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    Ein verborgenes Leben
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Ein verborgenes Leben

    Terrence Malick ist zurück auf der Weltbühne

    Von Carsten Baumgardt
    Bei Regielegende Terrence Malick weiß man nie, was man am Ende auf der Leinwand zu sehen bekommt – oder ob man überhaupt etwas zu sehen bekommt. Nachdem der heute 75-Jährige zwischen 1973 und 2010 überhaupt nur vier (meisterhafte) Spielfilme („Badlands“, „In der Glut des Südens“, „Der schmale Grat“, „The New World“) fertiggestellt hatte, brachte er anschließend in der kurzen Zeitspanne von 2011 bis 2017 ebenfalls vier Filme in die Kinos. Allerdings hatte der abrupt erhöhte Output qualitative Schwankungen zur Folge: Während der Goldene-Palme-Gewinner „Tree Of Life“ noch ein Triumph war, fanden die erzählerisch experimentellen und schwerer zugänglichen „To The Wonder“, „Knight Of Cups“ und „Song To Song“ anschließend praktisch kein Publikum mehr. Stattdessen bekam man zunehmend das Gefühl, dass sich Malick zu sehr im Kleinklein verzettelt. Schließlich fing der frühere Wenig-Filmer gleich mehrere Werke gleichzeitig an, die er teilweise auch Jahre nach den eigentlichen Dreharbeiten immer noch nicht fertiggestellt hat.

    Im Fall des bereits im Sommer 2016 gedrehten Kriegsdramas „Ein verborgenes Leben“, an dem Malick anschließend noch ganze drei Jahre (!) lang herumdokterte, hat sich der Aufwand aber voll gelohnt. Ein aufgeschlossenes und geduldiges Publikum erlebt hier ein knapp dreistündiges, zutiefst poetisches Plädoyer dafür, sich den Glauben an das Richtige nicht von einem Unrechtsregime nehmen zu lassen. Wenn sich der Kriegsverweigerer und Nazigegner Franz Jägerstätter wie einst Jesus für seinen persönlichen Glauben aufopfert, ohne dafür eine Gegenleistung oder auch nur Anerkennung zu verlangen, kommt Malicks erstes Werk mit traditioneller Erzählstruktur seit „The New World“ von 2005 zwar nicht ganz ohne Längen aus. Aber die betörend schönen Bilder von Kameramann Jörg Widmer („Die Unsichtbaren“) sind eine Wucht, die diesem allegorischen Widerstandsdrama über den geschilderten Einzelfall hinaus eine universelle lyrische Wahrhaftigkeit verleihen.

    Noch leben Franz (August Diehl) und Fani (Valerie Pachner) im Idyll.


    Der Bergbauer Franz Jägerstätter (August Diehl) stammt aus dem kleinen 500-Einwohner-Dorf St. Radegund in der Nähe von Salzburg. Dort lebt er abgeschieden auf einem Almbauernhof mit seiner Frau Fani (Valerie Pachner) und den drei gemeinsamen Töchtern. Selbst vom Zweiten Weltkrieg bekommen die Jägerstätters in ihrer Idylle zunächst wenig mit. Aber der Arm des Dritten Reichs greift bis in die tiefste Provinz. Hier eckt der den Krieg offen ablehnende Franz nicht nur beim Gehorsam und Unterstützung für die deutsche Wehrmacht einfordernden Bürgermeister von Radegund (Karl Markovics) an. Die Familie wird zunehmend zu Außenseitern im eigenen Dorf, sie werden angefeindet und mürrisch beäugt. Als Franz nach seiner Einberufung 1943 den Kriegsdienst verweigert, wird er wegen Wehrkraftzersetzung inhaftiert…

    Die erstaunliche Lebensgeschichte des Franz Jägerstätter wurde erst 1964 öffentlich bekannt, als der US-Soziologe Gordon Zahn die Biografie „Er folgte seinem Gewissen. Das einsame Zeugnis des Franz Jägerstätters“ veröffentlichte. Wo Malick schon in „Der schmale Grat“ aus einem komplett anderen Blickwinkel auf den Zweiten Weltkrieg schaute, gilt das für „Ein verborgenes Leben“ umso mehr. Es gibt im gesamten Film keine einzige Kampfszene, die den Wahn des Kriegs illustriert. Malick geht es vielmehr um die komplexe ethische Dimension, wobei er direkt in die Vollen geht und Jägerstätters Leidensweg an den von Jesus Christus anlehnt. Auch ein Grund, warum sich in diesem Malick-Film auf der Tonspur wie in den Bildern wieder einmal allerlei sakrale Elemente finden lassen.

    Die konkrete moralische Frage lautet hier: Lasse ich mich als Mitläufer von der Masse mitreißen und toleriere das Regime der Nazis wenigstens, um keine Schwierigkeiten zu bekommen und die eigene Familie zu schützen? Oder leiste ich Widerstand? Dabei ist die Gegenwehr von Franz Jägerstätter rein passiv. Er stellt nur zwei ethische Bedingungen nach seiner Einberufung: Er will nicht an der Waffe kämpfen (würde aber im Krankenlager arbeiten) und er will sich nicht zu Hitler bekennen. Letzteres bringt ihn in Haft. Während sein Umfeld auf ihn einredet, doch endlich beizugeben, wehrt sich Jägerstätter trotz Schikane und Folter im Gefängnis nicht. Sondern hält aus tiefer Überzeugung auch noch die andere Wange hin.

