"Zurück in die Zukunft" trifft "Barbie" – auf Französisch
Von Gaby SikorskiDie Schauspielerin Brigitte Bardot, kürzlich mit 91 Jahren verstorben, galt Ende der 1950er-Jahre als Stilikone. Zu ihrem gleichzeitig sinnlichen, bequemen und selbstbewussten Look gehörten die flachen Schuhe, damals „Cendrillons“ genannt und heute allgemein als Ballerinas bekannt, schulterfreie Oberteile, weit schwingende Röcke und natürlich die typische Caprihose. Durch ihre Filme wurde der Bardot-Look weltweit bekannt und von vielen jungen Frauen kopiert – eine neue Moderichtung war entstanden.
Wir schreiben das Jahr 1958: Frankreich führt Krieg gegen die Unabhängigkeitsbewegung in Algerien, Charles de Gaulle ist gerade Ministerpräsident geworden, Brigitte Bardot wird als Kommunistin beschimpft, und eine karierte Caprihose gilt als Zeichen für absolute Verkommenheit – zumindest in gutbürgerlichen Kreisen, die ihren frisch erworbenen saturierten Wohlstand nur allzu gerne vorzeigen.
Neue Visionen
In einer sonnigen Bilderbuch-Idylle mit Häuschen, Garten und eigenem Auto lebt die perfekte Hausfrau Hélène (Elsa Zylberstein) gemeinsam mit ihrem Mann, dem Bankangestellten Michel (Didier Bourdon), sowie zwei halbwüchsigen Kindern. Sie kocht, putzt, wäscht, bügelt, hält Haus und Garten in Schuss und ist trotz der 24/7-Schwerstarbeit, die sie für ihre Familie leistet, stets vorbildlich gestylt und gut gelaunt. Michel ist der unangefochtene Herrscher im Haus, ein Patriarch der ganz alten Schule. Hélène ist sein kleines Frauchen – und findet das ganz normal.
Dann der Schock: Die 18-jährige Tochter Jeanne (Mathilde Le Borgne) ist schwanger! Da gibt es nur eines: Es muss geheiratet werden. Doch kurz vor der geplanten Ehe wird das Elternpaar nach einem elektrischen Schlag – verursacht durch die gerade von Hélène angeschaffte, heiß ersehnte, aber schlecht geerdete Waschmaschine – ins Jahr 2025 befördert. Alles ist gleich, aber alles ist anders gleich. Denn Hélène ist jetzt Bankdirektorin, und ihr arbeitsloser Mann Michel muss sich um den Haushalt kümmern.
Neue Visionen
Jeanne, die Tochter, wird ebenfalls heiraten – aber freiwillig und eine Frau –, während ihr Bruder, der vormals schüchterne und brav gescheitelte Einzelgänger Lucien (Maxim Foster), zum Rebellen mutiert ist. Für ihre Kinder und alle anderen um sie herum ist das Leben mit Internet, Smartphone und Einparkhilfe vollkommen normal, aber Hélène und Michel sind fremd in dieser Welt, die sie im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr verstehen.
Doch besonders Hélène lernt schnell dazu und fühlt sich bald pudelwohl. „Ich war noch nie so glücklich“, gesteht sie – und das nicht nur, weil sie sich zu ihrer großen Überraschung emanzipiert hat, sondern auch, weil sie ihren Vater wiedersieht, der an Prostatakrebs gestorben war. In 2025 ist der Krebs heilbar, also lebt der Vater noch. Der erzkonservative Michel hingegen kann sich mit der modernen Zeit überhaupt nicht anfreunden. Die elektronisch gesteuerte Küche macht ihm schwer zu schaffen, aber noch schlimmer ist für ihn, dass seine Tochter eine Frau heiraten will – undenkbar, und dann auch noch eine aus Algerien!
Das einfallsreiche Drehbuch bietet eine schier unerschöpfliche Fülle an Gags und Witzen, nicht nur durch den äußerlichen Kontrast zwischen gestern und heute, sondern auch über den durchaus nachvollziehbaren Culture Clash – immerhin sind seit 1958 bald 70 Jahre vergangen, in denen viel passiert ist. Die Dialoge sind spritzig und der Unterhaltungswert ist hoch, auch wenn die Basis der Geschichte nicht unbedingt neu ist und an diverse andere Filme erinnert – etwa „Zurück in die Zukunft“ oder „Die Besucher“. Die quietschbunte Welt, in der „Die progressiven Nostalgiker“ spielt, lässt wiederum an „Barbie“ denken.
