Wohlfühlen auf französische Art
Von Gaby SikorskiDas Phänomen der Künstlernaturen, die einfach nicht aufhören können zu arbeiten, ist allgemein bekannt. In Fachkreisen nennt man sie „Stage Animals“, vermutlich weil ihre Leidenschaft für die Kunst etwas Animalisches hat. Charles Aznavour trat mit 94 Jahren noch zwei Wochen vor seinem Tod auf. Dagegen ist Cliff Richard ein junger Hüpfer, wenn er mit 85 Jahren immer noch tourt – genauso wie Bob Dylan, die Rolling Stones oder Patti Smith, die „Godmother of Punk“, die mit 79 Jahren derzeit auf Europatournee geht. Für sie alle ist die Kunst ihr Lebensinhalt und der Applaus ihre Nahrung, ohne die sie nicht existieren können. Ein bisschen Spaß am Geldverdienen ist sicherlich auch dabei. Umso schlimmer wird es dann, wenn die Gesundheit nicht mehr mitspielt.
In „Ticket ins Leben“ ist für Antoine Toussaint (Gérard Darmon) nach einem Schlaganfall auf der Bühne Schluss mit dem Singen. Keine Auftritte und erst recht keine Tourneen mehr, alles zu anstrengend. Er erholt sich zwar einigermaßen, aber was hat er davon? Ohne die Musik, die für ihn Beruf und Berufung ist, hat das Leben für Antoine keinen Sinn. Das Publikum war seine Familie, die Bühne sein Zuhause. Was bleibt ihm da noch außer der nicht unbedingt angenehmen Aussicht, die ihm verbliebene Zeit in Langeweile und Einsamkeit abzusitzen? Für Antoine lautet die logische Konsequenz: Er möchte freiwillig in den Tod gehen, bevor er womöglich pflegebedürftig wird.
Alles ist bereits organisiert, Antoine hat sich von seinem Manager Claude (Patrick Timsit) verabschiedet, der als einziger eingeweiht ist, und besteigt in Paris den TGV Richtung Genf. Kaum hat er Platz genommen, meldet sich sein Fan Victoire (Valérie Lemercier), eine Frau um die 60, mit bemerkenswerter Energie und Hartnäckigkeit. Sie fällt Antoine zunächst mächtig auf den Wecker. Er will seine Ruhe, aber je mehr er sich bemüht, sie loszuwerden, desto dichter rückt ihm Victoire auf die Pelle. Sie hat schließlich einen großen Wunsch: Ob er vielleicht auf der Hochzeit ihrer Tochter in Genf auftreten könnte?
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Damit ist die Basis für eine turbulente RomCom – typisch französisch, im Guten wie im Schlechten. Das bekannte Strickmuster funktioniert auch hier und setzt eine ebenso unaufhaltsame wie berechenbare Maschinerie in Gang, die zumindest im ersten Drittel für gute Unterhaltung mit vielen leisen und auch mal lauteren Lachern sorgt. Da hätten wir zunächst mal eine möglichst unwahrscheinliche Personenkonstellation in Gestalt zweier gegensätzlicher Hauptfiguren: Ein verbitterter Sänger mit Todeswunsch trifft auf eine vollkommen durchgeknallte Ganztagshysterikerin mit manisch-depressiven Zügen, die wegen der Hochzeit ihrer Tochter, die (natürlich) kein Wort mehr mit ihr spricht, Freigang aus dem Knast erhalten hat.
Nur zu gern möchte sie vor der arroganten Sippe ihres Schwiegersohns mit ihrer Eroberung angeben, denn Antoine ist nicht nur alt und schlecht drauf, sondern auch durchaus prominent. So gerät er, selbstverständlich vollkommen unfreiwillig, ins Zentrum eines Familiendramas, aus dem er sich vermutlich nur mit einer Gesangseinlage retten kann. Wenigstens bemüht er sich, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, was gar nicht so einfach ist angesichts seiner beständig herabhängenden Mundwinkel. Aber dies wäre keine französische Komödie ohne ein zwar ziemlich vorhersehbares, aber wenigstens einigermaßen glaubwürdiges Happy End. Und wenn ein Film schon „Ticket ins Leben“ heißt und nicht „Fahrkarte in den Tod“, dann liegt der Verdacht nahe, dass Antoine es sich kurzfristig vielleicht doch noch überlegen könnte.
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Immerhin bemühen sich die beiden Stars nach Kräften, ihre Rollen mit Leben zu füllen. Gérard Darmon ist als Antoine ein sympathischer Muffelkopf, der seine Prominenz als erfolgreicher Sänger immer noch ganz ohne Allüren genießt. Er ist aber so offensichtlich unglücklich und vereinsamt, dass man eigentlich Mitleid mit ihm haben müsste. Hat man aber nicht, denn dafür ist er deutlich zu egozentrisch. Dass er trotzdem liebenswert ist, verdankt Darmon einerseits seinem leicht rumpeligen Altmänner-Charme, hauptsächlich aber seiner Partnerin. Valérie Lemercier, vor allem bekannt als Mutter des kleinen Nick aus den gleichnamigen Verfilmungen des französischen Kinderbuch-Klassikers, spielt die Victoire mit hohem Einsatz als maximal nervtötende Schreckschraube. Gerade zum richtigen Zeitpunkt, kurz bevor man sie einfach erwürgen möchte, gibt es dann eine Wendung, die tatsächlich unerwartet kommt und dem Film eine neue Richtung gibt. Das ist geschickt geschrieben und hübsch inszeniert.
Bis auf Patrick Timsit als Manager und Antoines einziger Freund sind die übrigen Mitwirkenden allerdings nur Staffage und agieren bestenfalls als Stichwortgeber. Dennoch verfügt der Film über einen gar nicht so unerheblichen Witz, der vor allem durch seine Situationskomik und weniger durch die Dialoge offenkundig wird. Wie gut er sein Handwerk beherrscht, konnte der Regisseur und Co-Autor Jean-Pierre Améris bereits 2011 mit seiner erfolgreichen Komödie „Die anonymen Romantiker“ beweisen. „Ticket ins Leben“ ist sicherlich weniger romantisch, hat dafür aber mehr Biss und immer wieder auch einen Hauch von Kritik am aktuellen Zeitgeist, ziemlich raffiniert verpackt im Blümchenhemd des Sterbeberaters und in einem Soundtrack mit alten, herzerwärmenden Chansons.
Fazit: „Ticket ins Leben“ ist hübsch anzuschauen, aber doch mehr Boulevard-Theater als cineastische Erleuchtung. Wer im Kino gut unterhalten werden möchte, wird diese leichte Komödie als Wohlfühl-Happen zu schätzen wissen. Nix zum Niederknien, aber auch nix zum Wegsehen.