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    Der König der Löwen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Der König der Löwen

    Disneys beste Neuverfilmung

    Von Karin Jirsak-Biemann
    Mit „Der König der Löwen“ präsentiert Disney erneut einen seiner Zeichentrick-Klassiker im neuen Gewand – nach Tim Burtons „Dumbo“ und Guy Ritchies „Aladdin“ ist das schon der dritte allein im Jahr 2019! Aber im Gegensatz zu den bisherigen („Die Schöne und das Biest“) und kommenden („Mulan“) Realfilm-Remakes des Mäusestudios ist die Neuauflage des Mega-Erfolgs „Der König der Löwen“ von 1994 erneut komplett animiert – und das macht die Herausforderung für Regisseur Jon Favreau („The Jungle Book“) natürlich umso größer, die bloße Existenz der Neuauflage zu rechtfertigen.

    Zumal die (inzwischen erwachsenen) Fans ja gerade, was Veränderungen an den wichtigsten Filmen ihrer Kindertage angeht, oft besonders harsch reagieren. Das sah man etwa auch an dem Shitstorm, der auf Favreau und sein Animationsteam niederging, nachdem der neue Look von Schurke Scar an die Öffentlichkeit gelangte. Aber puristische Disney-Nostalgiker, die den Film jetzt tatsächlich nur wegen einer fehlenden schwarzen Mähne verschmähen, verpassen nicht nur eine ebenso atemberaubende wie bahnbrechende Pionierarbeit in Sachen Animationskunst – sondern zugleich auch ein auch beim zweiten Mal wieder wundervoll-berührendes Leinwandabenteuer.

    Der kommende König der Löwen wird der Welt präsentiert.


    Der kleine Löwe Simba (Stimme als Junges: JD McCrary, später: Donald Glover) führt ein eigentlich unbeschwertes Leben in der afrikanischen Savanne. Zusammen mit dem Löwenmädchen Nala (Shahadi Wright Joseph, Beyoncé) durchstreift er das Königreich seines Vaters Mufasa (James Earl Jones) auf der Suche nach immer neuen Abenteuern. Simba kann es dabei kaum abwarten, endlich groß und selbst König zu werden, damit ihm niemand mehr vorschreiben kann, was er tun und wohin er gehen darf. Zugleich lernt Simba von seinem liebevollen Vater aber auch von der großen Verantwortung für alles Leben in der Savanne, die er später einmal tragen wird. Nur ahnen dabei weder Vater noch Sohn, dass Mufasas hinterhältiger Bruder Scar (Chiwetel Ejiofor) längst einen mörderischen Plan schmiedet, um selbst den Thron besteigen zu können …

    Eigentlich alles beim Alten …


    Mal ganz ohne die rosarote Brille der nostalgischen Verklärung betrachtet: Disneys „Der König der Löwen“ war im Grunde ja schon 1994 ein erzählerischer Anachronismus, schließlich lautet die erzkonservative Moral des Märchens doch, seinen von der gesellschaftlichen Ordnung vorbestimmten Platz im Leben einzunehmen, statt – wie der heranwachsende Löwe Simba – auf die Verantwortung zu pfeifen und lieber mit seinen tierischen Hippie-Freunden „Hakuna Matata“ trällernd durch die Savanne zu streunen. Auch ein Vierteljahrhundert später bleibt die Ordnung im Tierreich stabil: Was Tradition ist, wird schon stimmen, individuelle Freiheit kann hingegen nur eine vorübergehende Phase sein. Scar ist und bleibt der unbestrittene Verlierer und Bösewicht, Simba und Mufasa bewegen sich mit unbestreitbarem Recht auf der Sonnenseite der Macht, weil sie nicht nur die Starken, sondern auch die Guten sind.

