Der Fan
Von Christoph PetersenSeine Oberlippe bebt für einen kurzen Moment so sehr, dass man fast Angst bekommt, er könnte im nächsten Augenblick in Ohnmacht fallen. Dabei hat der Modeboutique-Verkäufer Matthew (grandios: Théodore Pellerin) gerade noch so betont desinteressiert getan, als der schwer angesagte Popstar Oliver (ebenso grandios: Archie Madekwe) mit seiner Entourage aufgetaucht ist, um ein paar Hoodies anzuprobieren. Aber nun, wo Oliver ihn am Abend zu seinem Konzert eingeladen ist, bekommt die coole Fassade erste Risse…
Alex Russell hat bereits Folgen für die vielfach preisgekrönte Küchen-Comedy „The Bear“ geschrieben, aber für sein Spielfilmdebüt greift der Autor und Regisseur auf seine persönlichen Erfahrungen in der Musikszene von L.A. zurück, wo er u. a. ein Video für den Chaos-Rapper Zack Fox inszeniert hat: Der bei seiner Premiere in Sundance gefeierte „Lurker“ ist eine genüsslich-zynische, konsequent unvorhersehbare, aber zugleich auch schmerzhaft-authentische schwarze Komödie über eine offensichtlich durch und durch parasitäre Industrie.
Matthew sagt ein paar tiefgreifende Allgemeinplätze über die Musik, und plötzlich ist er Teil der Crew. Als er das erste Mal die Luxusvilla betritt, schickt die Managerin Shai (Havana Rose Liu) gerade einen anderen jungen Mann weg – und das Publikum ahnt bereits, dass Matthew irgendwann ein ähnliches Schicksal droht. Aber zunächst einmal wähnt er sich am Ziel, obwohl er gar nicht so genau weiß, was eigentlich von ihm erwartet wird: Ist er nun wirklich der neue beste Freund von Oliver oder soll er nur den Abwasch erledigen und den Müll wegräumen?
Der Popstar erweist sich jedenfalls als durch und durch launisch: Selbst wenn man gerade einen gemeinsamen kreativen Durchbruch gefeiert hat, kann man sich nicht sicher sein, dass er einen am nächsten Tag nicht völlig ignoriert. In seiner ach so lässigen Entourage, die u. a. aus einigen Jugendfreunden besteht, die etwas fester als der Rest im Sattel zu sitzen scheinen, gibt es deshalb ein ständiges Hauen und Stechen nicht nur um die Rangordnung, sondern auch um jeden noch so kleinen Moment der Aufmerksamkeit von Oliver. Aber Matthew würde wirklich ALLES dafür tun, dass dieser Zustand für immer anhält…
Arts and Sciences Department
Die lobhudelnden Nachrichten, die Matthew ständig an Oliver schickt, sind purer cringe – da läuft es einem vor Fremdscham selbst im Kinosessel kalt den Rücken herunter. Doch auch wenn er auf der Straße von Fans gefeiert wird, die ihn in einem Instagram-Clip von Oliver gesehen haben, gibt es für Matthew keinerlei Sicherheit, dass er nicht im nächsten Moment aussortiert wird und der Traum damit so schnell wieder vorbei ist, wie er begonnen hat. In Wahrheit befindet er sich in einem ständigen Kampf um seine Position, jeder kleine Fehltritt kann das sofortige Aus bedeuten. „Lurker“ zeichnet all die subtilen, aber folgenschweren Verschiebungen im Machtgefüge extrem präzise und authentisch nach, in der sonnendurchfluteten L.A.-Villa fühl man sich irgendwann sogar beim Zuschauen regelrecht eingeengt.
Doch es kommt, wie es kommen muss. Gerade noch der Hauptbeauftragte für eine Hinter-den-Kulissen-Dokumentation, wird auch Matthew abserviert. Aber natürlich lässt der das nicht einfach auf sich sitzen. Er will schließlich nicht nur dasselbe wie alle anderen, er will es MEHR. Ab hier schleichen sich dann auch Elemente des Genre-Kinos in „Lurker“, auch wenn längst nicht so extrem und explizit wie etwa im Kult-Klassiker „Der Fan“, in dem Désirée Nosbusch ihren angehimmelten Schlagerbarden erst zerlegt und dann verspeist. Stattdessen schlägt „Lurker“ einige Haken, die man so ganz sicher nicht hat kommen sehen, inklusive eines Schlusses, der auf ebenso clevere wie überraschende Weise die Frage stellt, ob das Verhältnis von Fan und Star nicht vielmehr symbiotischer als parasitärer Natur ist?
Théodore Pellerin („Solo“) ist in der Hauptrolle gleichermaßen faszinierend wie verstörend. Seine totale Obsession, unbedingt zum inneren Kreis dazugehören zu müssen, entfacht ebenso Mitleid wie Verachtung – und dabei wird ironischerweise bis zum Schluss nie so recht klar, ob Matthew die Musik von Oliver überhaupt mag oder er einfach nur vom Ruhm angezogen wird wie eine Motte vom Licht. Alex Russell beschreitet da mit erstaunlicher Selbstsicherheit einen schmalen Grat, und das wie gesagt bereits in seinem Debüt. Dasselbe gilt übrigens auch für die Form: „Lurker“ sieht zumindest so aus, als sei er auf analogem Filmmaterial gedreht worden, was natürlich gerade in der jungen L.A.-Szene stark angesagt ist.
Dazu kommen die Aufnahmen mit einer alten DV-Kamera, die Matthew für die Backstage-Doku nutzt und die so pixelig aussehen wie frühe Skatervideos aus den Neunzigerjahren. Als die eigentlich vorgesehenen Kameras keinen Saft mehr haben, wird ein Musikvideo-Dreh kurzerhand mit der DC-Cam fortgesetzt. Wenn Matthew das antiquierte Gerät dann auch noch an ein Schaf bindet, um das musikalische Treiben aus der Perspektive des Tieres zu filmen, gibt es nostalgische „Jackass“-Vibes. Trotzdem wirkt „Lurker“ nie wie ein Erstlingsfilm, bei dem noch mit den verschiedenen Stilmitteln experimentiert wird, sondern im Gegenteil wahnsinnig präzise und kontrolliert.
Fazit: „Lurker“ ist cringe, beengend, unvorhersehbar, stylisch und im selben Moment wahnsinnig unterhaltsam und erstaunlich berührend. Wie schon bei der Kult-Sitcom „Entourage“, die auf den persönlichen Erfahrungen von Produzent Mark Wahlberg basiert, ist es auch hier ein massives Plus, dass Alex Russell die Szene persönlich gut kennt, in deren Abgründe er in seinem beeindruckenden Regiedebüt hinabtaucht.
Wir haben „Lurker“ im Rahmen der Berlinale 2025 gesehen, wo er als Kooperation der Sektionen Berlinale Special und Generation gezeigt wurde.