Liebe geht durch den Magen
Von Thorsten HanischFeminismus wurde im Laufe der Horrorfilmgeschichte immer mal wieder mit Kannibalismus verbunden. Eines der sehenswertesten Beispiele ist der grandiose „Raw“, in dem die „Titane“-Regisseurin Julia Ducournau von der langsam erwachenden Fleischeslust der angehenden Tiermedizinstudentin Justine erzählt, deren nur von den Frauen in ihrer Familie weitervererbter Menschenfleischhunger zugleich als Metapher für das Auflehnen gegen patriarchalische Strukturen dient. Im Gegensatz zu Justine, die ihr Verlangen kaum kontrollieren kann, geht die Protagonistin von „Cannibal Mukbang“ allerdings ganz bewusst vor:
Die äußerst attraktive Frau mit einer Vorliebe für Glitter-Make-up geht nämlich nachts auf die Jagd nach bösen Männern, um sie zu töten und zu verspeisen. Anders als es der Trailer vermuten lässt, setzt Regisseurin Aimee Kuge ihre schrille Prämisse aber nicht als knackigen Splatterspaß um, sondern als blutige RomCom mit Mumblecore-Anleihen. Der Fokus liegt fortwährend auf den beiden hervorragend gespielten, glaubwürdigen Hauptfiguren, deren Chemie untereinander die Leinwand zum Knistern bringt – und die es locker schaffen, die Schwächen des Films vergessen zu machen.
Meteor Film GmbH
Der einsame, schüchterne Nerd Mark (Nate Wise) trifft eines Abends beim Kauf von Snacks auf die selbstbewusste, quirlige Ash (April Consalo). Die Funken fangen aber erst so richtig an zu sprühen, nachdem Ash ihn vor dem Laden unabsichtlich anfährt und sich die beiden dadurch näher kennenlernen. Mark arbeitet im Kundenservice eines Lieferdiensts und Ash ist YouTuberin im Bereich Mukbanging (also jene, südkoreanischen, 2009 ausgelösten Online-Trend, in dem Menschen sich beim genüsslichen Essen oft besonders großer Portionen filmen).
Und wie es der Zufall so will, guckt Mark ihre Videos (auf denen allerdings nur die Hälfte ihres Gesichts zu sehen ist). Der junge Mann ist hin und weg von der rothaarigen Frau, von der in manchen Momenten die Aura einer Disney-Prinzessin auszugehen scheint. Ash wiederum fühlt sich von Mark ebenso angezogen, hat aber ein finsteres Geheimnis. Das Fleisch, das sie in ihren Mukbang-Videos verspeist, stammt nicht von Tieren, sondern von Vergewaltiger, Sadisten und anderem Abschaum, den sie nachts jagt und tötet….
Einer der schönsten Abschnitte beginnt früh: Mark besucht Ash in ihrer Wohnung und gesellt sich zu ihr in ein aus Bettlaken konstruiertes Zelt, in dem sie mit einer bunten Lichterkette sowie einer Lampe mit rotierenden Farbmustern eine heimelige Kinderzimmer-Atmosphäre heraufbeschwört. Die beiden kommen sich langsam näher, was zu einer intensiven Abfolge von Küssen führt. Doch mehr ist nicht, denn Mark zaudert, er geht die Dinge lieber langsam an. Ash zeigt sich verständig, woraufhin der Film in eine kleine Montage übergeht, in der die beiden bei kleineren Albernheiten zu sehen sind. Ganz wie Kinder in einem Bettlaken-Zelt eben.
Diese fast ein wenig märchenhaft anmutenden Minuten sind so sensibel inszeniert und mit einer derartigen Hingabe gespielt, dass man kurz völlig vergisst, dass sich der Film eigentlich um eine Kannibalin dreht, die Männer schlachtet – was kurze Zeit später auch besonders anschaulich illustriert wird. Es ist schon eine wilde, mitunter auch schon mal ein wenig holprige Mischung, die Aimee Kuge in ihrem Regiedebüt auffährt, selbst wenn sich das karge Budget nicht immer mit einer bonbonfarbenen Ästhetik übertünchen lässt.
Meteor Film GmbH
So ernst der Film Mark nimmt, ihn nuanciert als glaubwürdige Figur aus Fleisch und Blut, hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu Amy und den damit einhergehenden moralischen Problemen, porträtiert, so Cartoon-artig wirkt sein Bruder Maverick (Clay von Carlowitz). Der kommt als überzogener Patrick-Batemann-Verschnitt daher, was die Verbundenheit zwischen ihn und Mark wie eine bloße Behauptung aussehen und leider schnell ahnen lässt, auf welchen Konflikt die Geschichte am Ende zusteuern wird.
Etwas undurchdacht wirkt zudem die feministische Agenda von Kuge: Auf der einen Seite steht das Female-Empowerment-Motiv im Zentrum des Geschehens, auf der anderen Seite wirkt Ash – so faszinierend sie auch ist – einseitiger als Mark, als sei sie eher der Motor für seine Geschichte. Eigentlich wird hier nicht so wirklich von einer Frau erzählt, die patriarchalische Strukturen bekämpft, sondern eher die Geschichte der (toxischen) Beziehung eines jungen Mannes, der an die falsche Frau gerät.
Fazit: Die Low-Budget-Produktion „Cannibal Mukbang“ hat sicherlich Schwächen, die größte ist das nicht ganz durchdachte Drehbuch. Auf der anderen Seite reißt einen die groteske Microbudget-Romanze dank toller Hauptdarsteller*innen, einer weitestgehend stilvollen Inszenierung sowie einem tollen, vielfältigen Soundtrack trotz allem mit. Und beim Abspann ist man sich dann sicher, dass man die kommenden Filme von Regisseurin Aimee Kuge mit ähnlicher Inbrunst ansehen will, mit der Ash in ihren YouTube-Videos ihre Opfer herunterschlingt.