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    Snowpiercer
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Snowpiercer
    Von Andreas Staben

    „Filme bewegen sich vorwärts wie Züge in der Nacht“, sagt François Truffaut in seinem Klassiker „Die amerikanische Nacht“ und bringt damit die Überzeugung zum Ausdruck, dass es eine tiefe innere Verwandtschaft zwischen Kino und Eisenbahn gebe: So wie sich der Filmstreifen im Takt von 24 Bildern pro Sekunde durch den Projektor windet und die Handlung vorantreibt, drehen sich auch die Räder eines Zuges in diesem Bild unaufhörlich ihrem Ziel entgegen. Obwohl die gute alte analoge Filmvorführung inzwischen weitgehend der Digitalisierung zum Opfer gefallen ist, bestätigt der neue Film des koreanischen Regisseurs Bong Joon-ho auf das Schönste die Worte seines französischen Kollegen: Das Science-Fiction-Drama „Snowpiercer“ handelt nicht nur von einem Zug, der niemals anhält, sondern ist auch das Musterbeispiel eines Films, der immer in Bewegung ist. Die sehr freie Adaption der Graphic Novel „Schneekreuzer“ von Jacques Lob und Jean-Marc Rochette beginnt als (Klima-)Katastrophenfilm, wandelt sich dann schnell zum Thriller mit Klassenkampf-Dynamik, streift die Gefilde der Gesellschaftssatire, des absurden Theaters und des Action-Spektakels ehe es sich als bitterer, aber nicht hoffnungsloser Blick in die menschliche Seele entpuppt. Dabei ist „Snowpiercer“ zugleich ein Genre-Meisterstück mit überragenden Action-Szenen, herausragendem Produktionsdesign sowie tollen Schauspielern und ein weiteres ganz persönliches Werk des Machers von „Memories Of Murder“, „The Host“ und „Mother“.

    2014. Als die globale Erwärmung immer bedrohlicher wird, einigen sich 79 Staaten darauf, ein Kältemittel in die oberen Schichten der Erdatmosphäre zu schießen: Das Experiment geht furchtbar schief und es kommt zu einer Eiszeit. Im Jahr 2031 ist alles Leben auf dem Planeten ausgelöscht - mit Ausnahme einiger Hundert Passagiere eines Zuges, der auf einem gigantischen weltweiten Schienennetz unentwegt seine Runden dreht. Das Leben an Bord ist streng hierarchisch organisiert: Während vorne die Privilegierten in Luxus und Müßiggang schwelgen, wird die Mehrheit mit Waffengewalt in den hinteren Waggons festgehalten. Doch in den engen Quartieren regt sich Widerstand. Als Soldaten einige Kinder, darunter den Sohn von Tanya (Octavia Spencer), in den vorderen Zugteil entführen, kommt es zu Tumulten, auch die Strafmaßnahmen von Mason (Tilda Swinton), der rechten Hand des diktatorischen Unternehmers und Zugführers Wilford (Ed Harris) sorgen nicht für eine Beruhigung der Lage. Der schweigsame Curtis (Chris Evans) und der junge Heißsporn Edgar (Jamie Bell) wollen mit einer kleinen Gruppe bis zur Zugspitze vordringen, wo Wilford persönlich die Maschine überwacht. Dafür müssen die Aufständischen zunächst den Sicherheitsexperten Namsoong (Song Hang-ko) aus dem Gefängnis befreien, der ihnen helfen soll, die Türen zwischen den Waggons zu überwinden…



    Während die mit internationaler Besetzung und (fast) vollständig in englischer Sprache gedrehte 40-Millionen-Dollar-Produktion in Bong Joon-hos südkoreanischer Heimat 2013 mit fast 10 Millionen Kinozuschauern zu einem weiteren Triumph für den Regisseur wurde, sorgte „Snowpiercer“ im Rest der Welt vor allem durch Harvey Weinstein für Schlagzeilen. Der Hollywood-Mogul besitzt die Verleihrechte für die USA (und andere englischsprachige Länder) und ist der Meinung, dass man Bongs Vision „einem Publikum in Iowa“ nicht zumuten könne. Weinstein wurde daher seinem wenig schmeichelhaften Spitznamen „Harvey Scissorhands“ wieder einmal gerecht und hat dem Vernehmen nach etwa 20 Minuten aus dem Film herausschneiden lassen. Aber ganz egal wie sehr er sich auch bemüht, er wird aus „Snowpiercer“ nie ein standardisiertes 08/15-Produkt machen können, dafür trägt der Film viel zu sehr den Stempel seines Regisseurs – ganz abgesehen davon, dass es in der 126-Minuten-Komplettfassung, die auch in Deutschland zur Aufführung kommt, keine einzige überflüssige oder unwichtige Einstellung gibt. Wenn es vielleicht einen auf den ersten Blick naheliegenden Angriffspunkt für jemanden wie Weinstein gibt, dann ist es die großartig überdrehte Szene im Schulwaggon, wo eine schwangere Lehrerin (Alison Pill) mit furchteinflößender Fröhlichkeit die Kinder der Reichen indoktriniert und sie das Loblied auf den Führer Wilford singen lässt – eine lustig-irre satirische Miniatur irgendwo zwischen „Uhrwerk Orange“ und „Das Dorf der Verdammten“.

