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The Sisters Brothers
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
The Sisters Brothers

Alles andere als ein typischer Western

Von Björn Becher
In seinen bisherigen vier Büchern hat sich Patrick DeWitt Genres vorgeknöpft, um dann mithilfe satirischer Einsprengsel jegliche Erwartungen zu unterlaufen und dem so nur auf den ersten Blick bekannt anmutenden Geschehen einen ganz neuen Dreh zu verleihen. Dieses Konzept hat ihn zu einem Literaturstar der Gegenwart gemacht und es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch die Filmindustrie auf den Ausnahmeautoren stoßen würde. Den Anfang macht nun eine Leinwandadaption des Westernromans „Die Sisters Brothers“, neben „Der Diener, die Dame, das Dorf und die Diebe“ eines der beiden herausragenden Meisterwerke des Kanadiers. Der französische Regisseur und Drehbuchautor Jacques Audiard („Ein Prophet“) übernimmt bei seinem „The Sisters Brothers“ nun eine ganze Reihe der grandios-komischen Dialogzeilen und Banalitäten direkt aus der Vorlage, die von seinen spiellaunigen Darstellern zudem auch noch kongenial umgesetzt werden. Was hingegen an vielen Stellen fehlt, sind dem epischen Western-Setting angemessene Bilder. Ein Gefühl von Weite und Größe kommt so nur selten auf.

Oregon, 1851: Die Brüder Charlie (Joaquin Phoenix) und Eli Sisters (John C. Reilly) arbeiten als Killer für einen mysteriösen und furchteinflößenden Mann, der von allen nur der Commodore genannt wird. Gerade haben sie ihren jüngsten Auftrag abgeschlossen, da wartet auch schon der nächste: Sie sollen einen Goldsucher namens Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed) aufspüren und töten. Der Chemiker hat eine Formel entdeckt, die das Goldschürfen massiv vereinfacht. Da der Wissenschaftler ein paar Tagesreisen Vorsprung hat, wurde mit John Morris (Jake Gyllenhaal) allerdings bereits ein weiterer Handlanger vorausgesandt. Dieser soll das Opfer im Auge behalten und die Brüder über den Weg informieren. Doch die kommen erst einmal nicht so richtig voran. Erst ist Charlie zu betrunken, dann sein Bruder zu krank. Und sowieso kommt der nachdenkliche Eli immer mehr ins Grübeln, ob das Killer-Dasein überhaupt noch das Richtige für ihn ist…


Jacques Audiard steigt direkt mit einer wilden Schießerei ins Geschehen ein – aber obwohl auch anschließend noch mehrere davon über die Handlung verteilt sind, spielt der Regisseur dabei konsequent mit den Erwartungen des Zuschauers. Denn „The Sisters Brothers“ ist kein klassischer Western und so werden nach und nach auch die klassischen Spielregeln des Genres immer wieder unterlaufen. Ohne die wendungsreiche Geschichte zu spoilern, zeigt sich dies exemplarisch an einer längeren Collage gen Ende des Films: Die Brüder werden verfolgt, sie liefern sich Feuergefechte mit Gegnern hinter Felsen oder hoch zu Pferd. Aber statt der üblichen Einstellungen, die man bei einem solchen Zusammenschnitt erwarten würde, zeigt Audiard lieber kurze, eher nichtssagende, zu keinem Ergebnis führende Ausschnitte der Ballerei – fast so, als würde er ausschließlich jenes Material präsentieren, das bei einem herkömmlichen Western als Füllmaterial die eigentliche Action nur ein wenig verlängert hätte. So vermeidet er auch wiederholt das Zeigen der finalen Konfrontation, auf die ja traditionell im Westerngenre alles hinaufläuft.

Anfangs erzählen Audiard und sein langjähriger Co-Autor Thomas Bidegain noch zwei Geschichten parallel, was aber nicht so recht aufgeht. Denn die Story um den Goldschürfer Warm und seinen „Beobachter“ Morris ist gerade zu Beginn ein bremsender Störfaktor, der die vielen kleinen Highlights der Reise der ungleichen Brüder nur unnötig unterbricht. Die oft direkt aus dem Roman übernommenen Sprüche führen gerade bei den Sisters-Geschwistern zu oft wunderbar skurril-absurden Dialogen mit einem unglaublichen Unterhaltungswert. Die vier Hauptfiguren entsprechen sowieso nicht gerade dem wortkargen Typ Cowboy, wie man ihn aus anderen Western gewohnt ist. Teilweise muss man sogar höllisch aufpassen, dass einem keiner der meist beiläufig eingestreuten Sätze entgeht. Ebenfalls köstlich sind die Szenen, in denen Eli mit der ihm innewohnenden Naivität die Errungenschaften der ausgehenden Western-Ära für sich entdeckt, sich etwa das erste Mal eine Zahnbürste kauft oder eine Toilette mit Spülung bewundert. John C. Reilly („Die Stiefbrüder“) ist hier voll in seinem Element. Er spielt seinen Eli als sanften Bären, den man einfach gernhaben muss, der aber in einem Hinterhalt genauso schnell zu einem Killer mutiert wie sein kleiner, offen mordlüsterner Bruder.

Neben dem starken Cast ist auch die musikalische Untermalung von Alexandre Desplat ein echtes Highlight. Besonders eindrucksvoll wirken die Piano- und Streicher-Klänge, wenn der zweifache Oscarpreisträger (für „Grand Budapest Hotel“ und „The Shape Of Water“) diese während der Schießereien quasi um die Pistolengeräusche herum arrangiert. Oder auch, wenn die Sisters-Brüder in einer urkomischen Szene das erste Mal in ihrem Leben eine Großstadt betreten: Während Eli beim Anblick von San Francisco aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt, ist Charlie sofort davon begeistert, dass es hier dermaßen viel Ablenkungen gibt, dass wahrscheinlich niemand bemerken würde, wenn man hier einfach so jemanden um die Ecke bringt: Desplat unterstreicht die Überwältigung der Figuren mit fast schon jazzartigen Klängen, die man so zwar aus dem Western nicht gewohnt ist, die sich aber nie über Gebühr in den Vordergrund schieben.

Ein zweischneidiges Schwert ist dagegen die Kamera von Benoît Debie. Der langjährige Weggefährte von Gaspar Noé, der für das Enfant terrible unter anderem „Irreversible“, „Enter The Void“ und „Climax“ bebilderte und auch bei Harmony Korines „Spring Breakers“ sensationelle Arbeit leistete, ist für einen Western sicherlich eine mehr als ungewöhnliche Wahl. Aber wo das bewusste Gegen-den-Strich-Bürsten an vielen dieser Produktion ganz hervorragend aufgeht, ist die visuelle Gestaltung die eine große Ausnahme: Zwar gibt es einige wirklich herausragende Landschaftsaufnahmen, aber meistens kommt die Kamera den Figuren nicht nur ganz nah, sie verfolgt sie sogar aus nächster Distanz. Das ist allerdings nicht immer überzeugend: Denn wenn die digitale Handkamera zwischen den einzelnen Protagonisten herumwandert, geht bisweilen das Kino-Feeling verloren. Stattdessen wirken einzelne Szenen, als würde hier eine Theateraufführung aufgezeichnet werden und der Kameramann mit auf der Bühne herumrennen. Das raubt dem fatalistischen Western vor allem im ersten Drittel eine wenig von seiner Schlagkraft.

Fazit: In keiner Hinsicht ein typischer Western – und gerade deshalb sehenswert.
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