Pure epische Wucht!
Von Björn BecherDer Titel „La Bola Negra“ („The Black Ball“) verweist auf ein legendäres Werk des spanischen Dichters Federico García Lorca. Es ist aber keine Verfilmung. Das wäre auch ein Ding der Unmöglichkeit, schließlich wurde das Originalwerk nie veröffentlicht. Im Film des Regie-Duos Javier Calvo und Javier Ambrossi erklärt Glenn Close in der Rolle einer Lorca-Expertin, dass nur vier Seiten erhalten geblieben sind. Das verschollene Werk sowie „Der dunkle Stein“, ein preisgekröntes Theaterstück von Alberto Conejero, das sich mit der schwulen Liebesgeschichte zwischen dem Dichter Lorca und einem Fußballspieler beschäftigt, bilden den Ausgangspunkt für ein episches Triptychon.
Der von Pedro Almodóvar produzierte und von seiner Muse Penélope Cruz in einer Nebenrolle als Nachtclubtänzerin veredelte Film ist dabei ganz groß gedacht. Das Ergebnis muss sich schon visuell – von der Ausstattung über die Kostüme bis hin zur Kamera – nicht vor Hollywood-Epen verstecken. Dazu ist der 155 Minuten lange „La Bola Negra“ vollgepackt mit Themen und Gefühlen – ein Melodram, das sich nicht davor schämt, richtig dick aufzutragen. Die Regisseure wollen aber nicht nur eine verschollene literarische Vorlage und eine wahre Liebesgeschichte wieder sichtbar machen, sondern zeigen ganz allgemein, wie verdrängte Geschichte bis in die Gegenwart weiterwirkt.
Le Pacte
Im Jahr 1937 warten der naive Sebastián (Guitarricadelafuente) und sein Dorf voller Vorfreude auf mit Musikkapelle auf die sich nähernde italienische Armee. Doch die vermeintlichen faschistischen Heilsbringer antworten mit Maschinengewehrfeuer und Bomben. Nur Sebastián überlebt. Aber weil das ja sicher ein Unfall war, schließt er sich bald darauf Francos Armee an. Dort muss er den schwer verwundeten republikanischen Gefangenen Rafael (Miguel Bernardeau) bewachen und soll ihm auch ein paar Informationen entlocken. Doch nach und nach verliebt er sich in den ehemaligen Schauspieler und Fußballer von Atlético Madrid.
Im Jahr 2017 betäubt sich der unglückliche Alberto (Carlos González) durch harte One-Night-Stands mit anderen Männern. Nebenbei forscht der gescheiterte Theaterautor als Historiker nach queeren Spuren in der Musik und der Kultur der 1920er-Jahre. Dann erhält er eines Tages die Nachricht, dass sein Großvater, den er nie kennengelernt hat, verstorben ist und ihm überraschend ein Erbe hinterlassen hat. Obwohl seine Mutter Teresa (Lola Dueñas) strikt dagegen ist, macht er sich auf den Weg …
Neben diesen beiden Handlungssträngen sehen wir auch immer wieder Teile des Geschichtsfragments, das dem Film überhaupt erst seinen Titel verleiht. Im Jahr 1932 will der junge Carlos (Milo Quifes) Mitglied eines Geheimbundes werden. Mittels weißer und schwarzer Kugeln erfolgt die Abstimmung über seine Aufnahme. Obwohl er aus gutem Hause stammt und die Männer seiner Familie bislang immer aufgenommen wurden, wird er „blackballed“. Denn es gibt Gerüchte, dass er homosexuell ist.
Während die beiden anderen Ebenen von Anfang an mitreißen, bleibt dieses Segment lange Zeit etwas abstrakt im Raum hängen – auch aus gutem Grund. Schließlich ist dies die Adaption von Lorcas gleichnamigem Werk – und davon existierten eben nur vier Seiten. Es gibt hier also gar nicht so viel zu erzählen. Erst wenn sich im späteren Verlauf des Films alles zusammenfügt und diese Geschichte-im-Film durch Elemente aus „Der dunkle Stein“ und der zugrunde liegenden wahren Historie weiter ausgebaut wird, lädt sich auch dieser Part mit großen Emotionen auf.
Le Pacte
Davor dürfen die verschiedenen Zeiten immer wieder ineinanderfließen. Da hören wir noch den Ton aus der einen Epoche, während wir bereits die Bilder der anderen sehen. Das sorgt dafür, dass die Ebenen wie im Gespräch zueinander stehen. So unterschiedlich Sebastián und Alberto sind und so verschieden sie mit ihrer Homosexualität umgehen, so deutlich zeigen sich auch die Gemeinsamkeiten. Die größte Leistung der Filmemacher ist dabei, dass sich die verschachtelte Konstruktion nie wie ein bloßes Drehbuchkunststück anfühlt, sondern von Anfang an einen berührenden Sog entfaltet.
