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    Asphaltgorillas
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Asphaltgorillas
    Von Antje Wessels
    Zuletzt hat sich Regisseur Detlev Buck („Männerpension“) ausschließlich mit seinem Herzensprojekt „Bibi und Tina“ befasst. Die vier Teile umfassende Teenie-Popmusicalreihe gehört zu den ganz großen Erfolgen der jüngeren deutschen Filmgeschichte und lockte nicht bloß insgesamt rund fünf Millionen Besucher in die Kinos zwischen Flensburg und Passau, sondern ist vor allem auch auf Blu-ray und DVD sowie als Download und Stream ein Renner. Nach dem vierten Teil „Tohuwabohu total“, den es eigentlich schon gar nicht mehr hätte geben sollen, entscheidet Buck sich bei seinem neuen Projekt für einen größtmöglichen Kontrast.

    Auf die musikalischen Feelgood-Pferdefilme folgt mit „Asphaltgorillas“ nun nämlich ein Ausflug in das schillernde Milieu der Berliner Unterwelt. Die Besetzung mit angesagten (Nachwuchs-)Schauspielern und einigen Social-Media-Stars deutet ein wenig in die Richtung eines hippen jugendlichen Thrillers. Doch wer die dem Film zugrundeliegende Vorlage kennt, der weiß, was ihn erwatet, denn „Asphaltgorillas“ basiert auf einem Tatsachenbericht aus Ferdinand von Schirachs Kurzgeschichtensammlung „Schuld“ – und das ist bekanntermaßen alles andere als gefälliger Teenie-Stoff. Aber auch mit der dramatischen TV-Inszenierung, wie sie einige andere Geschichten aus „Schuld“ bereits erfahren haben, hat Detlev Buck nichts am Hut. Er macht aus „Asphaltgorillas eine knallige Neo-Noir-Thrillerkomödie und zieht die Absurditätsschraube bis zum furiosen Finale immer weiter an. Das wiederum hindert ihn nicht daran, die zentrale Schuldfrage ähnlich komplex zu beantworten (oder besser: nicht zu beantworten!) wie von Schirach selbst.

    Atris (Samuel Schneider) und Franky (Jannis Niewöhner) sind seit Kindestagen beste Freunde. Nachdem sie sich vor einer Weile aus den Augen verloren haben, taucht Franky eines Tages plötzlich wieder bei Atris auf – in einem fetten Lamborghini und mit einem unschlagbaren Angebot in der Tasche. Für die beiden könnte bei einem Falschgelddeal viel Cash herausspringen, was Atris endlich ermöglichen würde, seinem gefährlichen Boss El Keitar (Kida Khodr Ramadan) den Rücken zu kehren. Doch während Atris bislang hauptsächlich kleine Drogendeals abgewickelt hat, ist der neue Coup eine Spur größer. Und so holt er sich Hilfe bei der Teilzeitgaunerin Bettina (Ella Rumpf), mit der er außerdem eine leidenschaftliche Beziehung eingeht. Schließlich überschlagen sich die Ereignisse, in die unter anderem auch Berlins angesagtester Gangsterrapper Kotti-Boss (SSIO) hineingezogen wird…


    Im Laufe der 103 Minuten von „Asphaltgorillas“ kommen einem immer mal wieder Gedanken an andere Filme in den Sinn. Die Actionszenen erinnern in ihrer hochstilisierten, penibel durchchoreographierten Inszenierung an „John Wick“. Ausschweifende Vorträge über Sinn und Unsinn des Geldes, visuell unterstrichen von dynamisch geschnittenen Bilderfolgen, kennen wir aus „The Wolf Of Wall Street“. Und getaucht wird all das in ästhetische Neo-Noir-Bilder der Marke „Drive“. Andererseits hat „Asphaltgorillas“ mit seinen sorgfältig gezeichneten Figuren und lebensnahen Zwischentönen auch etwas von einem realistischen Sozialdrama.

    Detlev Buck wäre nicht Detlev Buck, wenn er aus diesem Flickenteppich aus allerlei Genre-Versatzstücken nicht etwas ganz Eigenes machen würde. Der Regisseur und Co-Autor, der das erste Mal seit neun Jahren (damals war es „Same Same But Different“) wieder unter seinem Pseudonym „Buck“ in Erscheinung tritt, beginnt „Asphaltgorillas“ als Milieustudie rund um den Drogendealer Atris, der durch den geplanten Falschgeld-Coup immer tiefer in die Unterwelt Berlins gerät. Im weiteren Verlauf des Films nehmen Story und Inszenierung dann allerdings immer überdrehtere Züge an. Während sich die Schlinge um den Hals des Aushilfsganoven langsam zuzieht, lockert Buck die bedrohlicher werdende Atmosphäre mit visuellen Spielereien und bewusst karikaturesk angelegten Nebenfiguren auf.

