They Will Kill You
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
They Will Kill You

Die Horror-Antwort auf "Kill Bill"

Von Lutz Granert

Der russische Filmemacher Kirill Sokolov begann seine Karriere mit einem Low-Budget-Kammerspiel, das fast ausschließlich in einer einzelnen Wohnung spielt und sich ganz auf seine beiden Hauptfiguren, einen Polizisten und den neuen Freund seiner Tochter, konzentriert. Aber was im ersten Moment nach trockenem Sozialdrama klingt, entpuppte sich in „Why Don't You Just Die!“ als erbarmungslos-übersteigerter Kampf auf Leben und Tod – wobei die brachial-blutigen Gewaltspitzen (mit Fernsehgerät und Stichsäge) immer wieder mit dunkelschwarzem Humor gewürzt werden. Das erinnert an die Werke von Quentin Tarantino, ist aber zugleich viel mehr als eine bloße Huldigung. Mit überraschenden Wendungen sowie einer absoluten Hemmungslosigkeit, was den Brutalitäts-Exzess angeht, entwickelte sich das Debüt zu einem gefeierten Fanliebling auf internationalen Genre-Filmfestivals.

Nach der ähnlich gnadenlos-brachialen Action-Groteske „No Looking Back – Ohne Rücksicht auf Verluste“ (2021) siedelte Sokolov aus Russland in die USA über – wobei er vor der Realisierung seines neuen Projekts erst einmal die Regeln des US-Filmmarkts samt kultureller Unterschiede in sich aufsaugen musste, wie er in einem Interview betonte. Trotzdem gelang es ihm bei der Produktion von „They Will Kill You“, mit der nötigen Beharrlichkeit viele seiner eigenen, wilden Ideen aus dem Drehbuch durchzudrücken – was der bluttriefenden Horror-Actionkomödie mit einer starken Zazie Beetz („Deadpool 2“) in der Hauptrolle allerdings nicht immer nur guttut.

Wer schon mal einen Film von Kirill Sokolov gesehen hat, wird sich gar nicht weiter darüber wundern, dass Zazie Beetz u. a. mit brennender Axt auf ihre Widersacher eindrischt. Warner Bros.
Wer schon mal einen Film von Kirill Sokolov gesehen hat, wird sich gar nicht weiter darüber wundern, dass Zazie Beetz u. a. mit brennender Axt auf ihre Widersacher eindrischt.

Nach einer zehnjährigen Haftstrafe freut sich Asia Reaves (Zazie Beetz) darauf, endlich wieder ihre jüngere Schwester Maria (Myha'la) in die Arme zu schließen. Allerdings wurde diese seit ihrem Antritt einer Stelle als Hausmädchen im „The Virgil“ nicht mehr gesehen. Da viele rätselhafte Geschichten um vermisste Angestellte des luxuriösen Apartment-Komplexes grassieren, rechnet Asia mit dem Schlimmsten – und bewirbt sich unter falscher Identität selbst um eine Stelle.

Nach einem freundlichen Empfang durch die Hausdame Lily Woodhouse (Patricia Arquette) darf sie ihr Zimmer beziehen. Doch schon in der ersten Nacht erhält die wehrhafte Asia ungebetenen Besuch, der sich als erstaunlich widerstandsfähig erweist. Die Bewohner*innen des Hauses gehören nämlich einem satanischen Kult an, der ihnen die Unsterblichkeit verleiht – zumindest solange sie im Gegenzug regelmäßig Menschenopfer bringen …

Auch visuell gibt’s die volle Dröhnung

Mit „They Will Kill You“ feiert die neue Produktionsfirma Nocturna ihren Einstand. Gegründet wurde sie von „ES“-Regisseur Andy Muschietti und seiner Produzenten-Ehefrau Barbara Muschietti, die sich gemeinsam hochwertiger Horror-Kost verschrieben haben. Und wohl auch deshalb, weil sie selbst Filmemacher*innen sind, haben sie dem gestaltungswütigen Kirill Sokolov bei seinem US-Debüt weitgehend freie Hand gelassen. Schon die erste größere Actionszene ist technisch wahnsinnig ambitioniert gefilmt: Da wehrt sich die am Boden liegende Asia mit ihrem Schwert gegen in dunkle Kutten gehüllte Angreifer – während die von Isaac Bauman („Deliver Us“) beweglich geführte Kamera rund um die Protagonistin kreist.

Auch ein Scharmützel in einem komplett dunklen Festsaal, in dem Asia ihre brennende Axt in Dutzende Angreifer rammt, bevor sie in Zeitlupe zum Sprung ansetzt und einen Schergen der Länge nach zerteilt, ist ein inszenatorischer und visueller Leckerbissen. Apropos Optik: Wenn ein Auge mit anhängendem Sehnerv Asia durch eine senkrechte Passage im Lüftungsschacht verfolgt, ist das nicht nur reichlich eklig, sondern fast schon cartoonesk-albern. Aber selbst das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das regelrecht hirnrissige Finale mit mediokrer CGI, das in Sachen Wahnwitz dann endgültig deutlich übers Ziel hinausschießt.

Auch „Harry Potter“-Bösewicht Tom Felton zählt zu den mordenden Teufelsanbetern. Warner Bros.
Auch „Harry Potter“-Bösewicht Tom Felton zählt zu den mordenden Teufelsanbetern.

Bei dem hohen Tempo und dem nicht endenden Feuerwerk an Ideen, das Sokolov hier abfackelt, gerät die ohnehin dünne Story schnell unter die Räder: Eingeflochtene Rückblenden sind entweder inhaltlich wenig ergiebig oder präsentieren eine vermeintlich überraschende Wendung zu Marias Anstellungsverhältnis, die gerade Genre-Fans schon Meilen gegen den Wind gerochen haben. Aufgewertet wird der mit Messerkämpfen und Blutfontänen à la „Kill Bill“ (2003) angereicherte und mit harten Beats unterlegte Metzelmarathon von den stilvollen Interieurs, die mit Holzvertäfelung und antiken Möbeln dem geschichtsträchtigen Gemäuer einen mondänen Charme verleihen.

Schauspielerisch setzt Zazie Beetz als wehrhafte Action-Heroine, die im Kampf gegen die unsterblichen Satansjünger*innen mächtig einstecken muss, die stärksten Akzente. Gerade in den einfühlsamen Szenen zwischen ihr und Film-Schwester Myha'la (bekannt aus der HBO-Serie „Industry“) merkt man deutlich, dass Sokolov für den US-Markt zumindest gewisse Zugeständnisse macht – und ein nicht mehr ganz so konsequent-schroffes Figurenensemble wie in seinen vorherigen Filmen auffährt. Nur schade, dass weder Oscar-Preisträgerin Patricia Arquette („Boyhood“) als diabolische Haushälterin noch Heather Graham („Boogie Nights“), die ihren (nachwachsenden) Kopf verliert, sonderlich viele Szenen vergönnt sind.

Fazit: Jede Menge optische Einfälle und fast genauso viele abgetrennte Gliedmaßen machen die unberechenbare und blutige Action-Wundertüte „They Will Kill You“ zu einem kurzweilig-derben Horror-Happening. Dem Hollywood-Debüt von Brachial-Künstler Kirill Sokolov hätte etwas mehr Inhalt aber trotzdem durchaus gutgetan.

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