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    Die Misswahl - Der Beginn einer Revolution
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Die Misswahl - Der Beginn einer Revolution

    Mehlbomben für die Gleichberechtigung

    Von Oliver Kube
    1951 organisierte der Brite Eric Morley im Rahmen des Festival Of Britain erstmals einen Badeanzug-Wettbewerb mit Models aus verschiedenen Ländern. Eigentlich nur als einmalige Werbeveranstaltung für den gerade erst auf den Markt gebrachten Bikini gedacht, entschloss Morley sich, daraus ein jährlich stattfindendes Ebent zu machen: Er ließ den von der Presse erfundenen Namen „Miss World“ als Warenzeichen registrieren und rief die bekannteste Wahl zur schönsten Frau des Planeten ins Leben. Was mittlerweile von vielen wohl nicht ganz zu Unrecht als sexistische Fleischbeschau verurteilt wird, galt über Dekaden als familientaugliches Massen-Entertainment und ist bis heute ein globales TV-Ereignis.

    Die Gala von 1970 ging dabei gleich aufgrund mehrerer Ereignisse in die Geschichtsbücher ein: Zum einen gab es erstmals eine schwarze Siegerin – und zum anderen kam es während der Veranstaltung auch zu bis dato beispiellosen, politisch motivierten Demonstrationen vor dem Austragungsort sowie Protestaktionen im Saal. Die bisher hauptsächlich fürs Fernsehen („The Crown“) tätige Regisseurin Philippa Lowthorpe hat daraus nun einen Kinofilm gemacht: „Die Misswahl - Der Beginn einer Revolution“ ist nicht nur hochkarätig besetzt und kurzweilig-amüsant – sondern regt auch zum Nachdenken an, ohne deshalb gleich übermäßig belehrend daherzukommen.

    Für ihre Überzeugung würde sie notfalls sogar in den Knast gehen: Keire Knightley als Sally Alexander.


    Die alleinerziehende Mutter und Studentin Sally Alexander (Keira Knightley) will mit einigen Gleichgesinnten dafür sorgen, dass die Gala zur Miss World 1970 noch mehr Aufmerksamkeit als ohnehin schon erhält: Allerdings sind Sally und ihre Mitstreiterinnen aus dem Women‘s Liberation Movement nicht als Kandidatinnen bei der von Komiker-Legende Bob Hope (Greg Kinnear) moderierten Show dabei. Statt im Badeanzug zu posieren und sich lächelnd Weltfrieden zu wünschen, kommen sie in die Londoner Royal Albert Hall, um die Veranstaltung vor den Augen von hunderten Millionen TV-Zuschauern zu sabotieren – mit lauten Rasseln und auf die Bühne geworfenen Mehlbomben.

    Während der Impresario Morley (Rhys Ifans) alles tut, um den Abend möglichst reibungslos über die Bühne zu bringen, gibt es auch hinter den Kulissen einiges an Spannungen. Mit Miss Grenada Jennifer Hosten (Gugu Mbatha-Raw) und der zwar nicht offiziell gekrönten, dennoch ins Teilnehmerfeld gerutschten Miss Afrika-Süd Pearl Jansen (Loreece Harrison) können sich nämlich erstmals auch zwei schwarze Frauen berechtigte Hoffnungen auf den Sieg machen...

    Nieder mit dem Patriarchat


    Philippa Lowthorpe sowie ihre Drehbuchautorinnen Rebecca Frayn („The Lady“) und Gaby Chiappe („Ihre beste Stunde“) nehmen sich einige, aber nicht zu viele erzählerische Freiheiten heraus – das ist im Rahmen einer lockeren Dramödie ja auch völlig okay. Die damaligen gesellschaftlichen Voraussetzungen werden in nie forcierten, aber eindringlichen Momenten etabliert – und darüber hinaus wird sich auch genug Zeit genommen, um uns mit der von Keira Knightley verkörperten Protagonistin vertraut zu machen: Ihre Interpretation der bis zu ihrer Emeritierung 2018 als Professorin für moderne Geschichte an der Universität London tätigen Sally Alexander ist Knightleys Rolle als Whistleblowerin Katharine Gun in „Official Secrets“ dabei ganz und gar nicht unähnlich.

    Beide auch real existierenden Charaktere sind frustriert ob der globalen Umstände, die ihr persönliches Leben aber auch direkt beeinträchtigen – und so beschließen sie, mutig und unter Einsatz ihrer Freiheit etwas dagegen zu unternehmen. Wie schon im Polit-Thriller „Official Secrets“ wirkt der sonst oft so glamourös präsentierte „Fluch der Karibik“-Star dabei glaubhaft bodenständig. Da fühlt man umso mehr bei ihrem Dilemma mit: Was wird aus ihrer Tochter (Maya Kelly), wenn sie als Mutter a) ins Gefängnis muss oder b) nichts unternimmt und Frauen auch in der nächsten Generation ausschließlich nach ihren Bikini-Maßen bewertet werden?