    Der Kampf um die Moral

    Diese zentrale Moralfrage wälzt Malick auf satte drei Stunden Spielzeit aus. „Wir wissen nicht, wofür wir kämpfen“, sagt Jägerstätter an einer Stelle und benennt so das zentrale Dilemma. Während er dieses Problem hinterfragt, marschieren seine Mitdorfbewohner stramm auf Linie. Nach einer starken Exposition, die den Zuschauer einfühlsam in die heile, strahlende Welt der Jägerstätters zu Beginn des Kriegs einführt, schleichen sich vor allem im Mittelteil einige kleinere Längen ein, wenn der Film argumentativ nicht so recht von der Stelle kommt. Die unterschiedlichen Positionen sind ausgetauscht und verharren unbeweglich, es verschärft sich nach und nach nur die Dringlichkeit.

    Die räumliche Trennung von Franz und Fani, die Malick als makelloses Liebespaar zeichnet, überbrückt der Regisseur mit aus dem Off vorgelesenen Briefen, in denen sie sich ihrer Liebe versichern. Für Hauptdarsteller August Diehl („Inglourious Basterds“) waren diese Briefe nach eigenem Bekunden so etwas wie das zweite Drehbuch, um diesen Charakter zu verstehen. Der Vollblutmime ist eine überzeugende Wahl als Franz Jägerstätter, den er zu Beginn mit seinem oft gesehenen extrovertierten Spiel versieht und als Sympathieträger etabliert. Aber anschließend nimmt sich Diehl mehr und mehr zurück und wird wie seine Märtyrer-Figur immer passiver. Dasselbe gilt übrigens auch für Malick selbst, der sich diesmal ebenfalls merklich zurückhält, was seine wirbelnden Kamerafahrten angeht. Natürlich ist die Kamera auch diesmal wieder konstant in Bewegung, fährt die meiste Zeit auf die Protagonisten zu oder an ihnen vorbei, so dass sich der ganze Film wie ein stetiger Bilderfluss anführt. Aber im Gegensatz zu „Song To Song“ und „Knight Of Cups“ gerät die Inszenierung hier nie in den Verdacht des puren Selbstzwecks.

    Bruno Ganz an der Seite von August Diehl in einem seiner letzten Auftritte.


    Malick hat für seinen Film, der im Nazi-Deutschland der 1940er Jahre spielt, gegen einen möglichen kommerziellen Druck keine internationalen Weltstars, sondern nahezu ausschließlich deutschsprachige Schauspieler ausgewählt. Da ist es zu verzeihen, dass der Amerikaner bei der Wahl der Drehsprache einen Kompromiss eingeht: Wenn es für die Handlung wichtig ist, sprechen die Figuren Englisch. Lediglich bei Nebengeräuschen und Tiraden, die auch ohne Sprachkenntnisse erfühlbar sind, wird Deutsch gesprochen. Daneben findet sich im Nebendarstellercast viel europäische Schauspielprominenz, auch wenn es meist nur kleine Episoden sind, in denen die Stars die Handlung begleiten. Da haut Karl Markovics („Die Fälscher“) als Nazi-treuer Bürgermeister voller Inbrunst auf den Topf, lässt aber zwischendrin auch immer wieder einen Funken Menschlichkeit erahnen, während Tobias Moretti („Bad Banks“) als loyaler Geistlicher mit einer stillen Performance als einer der wenigen Stützen der Jägerstätters dient. Mit Bruno Ganz („Der Untergang“) und Mikael Nyqvist („Verblendung“) absolvieren gleich zwei inzwischen verstorbene Kinogrößen kurze Gastauftritte, die beim Zuschauer eine gewisse Wehmut auslösen, was so natürlich nicht geplant war, aber sich perfekt in die Atmosphäre des Films einfügt.

    Auch wenn Malick hier zum ersten Mal seit langem wieder eine „richtige“ Geschichte erzählt, muss man seine naturalistische Ode an das Gute im Menschen unbedingt als Gesamtkunstwerk sehen, bei dem Erzählung und Bilder untrennbar miteinander verwoben sind. Die oscarwürdige Fotografie von Jörg Widmer, der hier den Malick-Stammkameramann Emmanuel Lubezki ersetzt, ist quasi eine Figur für sich, der Malick immer wieder sehr viel Zeit einräumt, um Stimmungen in der abgeschiedenen Bergwelt voller sattgrüner Wiesen, bedrohlich-düster aufziehenden Wolkenformationen und majestätischen Gipfeln zu erfassen. Völlig egal, dass Malick historisch ungenau in Südtirol gedreht hat und die unverkennbaren norditalienischen Dolomiten immer mal wieder im Hintergrund prangen.

    Fazit: Das visuell herausragende Kriegsdrama „Ein verborgenes Leben“ erzählt als Jesus-Allegorie in lyrisch-meditativem Stil eine wahre, bisher kaum öffentlich wahrgenommene Geschichte eines Widerstandskämpfers, der gänzlich ohne große Gesten gegen Hitler und das Dritte Reich rebellierte.

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