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    Motherless Brooklyn
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Motherless Brooklyn

    Doch kein zweites "Chinatown"

    Von Oliver Kube
    1999 veröffentlichte Jonathan Lethem seinen Roman „Motherless Brooklyn“. Die postmodern angehauchte (Neo-)Noir-Story mauserte sich zum Bestseller und brachte dem Autor diverse bedeutende Preise ein. Mit der Intention, daraus seine nach der Romantik-Komödie „Glauben ist alles!“ zweite Regiearbeit zu machen, erwarb kurz darauf Schauspieler Edward Norton („Fight Club“) die Filmrechte. In der Folge tat sich der Amerikaner allerdings zunächst schwer, das Ganze in eine ihm stimmig erscheinende Drehbuchform zu bringen. Nicht zuletzt deshalb hatte er zudem Probleme, das Projekt überhaupt finanziert zu bekommen.

    Fast zwei Dekaden später ist das Krimi-Drama nun endlich realisiert worden. Norton nahm tatsächlich selbst auf dem Regiestuhl Platz und für sein Skript einige schwerwiegende Änderungen an Lethems Vorlage vor. Die drastischste davon: Er verlegte die Geschehnisse aus den Neunzigern zurück in die Fünfziger – was, unterstützt durch eine exzellente Ausstattung und Kostümierung, durchaus funktioniert. Andere Ideen, Auslassungen und Einschübe im Skript halfen Norton hingegen weniger bei seinem recht offensichtlichen Versuch, eine Art Ostküsten-Pendant zu Roman Polanskis brillantem „Chinatown“ zu erschaffen.

    Nach der Ermordung seines Mentors nimmt Privatdetektiv Lionel Essrog (Edward Norton) die Ermittlungen auf.


    1954: Am Ende eines eigentlich nach völliger Routine ausschauenden Observierungs-Jobs wird der New Yorker Privatdetektiv Frank Minna (Bruce Willis) von seinen Auftraggebern ermordet. Sein Protegé und Ziehsohn Lionel Essrog (Edward Norton) muss dabei hilflos zusehen. Der unter dem Tourette-Syndrom leidende Ermittler verfügt über die Gabe, sich selbst kleinste Details merken zu können. Und er schwört sich, die Täter zur Strecke zu bringen. Im Laufe seiner Nachforschungen begegnet Essrog schon bald der geheimnisvollen Laura Rose (Gugu Mbatha-Raw).

    Die Tochter eines zwielichtigen Jazzclub-Betreibers organisiert öffentliche Proteste gegen den scheinbar korrupten städtischen Bausenator Moses Randolph (Alec Baldwin). Denn der soll nicht weiter ungehindert von unterprivilegierten Minderheiten bewohnte Viertel zu Slums erklären können, um dort Prestige-Projekte wie Parks und Schnellstraßen bauen zu lassen. Nachdem Lionel dann Randolphs verstoßenen Bruder Paul (Willem Dafoe) trifft, der ihm nur allzu gern weiterhilft, gerät er schließlich selbst in die Schusslinie der Männer, die schon Frank beseitigt haben…

    Stark angefangen und dann noch stärker nachgelassen


    Zumindest die Eröffnungssequenz, die den restlichen Handlungsablauf ins Rollen bringt, gelingt Norton noch ganz hervorragend: Mit Hilfe von Cutter Joe Klotz (oscarnominiert für „Precious“) sowie den geschickt geblockten und mit Schatten spielenden Bildern von Kameramann Dick Pope („The Illusionist“) schafft er es, die Identität der Killer auf organische Weise bis zum Ende dieser Bilderfolge geheim zu halten. Der Zuschauer lernt zudem innerhalb weniger Minuten die für das Detektiv-Genre recht originelle Hauptfigur mit ihren Ticks, aber auch bemerkenswerten Begabungen kennen.