    Von Frankys superreicher Russenfreundin (Model und Instagram-Star Stefanie Giesinger gibt ein hölzernes Debüt mit aufgesetztem Osteuropa-Akzent) über den österreichischen Klischee-Dealer Ronny (Georg Friedrich zelebriert sich in prolligem Leo-Mantel selbst) bis hin zum Rapper Ssio, der hier so etwas wie einen selbstironischen Doppelgänger seiner selbst mimt, ist „Asphaltgorillas“ vollgepackt mit markigen Typen, die allesamt auf der Grenze zum Zuviel balancieren, sie aber nur selten übertreten. Auch Akteure wie die Chanson-Sängerin Julia Engelmann, Stipe Erceg und Octay Özdemir als wunderbar verpeilter Handlanger von Drogenboss El Keitar fügen sich allesamt souverän in ein im besten Sinne buntes Ensemble.

    Im Mittelpunkt stehen allerdings vorwiegend Samuel Schneider („Exit Marrakech“), Jannis Niewöhner („Jugend ohne Gott“) in einer Jordan-Belfort/Leonardo-Di-Caprio-Gedächtnisrolle (Niewöhner war nie besser!) und „Tiger Girl“-Star Ella Rumpf. Auch wenn die drei nur in sehr wenigen Szenen gemeinsam auf der Leinwand zu sehen sind, dreht sich in „Asphaltgorillas“ alles um sie und um die Konsequenzen ihres jeweiligen Handelns. Mit fortlaufender Spieldauer erhöht Buck die Schlagzahl, mit der er zwischen den Szenen mit Atris und Bettina, sowie jenen mit Franky wechselt. Sie bemühen sich alle drei darum, das von ihnen heraufbeschworene Chaos wieder in Ordnung zu bringen: Da muss dann auch schon mal ein Rottweiler mit Abführmittel abgefüllt werden, weil er einen Gegenstand gefressen hat, der für den Abschluss des Deals unabdingbar ist. Hinzu kommt der den Dreien im Nacken sitzende El Keitar und als schließlich Unmengen an Falschgeld im Umlauf sind, machen noch viele weitere zwielichtige Typen Jagd auf das Trio.

    Das Tempo wird bis zum rasanten Finale stetig gesteigert und auf der Zielgeraden kommen dann noch einige gleichermaßen derbe wie sehr stylisch inszenierte Actionszenen hinzu. Die entscheidenden Momente finden in von Neon-Lichtern getränkter Nacht statt, während wahlweise ein moderner Electro-Beat oder prollige Hip-Hop-Sounds aus den Boxen dröhnen, was die rauschhaft-fiebrige Stimmung des Ganzen verstärkt, die bei aller Absurdität im Einzelnen dominiert. Obwohl es in „Asphaltgorillas“ immer mal wieder was zum Lachen gibt – das ergibt sich allein schon aus der puren Masse an skurrilen Ideen und schrägen Typen – steht am Ende der Geschichte doch die Frage, wer für derart aus dem Ruder laufende Ereignisse und die zum Teil dramatischen, sogar tödlichen Folgen die Verantwortung trägt. Doch anstatt darauf eine Antwort zu geben, wird das Finale zur bittersüßen Pointe, frei von jedwedem moralischen Zeigefinger. Und spätestens da hat Buck die Essenz von Schirachs „Schuld“-Geschichten perfekt erfasst.

    Fazit: Detlev Buck inszeniert Ferdinand von Schirachs Kurzgeschichte „Der Schlüssel“ als knalligen Mix aus Milieustudie, Coming-Of-Age-Film und „John Wick“ – und der abgefahrene Genre-Cocktail schmeckt ziemlich super.
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    Kommentare

