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Another Me - Mein zweites Ich
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Another Me - Mein zweites Ich
Von Thomas Vorwerk
Die katalanische Regisseurin Isabel Coixet ist bekannt für bildgewaltiges, wuchtiges, manchmal unerschrockenes Emotionskino - ob in „Mein Leben ohne mich“ und „Das geheime Leben der Worte“, mit denen sie Sarah Polleys Schauspielkarriere eine Starthilfe bot, der Philip-Roth-Verfilmung „Elegy oder die Kunst zu lieben“ mit Penélope Cruz oder ihrem Japan-Ausflug „Eine Karte der Klänge von Tokio“. Die Verfilmung eines gruseligen Jugendromans passt da nicht recht ins Schema und erinnert an ihre US-Kollegin Catherine Hardwicke, die nach Anfängen im Independent-Kino mit „Twilight – Biss zum Morgengrauen“ den erfolgreichsten Film ihrer Karriere schuf. Angesichts der zwielichtigen Geschichte um ein mysteriöses Schattenwesen wirkt „Another Me - Mein zweites Ich“ aber nicht wie der Aufstieg in die Top-Liga der Besucherrekorde, sondern eher wie der Absturz eines einstigen Hoffnungsträgers.

Die fast erwachsene Fay (Sophie Turner) betritt einen dunklen Lebensabschnitt, als ihr Vater Don (Rhys Ifans) mit multipler Sklerose ohne Überlebenschancen diagnostiziert wird. In der Theater-AG gelingt es ihr, die Rolle der „Lady Macbeth“ an der Seite ihres Schwarms Drew (Gregg Sulkin) zu bekommen, was ihre Rivalin Monica (Charlotte Vega) abschätzig als „Opfer-Bonus“ einstuft. Die Casting-Entscheidung könnte aber auch damit zusammenhängen, dass der Lehrer (Jonathan Rhys Meyers) eine Affäre mit Fays Mutter Ann (Claire Forlani) hat, die die angeknackste Ehe endgültig pulverisieren dürfte. Doch das ist alles nur Hintergrundrauschen für das düstere Herz der Geschichte: Eine zunächst in Träumen und Visionen auftauchende dunkle Doppelgängerin drängt sich immer stärker in Fays Leben. Handelt es sich um eine Geistererscheinung, eine perfide Intrige Monicas oder gar um eine multiple Persönlichkeit der psychisch belasteten Schülerin?

„Another Me – Mein zweites Ich“ wirkt wie eine typische „Young Adult“-Romanadaption, in der eine junge Liebe mit übernatürlich wirkenden Phänomenen verbunden wird. Da dürfen auch die vielversprechenden Jungstars in der Besetzung nicht fehlen, der nächste Robert Pattinson oder die nächste Jennifer Lawrence will schließlich gefunden werden. Diese Rollen sollen Sophie Turner, bekannt als Sansa Stark aus der HBO-Erfolgs-Fantasyserie „Game of Thrones“, sowie Gregg Sulkin, der einer jungen Zielgruppe schon als Werwolf Mason Greyback in der Disney-Serie „Die Zauberer vom Waverly Place“ begegnet sein könnte, ausfüllen. Doch die Darsteller bleiben hier seltsam blutleer. Zwar wird anfangs angedeutet, dass sich die Gegenspielerinnen Fay und Monica nicht nur um die Theaterrolle streiten, sondern auch um Drew, der den Macbeth spielen soll, doch wie vieles in diesem Film erweist sich auch diese mögliche Liebesgeschichte als falsche Fährte.

Ohnehin wird vieles am Rande angerissen, dann aber innerhalb des Drehbuchs und der Inszenierung nicht weiter beachtet. Eine der wenigen nicht ganz so simplen Ideen ist dabei ein rätselhaftes Graffito, das Fay in einer dunklen Unterführung findet, die offenbar zu ihrem täglichen Schulweg gehört. „I'm here“ steht da in blutrot gesprayten Lettern und Fay kommt nicht umhin, an dieser Stelle kurz die Wand zu berühren, wie um sich von der Realität der unheilvollen Worte zu versichern. Dass sie die Hand deswegen später waschen muss, ist eine deutliche Anleihe an das Shakespeare-Stück im Film (Lady Macbeth sagt nach einer Bluttat: „A little water clears us of this deed“). Die Filmemacher geben sich so immer wieder Mühe, mit unterschiedlichen Hinweisen und Anspielungen die Auflösung des „zweiten Ichs“ bis zuletzt offen zu lassen. Ist Fay Opfer, Täter oder gar beides?

Die Antwort auf diese Frage liefert kaum packende Unterhaltung. Jeglicher Spannung und Identifikation steht nämlich immer wieder unfreiwillige Komik im Weg. So gibt es zwei gruselige Orte, an die es Fay immer wieder verschlägt und die sich perfekt zum Spannungsaufbau eignen: die erwähnte Unterführung und ein unzuverlässiger Fahrstuhl in ihrem Haus. Die Unterführung wird gleich zu Beginn des Films mit einem Traum eingeführt, in dem Fay beobachtet, wie ihre Doppelgängerin von einem Quartett von jungen Männern zusammengetreten wird (Kubricks „Uhrwerk Orange“ lässt grüßen). Während sie in der Unterführung mehrfach Schatten heimsuchen, scheint die Gefahr im Fahrstuhl von Reflexionen auszugehen. Die nachvollziehbaren visuellen Umsetzungen des Doppelgänger-Motivs werden aber ein gutes Stück untergraben, weil man sich als Zuschauer zwangsläufig fragt, warum Fay nicht einfach statt der Unterführung die wenig befahrbare Straße überquert und statt des quietschenden, unzuverlässigen Grusel-Lift nicht lieber auf einen zweiten funktionierenden Fahrstuhl oder das Treppenhaus zurückgreift.

Dabei ist der Stil von Regisseurin Isabel Coixet zu erkennen. Nicht nur die perfekt und manchmal farbenfroh ausgeleuchteten Tableaus und der großzügiger Einsatz von Unschärfen und Zeitlupe machen deutlich, dass die ehemalige Werbefilmerin hier am Werke war, sondern auch die Verwendung ihre bevorzugten Themen als Autorin: dunkle Geheimnisse und die Selbstfindung junger Frauen. In kleinen Rollen hat Coixet sogar ihre Wegbegleiterinnen Leonor Watling („Das geheime Leben der Worte“) und Geraldine Chaplin („Zeit der Unschuld“) besetzt. „Another Me“ fügt sich aber nur auf den ersten Blick ins Gesamtwerk der Regisseurin. Hatten ihre früheren Filme alle emotionales Gewicht, wirkliche Abgründe und Schicksale, die den Zuschauer mitreißen, versagt sie bei ihrem neuen Film auf dieser Ebene komplett. Und auch als phantastischer Film taugt „Another Me“ gar nichts.

Fazit: Ob als Teenager-Variante von „Black Swan“ oder als halbherzige Einführung junger Zuschauer ins Horror-Genre: Für Isabel Coixet und ihren neuen Film fährt der Fahrstuhl nur abwärts.
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