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    Jackie
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Jackie
    Von Christoph Petersen
    Als der 35. US-Präsident John F. Kennedy (Caspar Phillipson) am 22. November 1963 in Dallas erschossen wird, muss Jacqueline Kennedy (Natalie Portman) nicht nur wie eine trauernde Normalsterbliche mit dem plötzlichen Verlust ihres Mannes und des Vaters ihrer drei und fünf Jahre alten Kinder klarkommen. Nach dem Attentat verbleiben der Nun-nicht-mehr-First-Lady auch nur wenige Tage, um mit ihrer letzten verbliebenen Macht das Andenken an die Präsidentschaft ihres Mannes (und damit an sich selbst) in die gewünschten Bahnen zu lenken. Dem chilenischen Regisseur Pablo Larraín („No“, „Neruda“) gelingt mit seinem ersten englischsprachigen Film „Jackie“ ein ebenso ambivalentes wie intimes Porträt der wohl berühmtesten aller Präsidentengattinnen, das sich wohltuend vom herkömmlichen Politfilm- sowie Biopic-Einheitsbrei abhebt und mit seiner ungewöhnlichen Struktur und Kameraarbeit mitunter fast schon experimentelle Züge annimmt. Ein brillant inszeniertes, präzise erzähltes und zugleich absolut herzzerreißendes Drama über die Verlorenheit der Trauernden, die Vergänglichkeit der Macht und den verzweifelten Versuch, unbedingt den eigenen Platz in der Geschichte bestimmen zu wollen.

    Noch auf dem Weg vom Washingtoner Flughafen ins Bethesda Naval Hospital, wo der Leichnam eines verstorbenen US-Staatsoberhaupts den Gesetzen nach obduziert werden muss, fragt Jackie Kennedy ihren Fahrer, welche dieser Personen ihm etwas sagen: James A. Garfield? William McKinley? Abraham Lincoln? Es sind die drei US-Präsidenten, die während ihrer Amtszeit einem Attentat zum Opfer gefallen sind - aber wie wohl die meisten Durchschnittsamerikaner kann auch der Chauffeur nur mit dem Namen Lincoln sofort etwas anfangen. Also lässt sich die Präsidentenwitwe die Pläne von dessen Beerdigungszeremonie bringen – für den Great Emancipator wurde damals eine gewaltige Prozession durch die von kondolierenden Menschenmassen gesäumten Straßen Washingtons veranstaltet, und genau das verlangt Jackie nun auch für ihren Mann. Allerdings stößt eine solche Trauerfeier auf den Widerstand des Teams des noch auf dem Heimflug aus Dallas eingeschworenen Ersatzpräsidenten Lyndon B. Johnson (John Carroll Lynch) – seine Leute sehen in der Großveranstaltung zum einen ein nicht einzuschätzendes Sicherheitsrisiko, wollen aber auch den Kennedys nicht länger allein den Platz vor den Fernsehkameras dieser Welt überlassen…


    Jackie Kennedy hat 1962 für das CBS-TV-Special „A Tour Of The White House“ erstmals TV-Kameras ins Weiße Haus geholt (in „Jackie“ gibt es eine Nachstellung mit einer großartig verunsicherten Natalie Portman) – und nun geht es eben darum, sich noch ein letztes Mal die Aufmerksamkeit der Menschen rund um den Globus zu sichern (ob aus persönlicher Eitelkeit oder zur Bewahrung der politischen Errungenschaften ihres Mannes, wird im Film bewusst offengelassen). Obwohl das Attentat und alle anschließenden Geschehnisse natürlich auf der ganz großen (Medien-)Weltbühne ablaufen, setzten Larraín und sein Kameramann Stéphane Fontaine („Elle“) auf ein extremes Stilmittel, das fast den genau gegenteiligen Effekt erzeugt: Ein Großteil von „Jackie“ besteht gerade in den Massenszenen aus extremen Nahaufnahmen – wenn dann andere Figuren auftauchen, wirkt es häufig so, als würden sie sich mit Gewalt von der Seite in das Bild drängen, das eigentlich Jackie ganz allein gehört. Das kann man als Kommentar zur schon damals zelebrierten Celebrity-Kultur verstehen – vor allem aber rückt das Publikum so ganz, ganz nah an die Protagonistin heran.

