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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Churchill
Von
Wie wird man Winston Churchill, dem wohl bedeutendsten britischen Politiker aller Zeiten, und seinem Wirken filmisch gerecht? Wie bei so vielen berühmten Persönlichkeiten war sein Leben schon aus rein historischer Sicht so ereignisreich, dass alleine die wichtigsten Höhe- und Wendepunkte genug Stoff für eine ausgewachsene Fernsehserie bieten würden. Wer sich dem kantigen Staatsmann aber in einem Kinofilm nähern will, ist mit einem anderen Ansatz meist besser beraten. Für ein treffendes Porträt eines Menschen reicht schließlich auch ein spannender biografischer Ausschnitt, aus dem sich die Quintessenz der Persönlichkeit herausfiltern lässt. Diesen Weg geht Regisseur Jonathan Teplitzky („The Railway Man“) in seinem biografischen Drama „Churchill“: Er konzentriert sich  auf eine kurze Zeitspanne vor dem D-Day, an dem die Alliierten mit der Landung in der Normandie Nazi-Deutschland überrumpelten und die Wende im Zweiten Weltkrieg erzwangen. Der von den Leiden des Kriegs gezeichnete Churchill hat sich dieser Strategie lange widersetzt, aber aus diesem durchaus spannenden Konflikt holt Teplitzky erzählerisch kaum etwas heraus und hat neben billiger Küchenpsychologie nicht viel zu bieten. Der Churchill des Films wirkt wie ein ziemlich uneinsichtiger und dickköpfiger Vollblut-Choleriker an der Grenze zur Witzfigur. Das  Publikum muss ihm anderthalb Stunden dabei zusehen, wie er hadernd auf das falsche Pferd setzt, ohne dass sich daraus ein nennenswerter Erkenntnis- oder Unterhaltungswert ergibt.

Juni 1944: Der Zweite Weltkrieg nähert sich der Entscheidung. Unter Führung der USA wollen die alliierten Truppen alles auf eine Karte setzen, mit 250.000 Mann an den Stränden der Normandie landen und die Deutschen unter Inkaufnahme von hohen Verlusten aus Frankreich zurückdrängen. Doch dem britischen Premierminister Winston Churchill (Brian Cox) bereiten die Pläne große Bauchschmerzen, er will den Feldzug unbedingt stoppen, stößt mit seinen Einwänden aber bei US-Oberbefehlshaber General Eisenhower (John Slattery) auf Granit. Churchill verfällt zunehmend in eine Sinnkrise, die auch seine Ehe mit Clementine (Miranda Richardson) ins Wanken bringt. Er versucht weiter mit aller Macht, den D-Day zu verhindern, weil er zu hohe Verluste auf Seiten der britischen Soldaten fürchtet und nicht an den Erfolg des militärischen Kraftakts mit dem Titel „Overlord“ glaubt.



Im Jahr 2017 konkurrieren zwei Winston-Churchill-Biopics um die Aufmerksamkeit der Kinozuschauer. Bevor „Darkest Hour“, das prominent besetzte Werk des preisgekrönten Regisseurs Joe Wright („Stolz und Vorurteil“, „Abbitte“) mit Gary Oldman in der Hauptrolle im Herbst das Licht der Leinwand erblickt, macht Jonathan Teplitzky mit „Churchill“ den Anfang. Gemeinsam ist beiden Produktionen, dass der Fokus jeweils auf einer einzigen besonders wichtigen Episode aus Churchills bewegtem Leben liegt. Aber während Wright auf die erste Phase des Zweiten Weltkriegs blickt, als ein entschlossener und unbeugsamer Churchill wie kein Zweiter für den Kampf- und Widerstandsgeist des vom Blitzkrieg der Nazis gezeichneten Englands steht, widmet Teplitzky sich im deutlichen Gegensatz dazu einer Zeit des Zauderns. Bei ihm steckt der Staatsmann politisch und menschlich in der Krise und droht an seinen Irrtümern zu zerbrechen, als er 1944 als „Mann von gestern“ in die hintere Reihe der Schlachtenlenker gedrängt wird.

