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    Verblendung
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Verblendung
    Von Christoph Petersen
    Wenn Hollywood auf der Suche nach verwurstbaren Filmstoffen mal wieder in Europa wildert, halten sich die Erwartungen meist in Grenzen. Aber wenn es eine Ausnahme von dieser Regel gibt, dann David Finchers Neuinterpretation des weltweit erfolgreichen Stieg-Larsson-Thrillers „Verblendung", die bei jedem Filmliebhaber ganz weit oben auf der Wunschliste für das Kinojahr 2012 stehen dürfte. Immerhin passt der Stoff zum Regisseur wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge, denn mit seinem bisher stärksten Film „Sieben" hat Fincher seine Vorliebe für düster-abgründige Thriller schon in den Anfangsjahren seiner Kinokarriere bewiesen. Und tatsächlich: Während man in der Regel nur darauf hofft, dass Hollywood den Originalstoff doch bitte nicht allzu sehr verwässern möge, übertrifft Finchers Verfilmung die eh schon sehr gute schwedische Version sogar noch.

    Weil er bei einem Enthüllungsbericht auf eine falsche Quelle hereingefallen ist, steht der Journalist Mikael Blomkvist (Daniel Craig) nicht nur öffentlich am Pranger, er büßt beim anschließenden Gerichtsprozess auch seine Lebensersparnisse ein. Da kommt der gutbezahlte Auftrag des Großindustriellen Henrik Vanger (Christopher Plummer) gerade recht, den Fall dessen vor 40 Jahren spurlos verschwundener Nichte Harriet neu aufzurollen. Vanger geht nämlich davon aus, dass jemand aus seiner von Altnazis durchsetzten Verwandtschaft für ihr Verschwinden verantwortlich ist. Bei seinen Recherchen setzt Blomkvist auch auf die Hilfe der jungen Hackerin Lisbeth Salander (Rooney Mara), die mit ihren Tattoos und Piercings nicht nur ungewöhnlich aussieht, sondern auch bei ihren Ermittlungen bisweilen unorthodoxe Methoden anwendet. Gemeinsam stößt das ungleiche Duo bei den Untersuchungen auf eine ganze Serie von bestialischen Frauenmorden, die in den 1950er Jahren in Schweden begangen wurden, und geraten darüber bald selbst in Lebensgefahr...


    David Fincher liebt es düster – und deshalb erscheint das Schweden aus den Romanen von Stieg Larsson als perfekter Ort für den Regisseur. Schließlich wird hier jedes Aufkeimen von Menschlichkeit und Miteinander sofort wieder von Korruption, Missbrauch und Mord erstickt. Im harten Kontrast dazu präsentiert Fincher immer wieder atemberaubende Winterpanoramen der schwedischen Landschaft, bei denen man sich gar nicht vorstellen kann, wie verrottet die Menschen, die hier leben, doch sind: „Verblendung" ist nicht nur ein brillant, sondern in seiner Kälte auch wunderschön inszenierter Film, was die Handlung nur noch grausamer erscheinen lässt als sie es ohnehin schon ist.

    Eine der wenigen Schwächen der ersten Verfilmung war der Fortlauf des Krimiplots, denn um den Film nicht zu lang werden zu lassen, wurde im Vergleich zum Roman vornehmlich bei Blomkvists Recherchearbeiten gekürzt. Einige der Ermittlungserfolge erschienen so arg zufällig und wenig überzeugend begründet. In dieser Hinsicht ist das Skript von Star-Drehbuchautor Steven Zaillian („Schindlers Liste") nun um einiges stimmiger, weshalb die US-Version ihre Spannung nicht länger nur aus den ambivalenten Charakteren und der eisig-bedrohlichen Atmosphäre, sondern zusätzlich auch aus dem Kriminalfall bezieht.

    Bevor er den Regieposten angenommen hat, war eine von Finchers Hauptbedingungen an das Studio, dass er beim Dreh nicht auf eine Jugendfreigabe achten muss – und wenn man sich „Verblendung" nun anschaut, weiß man sofort, dass er an eine kommerziell hilfreiche, aber künstlerisch fragwürdige US-PG-13-Freigabe tatsächlich keinen Gedanken verschwendet hat. Vorab haben sich Kenner der schwedischen Version schon gefragt, was im traditionell prüden Hollywood wohl zum Beispiel mit der für den Ton des Films essenziell wichtigen Vergewaltigungsszene passiert. Aber wer glaubt, Fincher würde nun mit Rücksicht auf amerikanische Gemüter mit angezogener Handbremse agieren, könnte kaum weiter danebenliegen: Denn nicht nur macht er in der fraglichen Szene keinerlei Kompromisse, wenn Salander es ihrem Peiniger später heimzahlt, fällt die Rache in Finchers Version nun sogar noch um einiges analer heftiger aus.

    Während der schwedische Originaltitel übersetzt „Männer, die Frauen hassen" bedeutet, lautet der US-Titel von Stieg Larssons Roman „The Girl with the Dragon Tattoo" – und Fincher stützt sich bei seiner Darstellung von Lisbeth Salander eindeutig auf den amerikanischen Titel: Noomi Rapace war im 2009er „Verblendung" als Bad-Ass-Ikone fraglos brillant, aber insgesamt ist die Interpretation von Rooney Mara („The Social Network") trotzdem die interessantere: Die Newcomerin verkörpert Salander kongenial als introvertiertes Mädchen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, das in den Ermittlungen eine Chance sieht, endlich seinen Platz in der Gesellschaft zu finden – nur um dann wieder und wieder enttäuscht zu werden. Diese verletzlichere Ausdeutung ist ganz sicher nicht so cool/kultig wie die von Noomi Rapace, erzählerisch gibt sie aber viel mehr her. Außerdem leuchtet Fincher die Beziehung zwischen Blomkvist und Salander (für ihn eine kuriose Faszination, für sie die erste große Liebe) bewusst stärker aus, was ihrer Figur noch einmal zusätzlich Tiefe verleiht.

    Wer in einer Verfilmung der „Millennium"-Trilogie eine andere Rolle als die der Lisbeth Salander annimmt, muss vorher wissen, dass er zumindest in den gemeinsamen Szenen zwangsläufig zum bloßen Stichwortgeber degradiert wird. Und so tut Daniel Craig („Cowboys & Aliens", „James Bond 007 - Skyfall") gut daran, sich kontrolliert zurückzunehmen und seiner jungen Kollegin eine perfekte Bühne für ihre großen Auftritte zu bereiten. Der einzige der vielen namhaften Nebendarsteller, der sich neben Rooney Mara zumindest ein wenig in den Vordergrund zu spielen vermag, ist Christopher Plummer („Ein russischer Sommer") als gebeutelter Großindustrieller. Obwohl er nicht einmal eine Handvoll Auftritte absolviert, brennt er sich doch ins Gedächtnis des Zuschauers ein, was ihm sicherlich auch dabei helfen dürfte, 2012 endlich seinen ersten Oscar – als Bester Nebendarsteller in „Beginners" - zu gewinnen.

    Fazit: Grandios gespielter und virtuos inszenierter Thriller für Erwachsene, mit dem David Fincher zu seinen „Sieben"-Wurzeln zurückkehrt – jetzt heißt es also Daumendrücken, dass der Regiestar für die für Sommer 2013 und Winter 2014 angedachten Fortsetzungen „Verdammnis" und „Vergebung" erneut zur Verfügung stehen wird.
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