    „Jackie“ ist ein ungewöhnlich und manchmal auch ungemütlich intimes Porträt, gerade wenn die Verzweiflung und Trauer von Jackie Kennedy in den Mittelpunkt rückt, sie ein letztes Mal allein zur Lieblingsmusik ihres Mannes (das Musical „Camelot“) durch die von ihr liebevoll und geschichtsbewusst eingerichteten Räume des Weißen Hauses schleicht, nicht wissend, wie es eigentlich weitergehen soll (einmal fragt sie ihr Gegenüber, wie Männer sie denn jetzt wohl ansehen werden). Dass einem diese Momenten inmitten der kaltherzig-berechnenden Ränkespiele immer wieder regelrecht das Herz zerreißen, liegt dabei zu einem guten Teil an Oscarpreisträgerin Natalie Portman (ausgezeichnet für „Black Swan“), die hier die beste Leistung ihrer Karriere abliefert (und damit neben Emma Stone für „La La Land“ auch als Topfavoritin in die anstehende Filmpreissaison geht). Neben einer perfekten Imitation des Dialekts und der Manierismen des berühmten Vorbilds strahlt Portman zugleich eine solche Verletzlichkeit und Verlorenheit, aber auch eine immense Stärke und einen unglaublichen Willen aus. Eine durch und durch ambivalente, aber trotzdem ungemein präzise Performance: Obwohl wir es hier mit einer trauernden Witwe zu tun haben, die gerade miterlebt hat, wie ihr Mann erschossen wurde, ist man als Zuschauer bis zum Schluss nicht sicher, ob man diese Jackie Kennedy nun eigentlich mögen soll oder nicht.

    All die Szenen kurz vor und in den Tagen nach dem Attentat werden in „Jackie“ in Rückblenden erzählt. In der Rahmenhandlung gibt Jackie Kennedy eine Woche nach der Tat einem namenlosen Journalisten (Billy Crudup) ein exklusives Interview – und dabei wird das Publikum Zeuge, wie all die Dinge, die wir gerade erst in den Rückblenden gesehen haben (oder wenige Augenblicke später sehen werden), direkt geschichtlich eingeordnet werden. Dabei ist diese Einordnung alles andere als ein Selbstläufer – sie wird vielmehr von einem ständigen Ringen begleitet: Zu den inneren Kämpfen Jackie Kennedys gesellen sich die ständigen Seitenhiebe zwischen ihr und dem Reporter. So gibt es immer wieder kurze Passagen, in denen die Interviewte alles frei rauslässt, etwa wenn sie über die Gehirnmasse ihres Mannes auf ihrem Kleid spricht – nur um dann direkt nachzuschieben, dass sie die gerade gesprochenen Worte natürlich niemals zur Veröffentlichung freigeben würde. Stattdessen folgen mit viel Bedacht gewählte, betont staatstragende Aussagen. Nach all dem zähen Verhandeln um die Geschichtsdeutung gönnt sich Larraín zum Abschluss dann noch eine besonders bittere Pointe (Achtung Spoiler): Aus dem Autofenster an einer Kreuzung erhält die Ex-First-Lady einen ersten Eindruck davon, wie die Welt sie wirklich in Erinnerung behalten wird – in der Ausstellung eines Kaufhauses sind all die Schaufensterpuppen angezogen wie Jackie Kennedy in ihrem legendären rosafarbenen Chanel-Kleid. Am Ende ist eben trotz aller Mühen doch niemand Herr(in) seiner eigenen Geschichte.

    Fazit: Ein absolut ungewöhnliches und gerade deshalb unbedingt sehenswertes Politdrama mit einer alles überstrahlenden Natalie Portman.
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    Kommentare

    • Jimmy v
      Guter Film und im großen und ganzen auch so beschrieben wie in der Kritik. Ich gebe nur 4 Sterne, weil der Film in seinen Dialogen manchmal zu holprig ist und dadurch eben die angenehme Ambivalenz pathetisch versüßt wird.
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