agenda zu verfolgen. Am schlimmsten stellt sich das das Finale im Umgang mit den Kindern an. Das Konzept finde ich großartig, dennoch verhalten sich die Figuren immer im Widerspruch. Gelegentlich sind die Figuren Kinder, im nächsten Moment verstehen sie komplizierte Sachverhalte, mal sind sie clever, mal dümmlich. Nie ergibt ihr Charakter wirklich einen Sinn. Einzig bei Smee kauft man ab, dass er ein Kind im Körper eines Erwachsen ist ab. Curly spielt keine große Rolle, während Slightly zwar emotional zu kämpfen hat, aber spätestens mit seiner Verstrickung in Arthurs Tod vollkommen Out Of Character handelt. Nibs wird dabei zum zweitgrößten Problem. Ihre Figur ist nie greifbar und ab einem gewissen Punkt eine reine Psychopathin, während ausgerechnet Wendy, die Hauptfigur der Serie, das größte Problem ist. Ihr Anfang ist stark und auch ihre Interaktion mit dem Xenomotph fand ich spannend, sowie ihre Verbindung zu ihm ABER Wendy verhält sich am stärksten Schwankend zwischen Kind und Erwachsene. Ihre Fähigkeit Technik zu kontrollieren wird schnell albern und etabliert sie als unangreifbare Göttin. Am schlimmsten ist aber das sie selbst am Ende zur größten Psychopatin der Serie wird und zum größten Monster der Serie. Sie lässt reihenweise unschuldige töten, reagiert selbst auf Sylvia und Kirsh abweisend, tötet die Freunde ihres Bruders, der sie nur beschützen will und glaubt er gehöre zum Feind, weil er Nibs deshalb ausschaltet. Ich glaube die Serie wollte Wendy als Heldin aufbauen, erkennt aber nicht, dass sie das größte Monster der Serie ist. Auch ihr Bruder Joe ist bis zu einem gewissen Punkt interessant, läuft aber ab einem gewissen Punkt nur im Kreis und erlebt auch keine Entwicklung mehr.
Am unbefristeten ist aber das Ende selbst. Die Kinder regieren jetzt und haben zwei Xenomorphs auf ihrer Seite, die Aliens sind teilweise frei, T-Ocellus großer Moment wird verwehrt und auf Staffel Zwei verschoben und alle „Schurken“ landen wie in einem schlechten Comic in einer Zelle. Außer Arthur erwischt es keine Hauptfigur und es fehlt ein Payoff.
„Alien Earth“ hat großartige Ansätze und nutzt diese auch über weite strecken. Die Ansätze sind Klasse und Figuren voller Potenzial für mehr. Aber gerade die Hauptfigur und ihre Clique sind stark beschädigt, die Logik manchmal fragwürdig und das Ende erstmals sehr unbefriedigend. Man muss einfach auf Staffel Zwei hoffen und dass man mehr auf das eigene Konzept vertraut, aber eben die Fehler ausbessert. Den hier steckt eine frische und gute Serie drin, die am Ende etwas überschattet wird.
Zwei Xenomorphembryos schlagen hier in meiner Brust. Aber ich respektiere den neuen Ansatz, der in großen Franchiseprojekten ja inzwischen Mangelware ist, wenn man nicht gerade „Andor“ schaut.