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    Gloria Mundi
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Gloria Mundi

    Der Linksromantiker kämpft weiter

    Von Christoph Petersen
    Wie der britische Filmemacher Ken Loach kämpft auch der französische Regisseur und Drehbuchautor Robert Guédiguian mit seinen Filmen unnachgiebig für eine sozialere, gerechtere Welt. Aber wo Loach sich regelmäßig ein konkretes Problem herauspickt, zuletzt etwa das britische Sozialsystem in „Ich, Daniel Blake“ oder die prekäre Lage von selbstständigen Paketauslieferern in „Sorry We Missed You“, wirft Guédiguian speziell in seinem neuen Film „Gloria Mundi“ ein sehr viel weiteres Netz: Anhand der Mitglieder einer Familie der Arbeiterklasse in Marseilles erforscht er, wie sehr das Geld beziehungsweise die Abwesenheit davon wirklich alle Aspekte des Lebens (mit-)bestimmen kann. Das Finanzielle spielt quasi in jeder Szene in der einen oder anderen Form eine Rolle – und es ist allein Guédiguians erzählerischer Meisterschaft zu verdanken, dass „Gloria Mundi“ trotzdem nie didaktisch wirkt, sondern auf eine geradezu zärtliche, warmherzige Art aufrüttelt.

    Mathilda (Anaïs Demoustier), die auf Probe in einem Klamottenladen als Verkäuferin arbeitet, und Nicolas (Robinson Stévenin), der als selbstständiger Uber-Chauffeur nach 5-Sterne-Bewertungen jagt, bekommen eine Tochter. Die Freude ist groß, es wird mit Champagner angestoßen, der mit einem Pfandleigeschäft in einem Armenviertel erfolgreiche Schwager Bruno (Grégoire Leprince-Ringuet) gibt sogar eine Runde Koks aus. Aber das Geld ist knapp und Mathildas Mutter Sylvie (Ariane Ascaride), die wegen der Zuschläge vor allem nachts putzen geht, und ihr Ziehvater Richard (Jean-Pierre Darroussin), ein Busfahrer, können zumindest finanziell auch nicht weiterhelfen. Zugleich kommt Mathildas leiblicher Vater Daniel (Gérard Meylan) nach einer 20-jährigen Haftstrafe aus dem Gefängnis frei. Er kümmert sich zwar rührend um die kleine Gloria, aber auch er hat kein Geld, um den zunehmend strauchelnden Eltern wieder auf die Beine zu helfen ...

    Auch die Geburt der Tochter drängt die finanziellen Sorgen nur für kurze Zeit in den Hintergrund.


    In den einzelnen Szenen ist das Geld meist nur eine Randbeobachtung. Daniel fragt in einem Stundenhotel, wie viel eine ganze Woche kostet (100 Euro). Mathildas sexhungrige Halbschwester Aurore (Lola Naymark) verhandelt im Pfandgeschäft mit einer verschleierten Muslima über den Preis für einen Toaster (5 Euro). Mathilda jagt einer Ladendiebin hinterher (nicht bezahlt) und kann ihre Tochter schon bald nicht mehr zu der Pflegemutter geben (nicht bezahlbar). Erst in der Masse solcher Momente wirkt das Geld schließlich omnipräsent (und vielleicht sogar omnipotent). Zumal sich auch viele weitere Konflikte zumindest indirekt darum drehen. So auch die Eheprobleme zwischen Mathilde und Nicolas, die sich sogar noch weiter verstärken, als Nicolas von konkurrierenden Taxifahrern der Arm mit einem Baseballschläger zertrümmert wird (sein Auto lassen sie in Ruhe, weil sie wissen, dass es eh versichert ist).

    Sylvie, die als junge Mutter ihren Körper verkaufen musste, um nach der Inhaftierung ihres Mannes mit dem Baby über die Runden zu kommen, versucht unterdessen ihre jüngeren (vornehmlich schwarzen) Kollegen davon zu überzeugen, dass ein Streik nichts bringt. Sie kann sich den Gehaltsausfall schließlich nicht leisten, will nur noch ihre drei Jahre bis zur Rente irgendwie durchbringen. Das ist insofern überraschend, dass Gewerkschaften und Streiks in den Filmen von Guédiguian schon immer eine zentrale Rolle gespielt haben. Aber diesmal steht die größte Sympathieträgerin des Films auf der Anti-Streik-Seite. Ist das womöglich ein erstes Anzeichen von Resignation? Sind die Soldaten, die ständig als Statisten im Hintergrund zu sehen sind, nun ein weiteres Anzeichen für einen baldigen Aufstand – oder doch eher ein Sinnbild für die Wehrhaftigkeit des Systems? Hat der Leinwand-Revoluzzer etwa seinen Glauben an die Revolution verloren?

    Die Menschlichkeit stirbt zuletzt!



    Aber selbst wenn das (ein Stück weit) tatsächlich der Fall sein sollte: Seinen Glauben an die Menschen selbst hat Guédiguian ganz offensichtlich noch längst nicht verloren! Mit Sylvie, Richard und Daniel, verkörpert von seinen drei treuesten Wegbegleitern Ariane Ascaride („Café Olympique“), Jean-Pierre Darroussin („Der Schnee am Kilimandscharo“) und Gérard Meylan („Das Haus am Meer“), hat er vielmehr drei der wärmsten Filmfiguren seit Langem geschaffen. Wobei das die Tragik des ständigen Scheiterns nur noch greifbarer und unmittelbarer macht: Wenn drei so gute, aufopfernde, liebevolle Menschen es nicht schaffen, wer dann? Dass am Ende nur die Arschlöcher nicht untergehen, kann ja wohl auch nicht die Lösung sein.

    Fazit: Robert Guédiguian setzt seinen Kampf für eine bessere Welt unbeirrt fort – und man guckt ihm weiterhin gern dabei zu, weil seine Protagonisten nie zu einem Mittel zum Zweck verkommen, sondern eine Wärme ausstrahlen, die so viel mehr wert sein sollte als alles Geld der Welt. Leider ist sie das aber nicht – und genau das ist der Stoff, aus dem diese zutiefst melancholische, auf niemals kitschige Weise zu Herzen gehende Tragödie gestrickt ist.

    Wir haben „Gloria Mundi“ auf dem Filmfestival in Venedig gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb gezeigt wurde.
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