    Das alles störte damals (fast) niemanden und das wird es auch heute nicht tun. Denn ihre beruhigende Zeitlosigkeit zieht die Geschichte nicht zuletzt daraus, dass sie ausschließlich im Tierreich spielt, wo eben trotz aller realen gesellschaftlichen Umbrüche, die sich in der Welt der Menschen über die Jahre so abspielen, zumindest scheinbar alles beim Alten bleibt. Und so hält sich Jon Favreau in seiner Neuauflage sehr zur Freude der Disney-Nostalgiker-Front ganz eng an die Originalstory und meidet mit allen Mitteln, sich auf das Glatteis einer erzählerischen Modernisierung zu begeben. Hier wird Nala ganz sicher keinen Song über die Gleichberechtigung der Löwinnen anstimmen, wie es zuletzt noch in ganz ähnlicher Form Prinzessin Jasmin im „Aladdin“-Update getan hat.

    … und trotzdem hypermodern


    Hypermodern dagegen sind die Methoden, mit denen die alten Lieblinge in dieser neuen Version zum Leben erweckt werden. Favreau und sein Team bedienten sich dazu einer speziellen VR-Technik, die sonst vor allem im Game-Design zum Einsatz kommt und mit der der „Iron Man“-Regisseur bereits bei der Arbeit an „The Jungle Book“ experimentierte. So ist ihm und seinen Animatoren nun das erstaunliche Kunststück gelungen, die Tiere derart fotorealistisch darzustellen, dass Kommentatoren nach den ersten veröffentlichten Bildern zunächst noch darüber spekulierten, ob es sich beim neuen „Der König der Löwen“ nicht womöglich doch um einen Realfilm handeln könnte. Die Optik ist dann auch das eine Feld, wo man sich zwar notgedrungen (lässt sich beim Fotorealismus schließlich schlicht nicht vermeiden), dann aber doch voller Selbstbewusstsein von der Vorlage entfernt hat.

    Die auffälligste Änderung: Scar hat im Remake einen völlig neuen Look.


    Das wohl größte Wagnis ging Favreau dabei tatsächlich mit der doch sehr stark vom Zeichentrick-Original abweichenden Optik des hinterhältigen Widersachers Scar ein. Mit räudiger Mähne, dem fast leichenhaft farblosen Fell und den eingefallenen Flanken wirkt der Schurke hier kaum noch wie ein aristokratischer Antagonist, sondern vielmehr wie ein unheimlicher, unwürdiger Schatten des großen und edlen Mufasa. Und das ist es ja im Grunde auch, was die Essenz dieser Figur ausmacht, die Favreau nun mit seiner ästhetischen Entscheidung durchaus stimmig betont. Ganz nebenbei wird übrigens auch (endlich) das Geheimnis gelüftet, woher Scar eigentlich seine auffällige Narbe hat – das ist natürlich Fanservice, aber sehr gut gemachter, weil er den Charakter von Scar tatsächlich noch einmal weiter ausbaut, statt einfach nur ein vermeintliches Storyloch zu stopfen.

    Auch die Sympathieträger haben nicht länger die Disney-typisch idealisierte Optik wie im Animationsfilm. Gerade den erwachsenen Löwen fehlt diesmal jeglicher süßer Kuscheltier-Anstrich, stattdessen sehen wir vor Kraft strotzende Tiere, bei denen selbst Rippen und Adern bei bestimmten Bewegungen zu erkennen sind. Besonders mutig ist Favreau bei der Darstellung der Löwinnen unter der Schreckensherrschaft Scars und seiner Hyänen-Entourage. Wenn die vorher noch so majestätischen Tiere nun völlig ausgezehrt sind und ihr Fellkleid schon ins gräuliche geht, nehmen sie selbst beinahe schon hyänenhafte Züge an und nähern sich so optisch den Fieslingen immer mehr an. Das Hyänen-Rudel um die sowohl in der deutschen als auch der englischen Fassung von „Black Panther“-Star Florence Kasumba gesprochene Shenzi selbst hätte dagegen durchaus noch konsequenter auf fies getrimmt werden können – und zwar optisch wie auch in der Sprache. Ihr irres Kichern ließ uns damals im Animationsfilm noch deutlich mehr schaudern.

