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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
New York, New York
Von David Herger
Gewalt, Intrigen, Wut, Korruption und noch mehr Gewalt: Ob einander bekriegende Banden in „Gangs Of New York“, rauflustige Kleinkriminelle in „Hexenkessel“ oder schießwütige Mafiosi in „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“, der New Yorker Meisterregisseur Martin Scorsese zeichnet für gewöhnlich ein brutales, raues und ungeschöntes Bild seiner Heimatstadt, ganz gleich in welche historische Epoche er sich begibt. Aber Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel und so lässt Scorsese die Metropole in seinem opulenten Musikdrama „New York, New York“ in einem völlig anderen Licht erstrahlen, nämlich in einem der großen Gefühle. In diesem New York wird leidenschaftlich musiziert, leidenschaftlich gezankt, aber auch leidenschaftlich geliebt. Vielleicht ist genau dieser veränderte Tonfall der Grund dafür, dass dieser so wunderbare wie wundersame Film, mit dem sich Scorsese tief und bildgewaltig vor dem klassischen Hollywood-Musical verneigt, im Œuvre des Regisseurs neben dessen Taxifahrern und wilden Stieren zu Unrecht ein wenig in Vergessenheit geraten ist.

1945, New York City: Die Millionenmetropole feiert frenetisch die Kapitulation Japans. In einem Tanzpalast ist der gerade aus der Armee entlassene Jazz-Saxophonist Jimmy Doyle (Robert De Niro) auf Brautschau und wird dabei auf die schlagfertige Francine Evans (Liza Minnelli) aufmerksam. Sie hat bei der Truppenbetreuung gedient und hofft nun auf eine Karriere als Sängerin. Francine will von den unablässigen Avancen des Heißsporns zunächst nichts wissen, doch schließlich gewinnt Jimmy ihr Herz. Wenig später kommen beide in der Band von Frankie Harte (Georgie Auld) unter, die Jimmy später übernimmt. Das Paar heiratet während der Tournee, die Francine zum Ärger von Jimmy abbricht, als sie feststellt, dass sie schwanger ist. Schon bald zeigt sich immer deutlicher, dass ihre Karrierevorstellungen nicht miteinander zu vereinbaren sind, zumal  Francine mit ihren Plattenaufnahmen Erfolge feiert, die dem so eifersüchtigen wie egozentrischen Jimmy nicht vergönnt sind. Es kommt zur Trennung, zuerst auf der Bühne und wenig später am Krankenbett, wo das gemeinsame Kind gerade zur Welt gekommen ist. Während Francine in den Jahren darauf zum gefeierten Musical- und Hollywoodstar aufsteigt, bringt es Jimmy zum erfolgreichen Nachtclub-Besitzer. Als sie sich schließlich noch einmal treffen, flackern ihre Gefühle füreinander wieder auf …


Nachdem Martin Scorsese 1976 für „Taxi Driver“ bei den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme einheimste, war er in seiner Karriere an einem Punkt angelangt, an dem er Narrenfreiheit genoss. Es war die Zeit des sogenannten New Hollywood, Francis Ford Coppola arbeitete an „Apocalypse Now“, George Lucas an „Star Wars“ und auch Scorsese konnte sich nun einen seiner größten Kino-Träume erfüllen: ein Musical im Stile der großen Klassiker der Studio-Ära der 40er und 50er Jahre. Doch die Produktion von „New York, New York“ sollte zum Albtraum für den Regisseur werden, ihn erfasste angesichts all der Freiheiten und Möglichkeiten eine gewisse Hybris (von der auch extravagante Flops wie Michael Ciminos Western-Epos „Heaven’s Gate“ oder Coppolas Musical „Einer mit Herz“ zeugen): Aus avisierten elf Drehwochen wurden am Ende 20 und das geplante Budget von sieben Millionen Dollar überschritt Scorsese um satte zwei Millionen. Im Rückblick sieht sich der Filmemacher selbst als Hauptverantwortlichen für die chaotischen Dreharbeiten: „Wir fingen an, großspurig zu werden. Also weg mit dem Drehbuch! Wir improvisierten eine Menge, und wir belichteten eine Menge Film.“

Während man in der zuweilen sprunghaften Handlung um die kriselnde Beziehung zwischen Jimmy Doyle und Francine Evans Spuren ungünstiger Produktionsbedingungen wiederzuerkennen glaubt, ist die Inszenierung von „New York, New York“ absolut makellos. Allein schon die zwanzigminütige, an Opulenz und Aufwand kaum zu übertreffende Eröffnungssequenz vor und im Tanzpalast zeigt Scorseses Meisterschaft: Die Kamera folgt dem in der Menge fast verschwindenden Jimmy in einer bemerkenswerten, genau ausgetüftelten Fahrt durch das ausufernde Treiben ausgelassen tanzender Paare, sich raufender Matrosen und wild hupender Autos auf den Straßen bis auf die überfüllte, mit herabrieselndem Glitter überzogene Tanzfläche eines Nachtklubs, wo es nicht minder sinnlich und ekstatisch zugeht. Die überbordend-jubilierende und zugleich haltlose Stimmung wird durch die treibenden Big-Band-Klänge und den punktgenauen Schnitt im Rhythmus der Musik noch verstärkt. Dazu ist die Kamera von László Kovács („Easy Rider“) regelrecht entfesselt: Extreme Perspektiven, dynamische Fahrten und pointierte Zooms – hier gehen Virtuosität und Ausdrucksstärke Hand in Hand.

