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Das Haus der Krokodile
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Das Haus der Krokodile
Von Sascha Westphal
Schon seit einigen Jahren wird die westliche Popkultur von einer geradezu übermächtig erscheinenden Nostalgie beherrscht. Es ist fast so, als ob Gegenwart und Zukunft in einem derart undurchdringlichen Dunkel lägen, dass sich mehr und mehr Künstler einfach dem Vergangenen zuwenden. Sie flüchten sich in eine Sehnsucht nach früheren und damit besseren oder zumindest unschuldigeren Tagen. Also folgt in der Popmusik gegenwärtig eine Retro-Welle der nächsten, und auch im Kino blicken Produzenten und Regisseure fortwährend zurück auf Filme und Fernsehserien, Genres und Helden, die schon fast vergessen waren. Oft sind es Blicke in die eigene Kindheit und Jugend - was sie damals bewundert und geliebt haben, dem eifern sie nun mit Remakes und in Hommagen nach. In Hollywood hat diese Cine-Nostalgie längst Methode, aber auch in Deutschland setzt sie sich mehr und mehr durch. Die prominentesten Beispiele dafür sind natürlich die beiden „Wickie"-Filme. Nun huldigen Philipp Stennert und Cyrill Boss mit „Das Haus der Krokodile" den Kino- und Fernsehphantasien der 70er Jahre. Ihr Krimi mit leichten Horror-Anleihen basiert zwar auf dem gleichnamigen Kinder- und Jugendroman Helmut Ballots. Aber der wurde schon einmal, 1975, von Wilhelm ten Haaf mit Thomas Ohrner in der Hauptrolle als Miniserie für das deutsche Fernsehen verfilmt.

Seit der elfjährige Victor (Kristo Ferkic) zusammen mit seinen Eltern (Katja Weitzenböck und Thomas Ohrner) und seinen beiden älteren Schwestern Cora (Joanna Ferkic) und Louise (Vijessna Ferkic) in die alte Villa eines reichen, nun in einem Heim lebenden Onkels (Dieter Schaad) gezogen ist, glaubt er fest daran, dass das Haus ein schreckliches Geheimnis birgt. Vor 40 Jahren ist hier Cäcilie, die Tochter des Onkels gestorben, und nun will Victor unbedingt herausfinden, was damals wirklich geschehen ist. Als seine Eltern für ein paar Tage auf Geschäftsreise gehen, bietet sich ihm die perfekte Gelegenheit für seine Nachforschungen. Erste Hinweise liefert ihm das Tagebuch des Mädchens, auf das es allem Anschein nach auch ein maskierter Einbrecher abgesehen hat. Nur will Victor niemand glauben, dass der überhaupt in der Wohnung war. Zudem unternimmt Frau Debisch (Gudrun Ritter), eine ältere Nachbarin, alles, um ihn zu entmutigen. Doch das stachelt Victor nur noch mehr an, zumal noch ein weiterer Nachbar, Herr Strichninsky (Waldemar Kobus), sich sehr merkwürdig verhält...

Schon mit den ersten Bildern - alte Super-8-Aufnahmen der elfjährigen Cäcilie, die Victor später entdecken und sich ganz fasziniert anschauen wird - beschwören Philipp Stennert und Cyrill Boss eindrucksvoll eine 70er-Jahre-Atmosphäre herauf. Sie haben in diesen entfärbten Aufnahmen nicht nur das Dekor jener Jahre virtuos eingefangen, das leicht fahle Licht und die ein wenig verschwimmenden Konturen passen auch perfekt zu der Kino- und Fernsehästhetik dieser Ära, die wiederum bis heute das Bild und die Vorstellungen von jener Zeit prägen. Außerdem dürfte dieser kleine Film-im-Film bei älteren Zuschauern noch ganz andere Erinnerungen auslösen. Schließlich waren eingestreute Super-8-Filme nicht nur in amerikanischen Thrillern der 70er Jahre recht verbreitet. Auch die Regisseure des italienischen Giallo machten regen Gebrauch von diesem Stilmittel. Dieses auch heute noch kultisch verehrte Krimi-Subgenre, das Klassiker wie „Blutige Seide" und „Profondo Rosso" hervorbrachte, und vor allem durch seine bizarren Mordsequenzen sowie seine morbide Atmosphäre auffiel, erweist sich vor allem beim Stimmungs- und Spannungsaufbau fast als eine Art Folie für Philipp Stennert und Cyrill Boss. Sie haben sich dieses Genre und andere „erwachsene" Einflüsse wie den Suspense nach Art von Alfred Hitchcock aber auf durch und durch kindgerechte Weise angeeignet.

Die Kriminalgeschichte um einen versteckten Schatz, einen rätselhaften Todesfall und einen dreisten Dieb ist mit ihren spielerischen Wendungen, die nicht nur die Herzen von Kindern, die sich gerne einmal als Detektiv versuchen würden, höher und schneller schlagen lassen, ganz auf ein junges Publikum zugeschnitten. Außerdem haben Philipp Stennert und Cyrill Boss, zu deren gemeinsamen Arbeiten auch „Neues vom Wixxer" und „Jerry Cotton" gehören, ihr Schauspielerensemble vorbildlich zusammengestellt. Es glänzen neben der wunderbar schrulligen Gudrun Ritter („Boxhagener Platz") und Waldemar Kobus („Wickie und die starken Männer") auch Christoph Maria Herbst („Stromberg") in einer so zwielichtigen wie komödiantischen Rolle sowie Uwe Friedrichsen („Schuld und Unschuld") als melancholischer Abgesandter einer anderen. Jeder von ihnen erfüllt auf köstliche Weise alle Erwachsenen-Klischees des Kinderkinos, ohne dabei die Figuren und ihre Geschichten auch nur für einen Moment lächerlich zu machen.

Fazit: Von Seiten des Verleihs wird Philipp Stennerts und Cyrill Boss' Kinoversion von „Das Haus der Krokodile" als Hitchcock für Kinder angekündigt, und das trifft es sogar. Die beiden Filmemacher verbeugen sich mit einigen ihrer ausgeklügelten Szenen ganz deutlich vor Alfred Hitchcocks Suspense-Kino. Dabei loten sie die Grenzen, die Horror- und Thrillermotiven im Rahmen eines Kinderfilms gesetzt sind, wirklich bis in den letzten Winkel aus, ohne sie zu überschreiten.
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