Wichtig für Zeitreise- und Fantasykomödien ist aber vor allem, dass die interne Logik funktioniert, auch wenn man lieber nicht nach den wissenschaftlichen Grundlagen fragen sollte, denn – Überraschung! – im realen Leben gibt es gar keinen Fluxkompensator, und mit einer defekten Waschmaschine kann man auch keine Zeitreisen veranstalten. In dieser Komödie ist das Konstrukt verblüffend schlüssig: Alle außer Hélène und Michel sind Menschen des 21. Jahrhunderts. Die beiden Zeitreisenden verbünden sich gegen die feindliche, neue Welt. „Wie spät ist es?“, heißt der unauffällige Code, über den sich das Ehepaar verständigt, wenn mal wieder Überforderung droht. Allein schon diese Idee führt zu vielen komischen Szenen, die von den beiden Stars mit lust- und wonnevoller Spielfreude bedient werden.
Neue Visionen
Doch es gibt nicht nur viel zu lachen, sondern zusätzlich zur boulevardesken Unterhaltung mit vielen Verwicklungen auch ein bisschen was für Kopf und Herz. Ganz eindeutig wird hier zuvorderst die Befreiung der Frau gefeiert, die fraglos nicht nur in Frankreich zu den größten Erfolgen der letzten 70 Jahre gehört – darüber hinaus auch die Gleichstellung von nicht-heterosexuellen Lebensgemeinschaften.
Zu den weniger angenehmen Begleiterscheinungen der neuen Zeit gehören unter anderem schwer bewaffnete Polizisten, viele Obdachlose und leerstehende Geschäfte in den Einkaufsstraßen, eine verseuchte Umwelt sowie auseinanderdriftende Familien, die kaum noch miteinander kommunizieren. Das alles wird gezeigt, aber weder thematisiert noch besprochen – was eine Qualität des Films ist. Immerhin handelt es sich hier um eine leichtfüßige französische Komödie und nicht um eine soziologische Betrachtung. Die Komik bleibt dabei immer freundlich und eher liebenswürdig als boshaft.
Die clever ausgedachte, hübsch inszenierte Komödie ist das Regiedebüt von Vinciane Millereau, die als Schauspielerin auf eine lange Karriere zurückblicken kann, aber hierzulande kaum bekannt ist. Sie liefert mit „Die progressiven Nostalgiker“ ein wunderbares Beispiel für den gepflegten, eleganten Umgang mit Humor und Tiefsinn. Elsa Zylberstein („Ein Glücksfall“) spielt Hélène als Frau, die 1958 bereits den Keim der Revolte in sich trägt und in der Gegenwart wie eine durstige Blume aufblüht: Endlich darf sie zeigen, was sie kann – und das gilt auch für die Schauspielerin selbst, der eine Leistung allererster komödiantischer Güte gelingt.
Zylberstein kann alles: Dialogwitz inkl. Screwball, Körperkomik und Slapstick. Der gewiefte Erzkomödiant Didier Bourdon („Oh la la – Wer ahnt denn sowas?“) indes überzeugt als ihr wertkonservativer Ehemann Michel – ein Heile-Welt-Spießer, der immer sympathischer wird, wenn er Sushis grillt, mit der modernen Technik auf Kriegsfuß steht und schon mal einen Saugroboter erlegt. Dass Frauen inzwischen überall mitreden und sogar Fußball spielen dürfen, macht ihm schwer zu schaffen – auch wenn die Männer mit der „Équipe Tricolore“ mittlerweile zweimal Weltmeister wurden. Michel will jedenfalls so schnell wie möglich wieder zurück in seine Welt und ins Jahr 1958. Aber wie soll das gehen? Und was ist mit Hélène? Will sie das neu entdeckte Paradies der Frauen überhaupt verlassen?
Fazit: Früher war vielleicht mehr Lametta, aber es war keinesfalls alles besser. Die unterhaltsame Komödie über ein Ehepaar, das aus dem Jahr 1958 ins Heute katapultiert wird, kombiniert Witz und Nostalgie mit viel freundlichem Boulevard-Humor. Tatsächlich entpuppt sie sich immer mehr als zwar überaus vergnügliche, aber nebenbei durchaus nachdenkenswerte Betrachtung über den unaufhaltsamen Wandel, über das, was wirklich zählt … und natürlich karierte Caprihosen.