In den allermeisten Biopics stehen die Erfolge und Pioniertaten der Protagonisten im Vordergrund, aber zu einer solchen strahlenden Heldensaga taugt das Debüt-Drehbuch des britischen Historikers Alex von Tunzelmann nicht. Das ist nicht nur einigermaßen ungewöhnlich, sondern grundsätzlich auch sehr reizvoll. Aber ein differenziertes Charakterdrama ist „Churchill“ eben trotzdem nicht. Dabei sind die Defizite nicht etwa auf das knappe Budget von nur etwa zehn Millionen Dollar zurückzuführen - die Panoramaaufnahmen, die Kameramann David Higgs („RockNRolla“) auf die Leinwand zaubert, sind sogar makellos schön -, sondern darauf, dass der Regisseur viel zu grob über seinen Stoff hobelt. Mit seiner prätentiösen Inszenierung (inklusive zahlreicher bedeutungsschwangerer Zeitlupen) scheint er fast jeder Einstellung krampfhaft Wichtigkeit einimpfen zu wollen, aber seine großen Regiegesten laufen ins Leere und wirken hohl. Das Gespür für die erzählerischen Zwischentöne fehlt hier komplett, vielmehr wird dem Publikum alles mundgerecht vorgekaut. Alles wird erklärt, ins Überdeutliche, Eindeutige und damit letztlich Uninteressante und Spannungslose überführt. Beispielhaft sei der komplette Handlungsstrang mit Ella Purnell („Die Insel der besonderen Kinder“) als Churchills naive Neu-Sekretärin Helen erwähnt: Sie wird als glühende Anhängerin des Staatsmanns eingeführt, muss dann seine cholerischen Anfälle ertragen und verliert (fast) den Glauben an ihn, ehe sie den emotional am Boden liegenden Politiker schließlich als Repräsentantin der kleinen Leute in einer kitschigen und hier eben überhaupt nicht nachfühlbaren Wendung wieder auf Kurs bringt.

Auch Hauptdarsteller Brian Cox („Zodiac“) erzeugt keine Empathie für den eigenwilligen Kauz Winston Churchill. Der Schotte spielt den Vollblutpolitiker als notorischen Phrasendrescher, der oft nur übellaunig in gepressten Weisheiten kommuniziert. Cox poltert förmlich durch den Film, geht nie vom Gas und manövriert seine Figur hart an den Rand einer Karikatur. Die beiden wichtigsten Nebendarsteller machen es besser: Miranda Richardson („The Hours“) als Churchills selbstbewusste Ehefrau Clementine und „Mad Men“-Star John Slattery („Spotlight“) als US-General Eisenhower (der ab 1953 für zwei Amtszeiten US-Präsident war) zeigen die Nuancen und Feinheiten, die Cox mit seiner rasenden Theatralik und Jonathan Teplitzky mit seiner bieder-plakativen Inszenierung verfehlen: Wenn Churchill kaum einmal ohne Zigarre zu sehen ist, dann wird der Film zu einem regelrechten „Stumpenporno“. Statt etwas über Sucht, Genuss, Zwang oder Selbstinszenierung zu erzählen macht der Regisseur aus ikonografischen Motiven penetrante Klischees.

Fazit: Jonathan Teplitzky findet in seinem misslungenem Biopic-Drama „Churchill“ keinen sinnvollen Zugang zum Mythos Winston Churchill und enttäuscht mit einer gewollten und gefühlsduseligen Inszenierung.


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Kommentare

  • greek freak

    Wer seine ''Helden'' sind,kann man sich eigentlich denken. ;-)

  • bugenhagen

    Jesus, wohl lupenreiner Demokrat, was ?
    Stell dich in die Ecke und schäm dich, du Widerling.

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