Diesen spektakulären Auftakt übertrifft Martin Scorsese später sogar noch: Mit einer schlichtweg brillanten Film-im-Film-Sequenz sorgt er für den absoluten inszenatorischen Höhepunkt von „New York, New York“ und eine der ganz großen Szenen in seiner an Meisterstücken reichen Filmografie. Es ist kaum zu glauben, dass ausgerechnet sie in der ursprünglichen, um fast eine halbe Stunde gekürzten US-Kinofassung der Schere zum Opfer fiel und erst vier Jahre später in der vom Regisseur beabsichtigten Länge wieder eingefügt wurde. Dabei bietet die Nummer mit dem programmatischen Titel „Happy Endings“, die allein rund 350.000 Dollar verschlang und an zehn Drehtagen gleich fünf MGM-Tonbühnen in Anspruch nahm, alles was Musical-Freunde an dem Genre lieben: prachtvolle Decors, farbenfrohe Kulissen und wunderbar choreographierte, von der Realität losgelöste Tanzeinlagen. Liza Minnelli verwandelt sich in diesen zehn Minuten von der Kino-Platzanweiserin und Kellnerin zum alles überstrahlenden Musical-Star, der am Ende sogar das Herz der verlorengeglaubten großen Liebe für sich gewinnen darf. Der Traum vom romantischen Glück wird jedoch nur bei dieser huldvollen Hommage an das alte Hollywood (Kino-)Wirklichkeit, hinter den Kulissen, in der New-Hollywood-Handlung, bleibt Francine das glückliche Ende verwehrt.

Der Kinoenthusiast Martin Scorsese verbeugt sich mit diesem Film und insbesondere mit der „Happy Endings“-Nummer vor Musical-Legenden wie Busby Berkeley („Goldgräber von 1933“) und Stanley Donen („Singin‘ in the Rain“), während er Lizas Vater Vincente Minnelli gleich persönlich ans Set einlud: Der Regisseur von Genre-Meilensteinen wie „Ein Amerikaner in Paris“ und „Meet Me In St. Louis“ war für den jüngeren Kollegen eine besonders wichtige Inspirationsquelle. Doch „New York, New York“ ist trotz der klassischen Inszenierung und Choreographie kein Nostalgietrip. Der aufwändigen Wiederbelebung glorreicher alter Filmpalast-Zeiten mit den schwelgerischen Dekors und Farben steht der entschieden moderne Schauspielstil von Robert De Niro und Liza Minnelli gegenüber. Die Künstlichkeit der Kulissen steht im Kontrast zur rohen Wahrhaftigkeit ihrer naturalistischen Darstellung. Die oft merklich improvisierten Dialoge führen zu einigen schmerzlichen in die Länge gezogenen Szenen, bescheren uns andererseits aber auch nicht selten ungemein komische Momente.

Oscarpreisträgerin Liza Minnelli („Cabaret“) überzeugt neben ihren Glanzleistungen als Sängerin auch als mit der schwierigen Persönlichkeit ihres Mannes ringende Ehefrau, als taffe Karrierefrau und als leidenschaftliche Lebefrau. Überhaupt erweist sich ihre Francine, deren bewegte Geschichte zuweilen an die von Lana Turner gespielte Lora Meredith in Douglas Sirks Melodram-Meisterwerk „Solange es Menschen gibt“ erinnert, als eine der stärksten Frauenfiguren im sonst so von Männern dominierten Werk Martin Scorseses, der in den Jahren und Jahrzehnten nach „New York, New York“ immer seltener von weiblichen Hauptfiguren erzählt hat. Hier steht Minnelli aber gleichberechtigt neben dem erklärten Lieblingsschauspieler des Regisseurs: Als ewig frustrierter und von ständiger innerer Unruhe getriebener Saxofonist verkörpert der zweifache Oscar-Gewinner Robert De Niro hier erstmals für Scorsese den notorisch eifersüchtigen Egomanen, den er später auch in „Wie ein wilder Stier“, „The King Of Comedy“ sowie in „Casino“ spielen sollte und bereits diesen Jimmy Doyle versieht er mit einer geradezu manischen Intensität.

Wenn Jimmy sich in der Eröffnungssequenz an Francine ranmacht und ihr später in einem der wohl ungewöhnlichsten und unromantischsten Heiratsanträge der Filmgeschichte ins Gesicht sagt, dass kein anderer neben ihm sie haben dürfe, tut er dies mit einer beunruhigenden Unnachgiebigkeit: Er ist ein von sich selbst besessener Anti-Held – eine Figur, die ganz dem ungeschönten Realismus des New-Hollywood-Kinos entspricht und mit dem tugendhaften Romeo aus goldenen  Traumfabrikzeiten nichts mehr gemein hat. Doch auch dieser von seinen Leidenschaften getriebene Teufel, der seine hochschwangere Frau regelrecht von der Bühne posaunt und sie wenig später mit ihrem Neugeborenen verlässt, hat einen Sinn für das Schöne in der Welt. Als er in einer nächtlichen Szene ein verliebtes Paar beobachtet, das zu den Klängen des New Yorker Straßenlärms miteinander tanzt und alles um sich herum vergisst, wird er für einen Augenblick genauso wie wir zum ergriffenen Zuschauer des wundersamen Treibens in dieser wundersamen Stadt, die es so nie gegeben hat. Und Martin Scorsese schlägt noch einmal den Bogen vom Neuen zum Alten, vom Modernen zum Klassischen, von der Realität zum Traum und vom Traum zu der zeitlosen Gegenwart echter und tiefer Kino-Gefühle.

Fazit: Mit dieser so opulenten wie überschwänglichen Liebeserklärung an seine Heimatstadt und an das klassische Film-Musical hat Martin Scorsese eines seiner persönlichsten und zugleich gefühlvollsten Werke geschaffen.

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Kommentare

  • Jimmy V.

    Schön, eine derart passende Kritik zu lesen! Ich mag den Film sehr.

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