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Wonderstruck
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Wonderstruck
Von
Todd Haynes ist ein Meister darin, Milieus vergangener Dekaden in Filmen wie „Carol“, „I’m Not There“ oder „Dem Himmel so fern“ detailgetreu wiederauferstehen zu lassen. In seiner Adaption des illustrierten Kinderbuchs „Wonderstruck“ von „Hugo Cabret“-Autor Brian Selznick (der auch das Drehbuch geschrieben hat) geht der kalifornische Regisseur nun noch einen Schritt weiter und taucht gleich in zwei verschiedene Epochen ein, indem er zwei Geschichten auf wundersame Weise verknüpft, die zeitlich immerhin 50 Jahre auseinanderliegen – die eine spielt in den 1920ern, die andere ist in den 1970ern angesiedelt. Haynes macht aus diesem doppelten Zeit-Porträt ein mysteriöses Jugend-Drama mit magisch-realistischem Anstrich. Seine imposant-großgedachte Inszenierung steht dabei jedoch nicht immer unbedingt im Dienste der eigentlich sehr einfach angelegten Geschichte, sodass „Wonderstruck“ phasenweise nicht über den Status einer – allerdings betörenden - Stilübung eines begnadeten Filmemachers hinauskommt. Diese Einwände verblassen wiederum angesichts des wunderbar-emotionalen Finales, das dem tief empfundenen Staunen des schwer übersetzbaren Titels „Wonderstruck“ alle Ehre macht.

Im Jahr 1977 führt der zwölfjährige Ben (Oakes Fegley) ein behütetes Leben in Gunflint, Minnesota - nur eine Sache nagt an dem Jungen: Seine Mutter Elaine (Michelle Williams) weigert sich nämlich beharrlich, über seinen abwesenden Vater (James Urbaniak) zu sprechen. Doch in einer gewitterverhangenen Nacht ändert sich Bens Leben radikal: In einem alten Buch mit dem Titel „Das Kabinett der Wunder“ findet er einen möglichen Hinweis auf seinen Vater, bevor ein Blitz in das Haus einschlägt und Ben sein Gehör verliert. Wenig später reißt der Junge aus und macht sich auf den Weg nach New York, um dort dem Hinweis aus dem Buch nachzugehen… Die Metropole ist auch das Ziel der ebenfalls zwölfjährigen Rose (Millicent Simmonds), die sich genau 50 Jahre früher in Hoboken, New Jersey einsam fühlt und deshalb ihre Schauspieler-Mutter Lillian Mayhem (Juliane Moore) im Big Apple besuchen möchte…

Das dramaturgische Konzept von „Wonderstruck“ macht sofort neugierig: Todd Haynes erzählt seine beiden Geschichten nämlich im ständigen Wechsel, was zuerst fast so wirkt, als würde es zwei völlig unterschiedliche Filme auf einmal zu sehen geben. Die 1927er Episode um die unglückliche Rose, die sich nach ihrer Mutter sehnt, ist dabei fast wie ein (Stumm-)Film aus eben jener Zeit inszeniert: komplett in Schwarz-Weiß sowie ohne hörbare Dialoge und Geräusche (auf der Tonspur erklingt während dieser Geschichte ausschließlich Musik). Auch im Handlungsstrang um Ben, dem Haynes insgesamt deutlich mehr Spielzeit einräumt, gibt es einige geräuschlose Szenen, was dem Zuschauer das streckenweise Eintauchen in die Wahrnehmung des gehörlosen Protagonisten ermöglicht. Aber ansonsten könnten die bunten 70er-Jahre-Segmente mit Ben von Look und Atmosphäre her kaum in einem größeren Kontrast zur expressiv reduzierten Geschichte von Rosa stehen. Trotzdem ist zwischen den nicht nur zeitlich, sondern auch ästhetisch weit auseinanderliegenden Erzählungen bald eine unterschwellige Verbindung zu spüren, allerdings ohne dass man als Zuschauer ahnt, wie genau das alles eigentlich zusammengehört. Die zunehmend offensichtlichen Parallelen zwischen den beiden Episoden verstärken das Rätsel noch und münden schließlich in eine regelrechte Symmetrie der Orte und Einstellungen.

Todd Haynes‘ stilistische Kabinettstückchen überlagern vor allem in der ersten Hälfte des Films gelegentlich den emotionalen Kern der letztlich sehr schlichten Geschichte(n) über kindliche Ängste und Sehnsüchte – erst wenn die beiden Handlungsstränge schließlich kunstvoll zusammengeführt werden und all die Parallelen zwischen ihnen eine wundersame, virtuos um ein paar Ecken gedachte Erklärung finden, kommen die Gefühle ganz zu ihrem Recht. Ein für die Weltausstellung 1964 erstelltes gigantisches Diorama von New York spielt dabei eine wahrhaft augenöffnende Rolle – ein visuelles Meisterstück, das seinesgleichen sucht.

In mancher Hinsicht sogar noch beeindruckender als das Diorama-Wunderwerk ist die Gestaltung des 70er-Jahre-Settings insgesamt. Die Zeit wird auf phantastisch-authentische Weise lebendig, an ihren Bildern und Sounds kann man sich gar nicht sattsehen und -hören. Wenn gleich zu Beginn David Bowies „Space Oddity“ erklingt und das Oscar-Wilde-Zitat „We are all in the gutter, but some of us are looking at the stars“ eingeblendet wird, dann beschwört Haynes wirkungsvoll die Magie des grenzenlosen Träumens. Später fügt sich Deodatos funkiges Strauss-Cover „Also sprach Zarathustra“ perfekt in die Stimmung der poetischen Bilder von Kameramann Ed Lachman („Carol“, „Erin Brockovich“), die das New York der Seventies in eine geradezu magische Sphäre entrücken: Im Universum von „Wonderstruck“ lässt es sich leicht an Wunder glauben.

Die bekanntesten Namen werden auf der Besetzungsliste ganz oben genannt, aber die Prominenten spielen hier bei weitem nicht die wichtigsten Rollen. So ist die schon vier Mal oscarnominierte Michelle Williams („Manchester By The Sea“) nur ganz kurz am Anfang als freigeistige Mutter von Ben zu sehen und auch Oscargewinnerin Julianne Moore („Still Alice“) spielt nur eine beziehungsweise zwei Nebenrollen, wobei sie als Filmstar-Mutter in Roses Handlungsstrang wie alle anderen Darsteller stumm bleibt. Die wirklich tragenden Parts haben hingegen die jungen Protagonisten inne: Oakes Fegley („Elliot, der Drache“) schürt als ebenso sympathischer wie empfindsamer Ben, der sich auf eigene Faust auf die Suche nach seinem Vater begibt, den Abenteuerhunger der kleinen und großen Zuschauer, während Schauspielneuling Millicent Simmonds als neugierige Rose die Welt um sich herum mit derart großen und begeisterten Augen aufsaugt, dass man selbst auch ganz genau hinschaut, um in Haynes‘ betörenden Bilderwelten auch ja nichts zu übersehen.

Fazit: Todd Haynes hat mit dem bittersüß-märchenhaften Drama „Wonderstuck“ einen visuell herausragenden Film geschaffen, wobei die schiere inszenatorische Brillanz zuweilen die zarten Gefühle der schlichten Geschichte zu ersticken droht.

Wir haben „Wonderstruck“ im Rahmen der 70. Filmfestspiele in Cannes 2017 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb gezeigt wird.
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