    Lionels Tourette-Syndrom wird dabei nicht übertrieben gezeichnet oder gar ins Lächerliche gezogen, selbst wenn seine Eigenheiten gelegentlich für ein paar etwas leichtere Momente genutzt werden. Wir erfahren, dass Frank und seine ebenfalls schrägen und/oder problembeladenen weiteren Angestellten (Ethan Suplee, Bobby Cannavale, Dallas Roberts) ihn als Freund schätzen und als Kollegen ernstnehmen. Und das obwohl ihm gegenüber der eine oder andere Spruch fällt. So nennen sie ihn etwa beiläufig immer wieder „Freakshow“, was Lionel aber nicht weiter zu tangieren scheint. Das ist nachvollziehbar, schließlich befinden wir uns in einer Ära, in der es alltäglich war, beleidigende, heute zu Recht verpönte Begriffe – auch homophober oder rassistischer Natur – im täglichen Wortschatz zu führen.

    Ob Alec Baldwin als Quasi-Trump auch am liebsten Cheesburger in sich hineinstopft?


    Leider hält sich Norton im weiteren Verlauf der Story dann zu oft und zu sehr mit Nebensächlichkeiten auf. So geht der Schwung des guten Starts schnell verloren. Die überlangen Szenen in einem Jazzclub sind besonders drastische Beispiele dafür. Das Ambiente und die Atmosphäre sind top, wirklich voranbringen tun die kumuliert etwa zehn Minuten Leinwandzeit, die der Film in dem Lokal verbringt, den Plot aber nur minimal. Hier trifft Lionel auch einen charismatischen Trompeter, verkörpert von Michael K. Williams. Aber so faszinierend smooth und glaubhaft der „The Wire“-Veteran in der Rolle rüberkommen mag, so viel Spaß es macht, seinem sich wie die afroamerikanische Antwort auf Chet Baker benehmenden, aber wie der junge Miles Davis spielenden Charakter zuzusehen und zuzuhören, so unbedeutend ist er für die eigentliche Handlung.

    Selbst den großen Moment des namenlosen Trompeters im letzten Drittel des Films hätte problemlos auch irgendeine andere Nebenfigur mitübernehmen können. Durch solche allenfalls für etwas zusätzliches Kolorit sorgenden Szenen und Figuren kommt die Handlung immer wieder ins Stocken. Die 144-minütige Laufzeit von „Motherless Brooklyn“ hätten locker um ein Viertel oder gar ein Drittel gekürzt werden können, ja müssen. Dann würde die Kernstory, die auch ohne diese Abschweifungen schon komplex genug angelegt ist, deutlich besser fließen, statt den Zuschauer am Ende ermüdet und desinteressiert aus dem Saal zu entlassen.

    Trump nervt sogar in den Fünfzigern


    Ein weiteres schwerwiegenderes Problem ist der Einbau unpassend wirkender, weil allzu plumper Anspielungen auf frühere Machenschaften des einstigen Immobilienhais und aktuellen US-Präsidenten Donald Trump. So wurde für die Rolle des Bösewichts Moses Randolph sicher nicht ganz zufällig Alec Baldwin engagiert, der seit Jahren eine sehr populäre, weil gnadenlos überspitze Karikatur von Trump in der TV-Sketch-Show „Saturday Night Live“ abliefert. Ihn lässt Norton dann auch noch direkte Zitate wie Trumps berüchtigtes „I moved on her“ aus seinen 2016 zu Tage geförderten privaten Telefonmitschnitten aufsagen.

    Derlei Anspielungen sind hier aber komplett unnötig und beginnen schnell zu nerven, auch weil es Lethems eigentlich klug konstruiertem Krimi um Rassismus, Korruption, Profitsucht und Machtgier viel von seiner Kraft nimmt. Selbst die starken Performances, allen voran von Mbatha-Raw, Dafoe und Norton selbst, werden durch das immer weiter ausfransende und abschweifende Drehbuch schließlich so verwässert, dass ein Großteil ihres Einsatzes ins Leere läuft. Schade um die vertane Chance, den hochkarätigen Cast sowie die Zeit und Energie, die Norton auch schon all die Jahre vor dem eigentlichen Dreh in das Projekt investiert hat.

    Fazit: Toller Look, interessanter Protagonist, cooler Jazz-Soundtrack, ein starker Einstieg – das alles reicht aber nicht aus, um den Zuschauer bei der Stange zu halten. Edward Nortons lang erwartete zweite Regiearbeit „Motherless Brooklyn“ ist eine unnötig aufgeblähte, überambitionierte Enttäuschung.

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