    Die angesprochene Schulszene mag durch den überspitzten Tonfall auf den ersten Blick herausfallen, sie ist mit ihrem Video über Wilford und der historischen Lektion über frühere Revolten allerdings erzählerisch unverzichtbar. Außerdem wechselt Bong Joon-ho, der das schon in seinen früheren Filmen ausgiebig getan hat, nicht nur dort unvermittelt den Tonfall. So kann der Ernst einer unmenschlichen Bestrafung in schrillen Humor umschlagen (Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton als hysterisch-hässliche Handlangerin des Bösen überschreitet die Grenze zur Karikatur mit Wonne) und die Wut der Aufständischen wird mit der leicht verrückten Coolness des aus dem „Gefängnis“ (die Unterbringung ist eher mit einem Leichenschauhaus vergleichbar) befreiten koreanischen Vater-Tochter-Gespanns kontrastiert (Song Hang-ko und Ko Asung aus „The Host“ sind hier wiedervereint). Das nonchalante Unterlaufen von Erwartungen sorgt ebenso wie der Einfallsreichtum für Abwechslung: Hier lohnt sich der Blick aufs Detail (der Chronist, der das Leben der Unterklasse in Zeichnungen festhält; der eklige Protein-Glibber, der dort als Nahrung dient; die Droge aus Industrieabfall) und so wirkt schließlich auch die Computerspiel-Dramaturgie, bei der hinter jeder mühsam zu öffnenden Tür eine neue Herausforderung wartet, alles andere als schematisch, zumal sich Bong und seine Mitstreiter immer wieder etwas Neues einfallen lassen – man höre nur auf die originelle Musik von Marco Beltrami („Todeszug nach Yuma“).

    Jeder einzelne Waggon ist ein kleines Design- und Ausstattungswunder, von der schäbigen Enge der Armenquartiere über das erwähnte Klassenzimmer, ein wunderschön-surreales Aquarium, eine Sauna und einen dekadenten Nachtclub bis zu Wilfords Quartier an der Spitze des Zuges. Neben Produktions-Designer Ondrej Nekvasil („The Illusionist“), zeichnen sich auch die Effektspezialisten um Eric Durst („Spider-Man 2“) und Kameramann Hong Kyon-kyo („Mother“) aus. Die Modellaufnahmen des durch leblose Schneelandschaften und vereiste Städte fahrenden Zuges mögen nicht dem allerhöchsten technischen Standard entsprechen, haben in ihrer trostlos-majestätischen Ambivalenz dafür aber eine fast poetische Qualität. Ähnliches gilt für einige überaus originelle Kampf- und Actionszenen. Da werden Curtis und Co. einmal von einer Horde mit Beilen bewaffneter Maskierter erwartet, dann wird der blutige Kampf bei der Einfahrt in einen Tunnel durch die Dunkelheit kurz unterbrochen, ehe die Häscher ihre Nachtsichtgeräte anwerfen (für ein paar Momente teilen wir ihre Perspektive und das beschert uns einige ebenso unheimliche wie bizarre Einstellungen). Und wenn der wortlose Koloss Franco (Vlad Ivanov) im minutenlangen brutalen Zweikampf niedergerungen werden soll, dann ist das nicht nur mitreißend spannend, sondern illustriert auch eines der Kernthemen des Films – die menschliche Fähigkeit zur Grausamkeit.

    Die konkrete gesellschaftskritische Dimension seiner früheren Filme, in denen er immer auch einen klarsichtig-analytischen Blick auf koreanische Verhältnisse warf, erreicht Bong hier nicht, aber seine Allegorie auf soziale Ungleichheit fällt trotzdem allemal überzeugender aus als im vergleichbaren „Elysium“ und lässt von der Kraft seiner Bilder zuweilen gar an ein historisches Monument wie „Metropolis“ denken. Außerdem nutzt Bong das Vergrößerungsglas der Science-Fiction-Handlung zu einer gnadenlosen Satire auf Gehirnwäsche, Gleichschaltung und Größenwahn (brillant: Ed Harris als Mischung aus Kapitän Nemo und faschistischer Führerfigur) und von da aus zu einem skeptischen Blick auf die menschliche Natur, was sich auch in der Hauptfigur widerspiegelt. Motivation und Vergangenheit des schweigsam-widerwilligen Rebellenführers werden mit jeder schwierigen Entscheidung (die tödliche Konsequenzen haben kann) klarer. Schließlich mausert er sich in einem großen Monolog endgültig zum tragischen (Anti-)Helden: Chris Evans („Captain America“) zeigt hier als verschlossener Grübler und Regime-Gegner eine weniger bekannte Seite seines Talents, dazu ist Jamie Bell („Die Abenteuer von Tim und Struppi“) der ungestüme Gegenpart, während John Hurt („Der Elefantenmensch“) als versehrter Ex-Politiker Gilliam (der Namensverweis auf den Regisseur von „Brazil“ ist sicher kein Zufall) und Mann im Hintergrund natürliche Autorität ausstrahlt.

    Fazit: In Bong Joon-hos brillantem Science-Fiction-Drama „Snowpiercer“ verbindet sich mitreißendes, actionreiches und intelligentes Genrekino auf das Glücklichste mit den persönlichen Themen und dem individuellen Stil eines Meisterregisseurs.

    Dieser Film läuft im Programm der Berlinale 2014. Eine Übersicht über alle FILMSTARTS-Kritiken von den 64. Internationalen Filmfestspielen in Berlin gibt es HIER.

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