    Als erste schwarze Kandidatin hat sie tatsächlich eine Chance: Gugu Mbatha-Raw als Miss Granada Jennifer Hosten.


    Deutlich weniger Greifbares erfahren die Zuschauer über Sallys Mitstreiterinnen in den Reihen des Women‘s Liberation Movement. Ohne dass weiter auf ihre persönliche Motivation eingegangen wird, wirken die jungen Frauen um die von „Chernobyl“-Star Jessie Buckley gegebene Jo fast so, als wäre ihnen das Ärger-Machen wichtiger als die Sache, für die sie eintreten. Was ein wenig schade ist, denn die Schauspielerinnen gehen trotz dieser dünnen Zeichnung mit spürbarem Spaß an ihre rebellischen Rollen heran und hätten es verdient, noch ein wenig mehr Raum für ihre Figuren zu bekommen.

    Mehr Glück mit ihren deutlich differenzierteren Rollen habe da einige der Darstellerinnen der Schönheitsköniginnen: Während Suki Waterhouse („Assassination Nation“) als Miss USA Sandra Wolsfeld sich in ihrer privilegierten Welt offensichtlich keine Sorgen um irgendetwas jenseits ihrer Körpermaße oder des perfektes Sitzens ihrer knappen Klamotten macht, darf Clara Rosager („The Rain“) als Miss Schweden gegen den selbst von den weiblichen Mitarbeiterinnen der „Miss World“-Organisation zur Schau getragenen Chauvinismus von innen heraus aufbegehren.

    Den besten Moment gibt es nur im Kino


    Ähnlich wie Sally und ihre Spießgesellinnen übersieht sie dabei jedoch komplett die Lage der sich - trotz der Umstände und des jederzeit spürbaren Rassismus - würdevoll haltenden schwarzen Kandidatinnen: Gugu Mbatha-Raw („Die Erfindung der Wahrheit“) und Newcomerin Loreece Harrison verkörpern authentisch den inneren Widerstreit, die für sie sogar gleich doppelt diskriminierende Veranstaltung dennoch als Chance zu nutzen, ein Zeichen zu setzen.

    Der beste und relevanteste Moment des Films findet sich kurz vor dem Finale – und es gibt ihn auch nur auf der großen Leinwand, denn in der Realität hat er so leider nie stattgefunden: Hier stehen sich die gerade gekrönte Mbatha-Raw und die gerade verhaftete Knightley im Badezimmer gegenüber – und sie selbst wie der Zuschauer erkennen, dass sie zwar auf verschiedenen Seiten des Protestes stehen, aber eigentlich doch genau dieselbe Schlacht schlagen, nämlich die für Gleichberechtigung. Auch wenn „Die Misswahl“ immer ein Gute-Laune-Arthouse-Film bleibt, erreicht er in solchen Momenten doch eine ungeahnte Komplexität.

    So stellt man sich eine klassische Miss-World-Teilnehmerin vor: Suki Waterhouse als Miss USA Sandra Wolsfeld.


    Mit einem dermaßen gut aufgelegten Cast, den Greg Kinnear („Besser geht's nicht“) als Bob Hope, Lesley Manville („Der seidene Faden“) als dessen alles still ertragende Gattin und Rhys Ifans („Mr. Nobody“) als Mr. Miss World zusätzlich bereichern, hätte dem Film ein höheres Produktionsbudget sicher nicht geschadet. So konnte man sich scheinbar nicht die echte Royal Albert Hall als Kulisse leisten, sondern musste auf den aus „Wiedersehen mit Brideshead“ oder „The Crown“ bekannten, längst nicht so beeindruckenden Eltham Palace im Südosten der Stadt zurückgreifen. Auch die Kameraarbeit von Zac Nicholson („Geheimnis eines Lebens“) erreicht oft eher gehobenes TV-Niveau.

    Was nicht heißt, dass die 107 Minuten von „Die Misswahl - Der Beginn einer Revolution“ nicht rasant vergehen würden! Es macht Spaß einfach Spaß, der von farbenfrohen Kostümen und tollen Requisiten unterstützten Treiben auf beiden Seiten des Protestes beizuwohnen und dabei einzelnen Kandidatinnen ebenso wie den Aktivistinnen die Daumen zu drücken. Obwohl die sexistischen Sprüche im Film sogar im Vergleich zur realen Moderation noch entschärft wurden, würde man am Ende sogar gern selbst eine Mehlbombe auf den von Kinnear herrlich schmierig und mit charakteristischem Kleiderbügel-Grinsen verkörperten Bob Hope abfeuern.

    Fazit: Ein gutgelaunter Protestfilm: Fans von Brit-Unterhaltung wie „Ganz oder gar nicht“, „We Want Sex“ oder „Pride“ werden bestimmt auch mit „Die Misswahl“ eine Menge Spaß haben.

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