    • Larry Lapinsky
      ... und gerade das Meisterwerk Capernaum im Kino gesehen, wo die Kritik von Frau Wessels ebenfalls ins Schwarze trifft - geht doch!!!
    • Larry Lapinsky
      Ich hätte gestern noch in diesen Shitstorm-Reigen eingestimmt, hatte ich doch letzte Woche den äußerst durchwachsenen Zwei im falschen Film (allenfalls Nebendarsteller und -handlungen fand ich zum Ende hin noch erträglich - Wessels: 4 Sterne) bzw. den STINKlangweilgen Vollblüter (Heavenly Creatures für Arme - Wessels: 4,5 Sterne) gesehen. Doch hier liegt die liebe Antje meiner Meinung nach dann doch mal wieder richtig: Natürlich ist vieles mal wieder arg an der Klamaukgrenze, aber nicht so schlimm, wir wir es bei Buck gelegentlich auch schon hatten, sondern doch im Endeffekt sehr unterhaltsam, wenn vielleicht auch nicht FSK 12 (???!). Übrigens: Der Hund ist ein Doberman ...
    • müller
      So sieht es aus.Frau Wessels hat in der letzten Zeit leider öfter solche Aussetzer.Nach ihrer 1,0 Kritik zu Hunter-Killer kann ich sie leider nicht mehr Ernst nehmen.Hier eine 4.0 zu geben ist dann leider nur noch peinlich..
    • Kinoschnecke
      Und Jannis Niewöhner soll nie besser gewesen sein? Das ist eine Beleidigung für den Schauspieler.Haha, ja, das ist in der Tat eine seltsame Aussage, über die ich auch gestolpert bin.Ich bin nicht der Meinung, dass das, was er in Asphaltgorillas abliefert, schlecht ist, oder (abgesehen von einigen wenigen ausgerutschten Einzelszenen) auch nur ein erheblicher Abfall von seinem üblichen Niveau. Und sicherlich ist es auch schwierig, ernste und dramatische Rollen mit dieser bewusst völlig überdreht und albern angelegten Figur zu vergleichen. Letztlich dürfte es Geschmackssache sein, was man persönlich mehr wertschätzt. Dennoch, wenn man bei einer Kritik zumindest ein wenig Objektivität zugrunde legt (und das erwarte ich bei professionellen Kritiken im Gegensatz zu User-Reviews), ist diese Einschätzung, die zwar rein wörtlich nur eine Gleichstellung ist, aber von den meisten Lesern als deutliche Höherstellung (und im Umkehrschluss eben auch Abwertung früherer Leistungen) wahrgenommen werden dürfte, doch sehr verwunderlich. Mir fallen spontan mindestens drei Filme mit Jannis Niewöhner ein, für die zumindest die Abwertung, wenn nicht auch die Gleichstellung, extrem fragwürdig ist. Interessanterweise scheint Antje Wessels diese aber auch gesehen zu haben - jedenfalls konnte ich Kritiken von ihr dazu finden.
    • Daniel
      Kann Frobin nur zustimmen. Bin gerade aus allen Wolken gefallen, als ich die 4 Sterne gesehen habe.Der Trailer ist wirklich gut geworden .. der Film total lahm und die Story wird von Zeit zu Zeit immer dümmer. Schauspielerisch total unterirdisch.Maximal 2 Sterne.
    • Frobin Jojo
      Die liebe Kritikerin Antje kann wohl nicht mehr als 13 Lenze zählen (oder sie wurde für diese Lobeshymne bezahlt). Denn älteres Publikum kann in Asphaltgorillas von Detlev Buck nichts anderes als einen ziemlich peinlich gescheiterten Versuch erkennen, einen Guy-Ritchie-artigen Film zu drehen. Geworden ist es leider nur ein Guy Ritchie für 13-Jährige.Die Bibi & Tina Fans werden diese Farce sicher cool finden, aber ein (halbwegs) erwachsenes Publikum nimmt den Schauspielern den nicht gerade ausgefeilten Plot und die platten Charaktere keine Sekunde ab. Auch als Groteske wirkt das nicht.Punkten kann Buck einzig mit der visuellen Umsetzung. Nur kann diese visuelle Fassade einfach nicht über die wirklich oberflächlichen Charaktere hinwegtäuschen. Wo sieht die Kritikerin denn bitte eine leidenschaftliche Beziehung? Ja, vorstellen kann man sich viel. Aber wo wird das von den Schauspielern gezeigt? Und Jannis Niewöhner soll nie besser gewesen sein? Das ist eine Beleidigung für den Schauspieler.Dabei wäre der (zwar nicht gerade innovative) Film-Plot gar nicht so unbrauchbar (ich kenne die Kurzgeschichte nicht). Es ist schlicht die miese schauspielerische Leistung, die hier von teilweise guten Schauspielern, teilweise aber auch Amatueren dargeboten wird. Es ist die peinlich-platte Inszenierung einer pubertären Wannabe-Coolness, die Buck hier abliefert.Sämtliche filmischen Assoziationen in dieser Kritik sind mir ein absoultes Rätsel - und nicht deshalb, weil ich die jeweiligen Filme nicht gesehen hätte.Entweder hat die Kritikerin einen vollkommen anderen Film gesehen, eine akute Wahrnehmungsstörung oder ... eine Hand wäscht die andere. Unpackbar diese Kritik, wenn man den Film gesehen hat.
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