Ganz eindeutig ist „La Bola Negra“ ein Film, der nicht klein sein will. Ausstattung, Kostüme, Kameraarbeit und Score tragen förmlich die Tatsache vor sich her, dass man hier ein Epos zu sehen bekommt. Dazu gehören auch die intensiv-düsteren Kriegsszenen oder die vielen Momente im Lazarett, in das immer wieder schwer verletzte Gefangene gebracht werden. Ein Spektakel ist auch der Auftritt von Penélope Cruz als Nachtclub-Performerin Nené. Die Oscarpreisträgerin (für „Vicky Cristina Barcelona“) hat zwar nur zwei Musical-Auftritte, die sind dafür aber so beeindruckend, dass sie allein das Anschauen rechtfertigen.
Trotz aller Opulenz bleibt das Herzstück des Films aber die intime Beziehung zwischen Sebastián und Rafael, die größtenteils aus kleinen, zurückgenommenen Szenen besteht. Schließlich haben sie in ihrer Position als Aufpasser und Gefangener mitten in einem Militärkrankenhaus keinen Raum für große Liebesschwüre. Viel wird so über kleine Gesten, Blicke oder sogar Pausen erzählt. Auf Tuchfühlung können sie fast nur gehen, wenn Sebastián für die gerade anderswo benötigte Krankenschwester den frisch gewaschenen Häftling abtrocknen muss. Gerade der spanische Singer-Songwriter Guitarricadelafuente, der mit diesem Film und einer Mini-Rolle in Pedro Almodóvars „Bitteres Fest“ 2026 seine ersten beiden Schauspielrollen absolviert, glänzt in diesen sachten Momenten.
Die Gegenwartsebene fesselt gar nicht so sehr durch den Akt der literarischen Spurensuche, sondern durch einen weiteren Akt der Selbstentdeckung. Hier geht es für Alberto darum, sich, seinen Körper und seine Scham zu akzeptieren. Eine Schlüsselrolle spielt dabei das schwierige Verhältnis zur Mutter. Lola Dueñas („Bird Box: Barcelona“) liefert eine furiose Performance als diese auf den ersten Blick so harte und schreckliche Frau, die beim Restaurantbesuch mit ihrem Sohn nicht nur ein Bier nach dem anderen trinkt, sondern auch mal kurz für eine Linie Koks aufs Klo verschwindet.
Le Pacte
Nicht nur in diesem Moment ist „La Bola Negra“ auch mal zu viel und zu überdeutlich. Immer wieder werden Ausrufezeichen sehr laut gesetzt und Dialoge unterstreichen noch einmal, was uns Bilder bereits verraten haben. Dazu gibt es so viele Themen, die uns die Verantwortlichen alle näherbringen wollen. Es gibt die Biografien der real existierenden Federico García Lorca und Rafael Rodríguez Rapún. Wir bekommen ein Drama über den Spanischen Bürgerkrieg sowie gleich mehrere queere Liebesgeschichten auf einmal. Der Umgang mit dem familiären Erbe, die Frage, ob nicht auch bloßes Schweigen ein Akt der Gewalt sein kann, und die Kunst als Erinnerungshilfe – all das sind weitere wichtige Elemente, die manch anderer Film allein in den Mittelpunkt stellen würde.
Gerade dieses Übermaß macht aber auch die besondere Kraft aus. In diesem von großer Leidenschaft geprägten Melodram sorgen Überdeutlichkeit, Pathos und gelegentlicher Kitsch dafür, dass wir die kompletten 155 Minuten involviert bleiben, weil wir keiner nüchternen Lehrstunde folgen, sondern einem mitreißenden Epos folgen. Hier wird erst gar nicht versucht, verdrängte Geschichte vorsichtig freizulegen; sie wird stattdessen mit voller Wucht auf die Leinwand geworfen. Das mag manchmal zu viel des Guten sein, aber es ist nie egal und vor allem in den stärksten Momenten immer wieder überwältigend.
Fazit: „La Bola Negra“ ist ein wahrhaft episches, manchmal etwas überfrachtetes, aber tief bewegendes queeres Geschichts-Melodram.
Wir haben „La Bola Negra“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo er seine Weltpremiere als Teil des offiziellen Wettbewerbs gefeiert hat.