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    Extrem laut und unglaublich nah
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Extrem laut und unglaublich nah
    Von Carsten Baumgardt
    Fast 3.000 Seelen mussten bei den Terroranschlägen des 11. September 2001 ihr Leben lassen – dieser Tag brannte sich als einer der erschütterndsten überhaupt in das Bewusstsein der Menschen rund um den Erdball ein. Niemand kann von der Wucht der Ereignisse unberührt bleiben. Der Brite Stephen Daldry nutzt diesen Umstand zu einem unkonventionellen, emotional-manipulativen Coming-Of-Age-Drama. „Extrem laut und unglaublich nah", seine Verfilmung von Jonathan Safran Foers gleichnamigem Bestseller, glänzt zwar mit handwerklicher Qualität und einer ganzen Menge guten Einzelszenen, aber am Ende der filmischen Entdeckungsreise bleibt das Gefühl, dass Daldry das Publikum mit Gewalt zu Tränen rühren will und er auch nicht davor zurückschreckt, das Wässerchen zur Not aus jedem einzelnen herauszumelken.

    Der elfjährige New Yorker Oskar Schell (Thomas Horn) hat bei den Terrorattacken des 11. September seinen über alles geliebten Vater Thomas (Tom Hanks) verloren und leidet seitdem an dem tragischen Einschnitt in seinem Leben. Seiner Mutter Linda (Sandra Bullock) ergeht es nicht viel besser, sie trauert um ihren Mann und findet keinen emotionalen Kontakt mehr zu ihrem hochintelligenten, aber eigenwilligen Sohn, der sich nicht damit abfinden will, seinen Vater niemals wiederzusehen. Er braucht eine Verbindung. Die soll ein Schlüssel bringen, der sich in einer Vase befindet, die Thomas ihm hinterlassen hat. Auf dem Umschlag, in der sich der Schlüssel befindet, ist nur ein einziges Wort vermerkt: Black. Oskar vermutet, dass es sich dabei um einen Namen handeln muss. Er lokalisiert 472 Blacks im Stadtgebiet von New York und hat vor, jeden einzelnen von ihnen aufzusuchen und nach Hinweisen zu seinem Vater zu befragen. Den Anfang macht er bei Abby Black (Viola Davis), deren Ehe mit William (Jeffrey Wright) gerade in die Brüche geht. Nach eigenen Berechnungen bräuchte Oskar drei Jahre, um alle abzuklappern. Aber bald erhält er Unterstützung von seinem stummen Großvater (Max von Sydow), den er allerdings nur als den „Mieter" seiner Großmutter (Zoe Caldwell) kennt. Aber der Junge ist clever genug, schnell herauszufinden, wer sein neuer Begleiter wirklich ist.


    Jonathan Safran Foer, der bereits mit seinem Debütroman „Alles ist erleuchtet" (2005 kongenial von Liev Schreiber verfilmt) für Furore in der Literaturszene sorgte, griff wie schon beim Erstling auch bei seinem zweiten Roman „Extrem laut und unglaublich nah" auf die Perspektive eines Ich-Erzählers zurück. Was im Buch eine faszinierende Möglichkeit darstellt, die komplexe Erfahrungswelt des Protagonisten offenzulegen, birgt in der filmischen Adaption oft weit mehr Risiken, weil die intime Vielfalt der Gedanken und Gefühle schwer in Bilder zu übertragen ist. Was in Foars Roman noch extrem originell und unglaublich authentisch wirkt, bekommt in der Umsetzung Stephen Daldrys etwas sehr Angestrengtes und Künstliches, wenn der Junge im Off alles kommentiert. Schlimmer noch: Obwohl von dem jungen Thomas Horn in seinem Kinodebüt bravourös gespielt, gibt es nicht wenige Situationen, in denen die Figur des Oskar die Nerven des Zuschauers strapaziert. Wenn die Welt über den Jungen hereinzubrechen droht, frönt Daldry dem inszenatorischen Overkill und verwandelt Oskars Anfälle zu visuellen und akustischen Sinnesattacken.

    Auf der rein handwerklichen Ebene leistet Regisseur Stephen Daldry („The Hours", „Der Vorleser") gewohnt blitzsaubere Arbeit - „Extrem laut und unglaublich nah" sieht hervorragend aus, auch dank des formidablen Blicks von Kameramann Chris Menges („Tagebuch eines Skandals"). Trotzdem bietet der Film nicht mehr als gelungene Einzelpassagen, im Gesamtkontext bleiben zu viele Ungereimtheiten und Ungenauigkeiten. Das extrem Konstruierte der Geschichte ist zu verschmerzen, auch wenn „Extrem laut und unglaublich nah" nichts wirklich substanziell Universelles über das konkrete Ereignis 9/11 aussagt und vielmehr auf den allgemeinen Kern „Sohn verliert Vater und leidet furchtbar unter dem Verlust" hinausläuft. Daldry nutzt die epochale Katastrophe „11. September" letztlich vor allem zur Verstärkung der emotionalen Wirkung. Hierbei agiert er jedoch so offenkundig berechnend, dass es an Bevormundung des Zuschauers grenzt. Er überfrachtet sein Werk dabei mit bedeutungsschwangeren Einstellungen, die dem beabsichtigten Effekt in ihrer Offensichtlichkeit letztlich zuwiderlaufen. Beispielhaft dafür stehen die sechs Nachrichten, die Thomas Schell am schicksalshaften „schlimmsten Tag" (wie es der Junge nennt) aus dem World Trade Center auf den Anrufbeantworter seines Sohnes gesprochen hat. Diese Anrufe werden von Daldry dramatisch auf die Spitze getrieben und über Gebühr mit Bedeutung aufgeladen.

    Mit den beiden Oscar-Preisträgern Tom Hanks („Forrest Gump", „Philadelphia") und Sandra Bullock („The Blind Side") ist „Extrem laut und unglaublich nah" exzellent besetzt, aber es ist erstaunlich, wie wenig sich die Superstars produktiv einbringen können. Hanks ist in den im Verlauf des Films immer seltener werdenden Rückblenden gefangen und schafft es nur zu Beginn, mit seinem Aufritt als Super-Dad zu rühren, wogegen Bullock nur in einer einzigen Szene Gelegenheit erhält, sich überhaupt in den Vordergrund zu spielen. Ansonsten wird sie meist zur Staffage degradiert. Ein Bruch im Erzählton, der speziell ihre Figur der überforderten, hilflosen Mutter betrifft, macht Bullock zusätzlich zu schaffen. Die schauspielerischen Lorbeeren darf sich dagegen Max von Sydow („Der Exorzist") abholen. Ob sein Auftritt nun eine Oscar-Nominierung wert ist, bleibt umstritten, aber seine Leistung ist sicherlich die beste im gesamten Film - von Sydow spricht nicht ein einziges Wort und entfaltet alleine über Mimik und Gestik einen erstaunlichen Ausdrucksreichtum.

    Fazit: Das Jugenddrama „Extrem laut und unglaublich nah" ist ein Erwachsenenfilm gesehen durch Kinderaugen. Die Oscar-Nominierung als „Bester Film" ist trotz einiger unbestreitbarer Stärken künstlerisch kaum nachzuvollziehen, dafür endet das Drama über ein 9/11-Drama zu süßlich und Regisseur Stephen Daldry visiert zu angestrengt und verkrampft die Tränendrüsen seines Publikums an.
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