    Fanlieblinge bleiben Fanlieblinge


    Trotz des zumindest visuell naturalistischen Ansatzes bleibt „Der König der Löwen“ natürlich weiterhin ein Familienfilm – und so werden auch diesmal wieder Kinder- und Erwachsenenherzen mit knuffigen Tieren geöffnet: So verliebt man sich auch hier sofort in das Löwenbaby Simba, wenn es in der legendären Anfangssequenz von Medizinmann Rafiki (John Kani) der in Scharen zum Königsfelsen gepilgerten Tierwelt und so auch dem Zuschauer präsentiert wird. Die Tiere so darzustellen, wie sie auch in der Realität aussehen, ist nämlich zum Glück nicht der von einigen Fans befürchtete Stimmungskiller – ganz im Gegenteil: Selten hat man in einem Film (inklusive der „Phantastische Tierwesen“-Blockbuster) derart putzige Fauna gesehen.

    Darunter finden sich auch einige Bewohner des afrikanischen Kontinents, die im Original nicht vorkamen, wie zum Beispiel ein überaus possierlicher Rüsselspringer. Und auch dem anarchischen Charme von Erdmännchen Timon (Billy Eichner) und Warzenschwein Pumbaa (Seth Rogen) kann das fotorealistische Fellkleid nichts anhaben. Für Fans von Publikumsliebling Pumbaa halten die Macher sogar eine besonders überraschende Neuerung bereit, von der wir hier aber nicht mehr verraten wollen, als dass sie etwas mit dem kultigen Feelgood-Ohrwurm „Hakuna Matata“ zu tun hat.

    Simbas neue Freunde: Die Fanlieblinge Timon und Pumbaa sind natürlich auch wieder dabei.


    Im Vorfeld der Neuverfilmung wurde durchaus kontrovers diskutiert, dass Favreau „Der König der Löwen“ komplett am Computer wiederauferstehen lässt. So stammen nicht nur die Tiere, sondern auch alle Landschaften aus dem Rechner. Doch wer glaubt, dies würde sich als Problem erweisen, wird vom Film eindrucksvoll eines Besseren belehrt: Die überwältigend animierten Landschaften setzen neben den Figuren ebenfalls neue Maßstäbe – und dabei spielt es keine Rolle, ob Favreau und sein Team uns große Panoramaansichten präsentieren oder auch noch den kleinsten Grashalm fühlbar vibrieren lassen. So verschwindet die technische Maschinerie hinter diesem Wunder schon nach wenigen Sekunden aus der Wahrnehmung des Zuschauers. Bilder zum Staunen und große Emotionen verdrängen jeden Gedanken an irgendwelche CGI-Effekte, das hat schon den Zeichentrickklassiker von 1994 ausgemacht und diese Magie verströmt nun auch die Neuauflage.

    Dass „Der König der Löwen“ einer der allerbesten Disneyfilme ist, liegt auch an der legendären Filmmusik von Hans Zimmer sowie den Songs von Elton John und Tim Rice. Beides erklingt in der Neuauflage in neuem Glanz. Die Songs des Originals sind allesamt auch hier enthalten, darunter selbstverständlich die Klassiker „Circle Of Life“, „Hakuna Matata“ und das oscarprämierte Liebeslied „Can You Feel The Love Tonight“, die allesamt nur leicht verändert wurden. Lediglich Scars Lied „Be Prepared“ wurde etwas zusammengeschrumpft, was durchaus ein kleiner Wermutstropfen ist. Mit „Spirit“ gibt es derweil einen zusätzlichen Song von Nala-Sprecherin und Pop-Superstar Beyoncé, der tatsächlich nicht unbedingt nötig gewesen wäre (außer für die kommende Oscar-Saison, wo eben nur neugeschriebene Songs nominiert werden können).

    Fazit: Mit großer erzählerischer Vorsicht, aber dafür umso mehr technischem Mut setzt Jon Favreau mit dem bisher besten der aktuellen Disney-Remakes neue Maßstäbe im Animationskino, ohne dabei (allzu viel) vom unerreichbaren Charme des Originals einzubüßen.

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