Mehr Fights, mehr Fatalties und eine (zu) epische Geschichte
Von Christoph Petersen„Mortal Kombat“ hat 2021 weltweit gerade mal 84 Millionen Dollar (bei einem Budget von 55 Millionen Dollar) eingespielt. Aber das ist nur auf den ersten Blick ein enttäuschendes Ergebnis – und liegt auch nicht etwa daran, dass der erste Teil noch auf das titelgebende Martial-Arts-Turnier um die Vorherrschaft in den sechs Realms verzichtet hat. Stattdessen heißt das Zauberwort mal wieder „Corona“. Mit kaum geöffneten Kinos avancierte „Mortal Kombat“ zum bis dahin erfolgreichsten Release auf dem Streaming-Service HBO Max – und zugleich zum fünftmeist illegal heruntergeladenen Blockbuster des Jahres! Zudem ist die Popularität der Games-Vorlage ungebrochen: Mit zwölf Teilen allein der Hauptreihe hat das Franchise inzwischen mehr als 85 Millionen Einheiten verkauft!
Die betont brutale Videospielverfilmung hat also mehr als genug Menschen erreicht, um trotz allem eine Fortsetzung zu rechtfertigen. Im erneut von Simon McQuoid inszenierten „Mortal Kombat II“ findet das im Vorgänger vermisste Turnier nun tatsächlich statt – und auch Fan-Favorit Johnny Cage (Karl Urban) ist endlich mit von der Partie. Das bedeutet zunächst mal mehr Fights und mehr Fatalities, die auch diesmal wieder herrlich übertrieben serviert werden! Wenn dann in der zweiten Hälfte trotzdem noch eine „Herr der Ringe“-artige Mission mit Dutzenden Figuren in verschiedenen Welten vom Zaun gebrochen wird, stolpert die „epische“ Erzählung allerdings über ihre eigentlich gar nicht nötigen Ambitionen.
Warner Bros.
Wer die Herrschaft über ein anderes Realm übernehmen will, ohne damit die Elder Gods gegen sich aufzubringen, muss zehn „Mortal Kombat“-Turniere in Folge gewinnen. So hat Shao Kahn (Martyn Ford) bereits die Bewohner*innen von Edenia zu seinen Sklav*innen gemacht – inklusive der Prinzessin Kitana (Adeline Rudolph), die als junges Mädchen hilflos mit ansehen musste, wie ihr Vater im Duell gegen den Outworld-Despoten brutal gemeuchelt wurde. Aber damit ist der Herrschaftsdurst des maskierten Muskelberserkers noch längst nicht gestillt:
Nach neun Siegen in Folge ist auch das Earthrealm massiv davon bedroht, von Shao Kahn erobert zu werden. Zumal der Erde trotz der Unterstützung durch den Donnergott Lord Raiden (Tadanobu Asano) langsam die Held*innen für das Turnier ausgehen: Neben Liu Kang (Ludi Lin), Cole Young (Lewis Tan), Sonya Blade (Jessica McNamee) und Jax (Mehcad Brooks) soll diesmal auch Johnny Cage im Duell gegen Outworld antreten – dabei ist er schon längst kein echter Kämpfer mehr, sondern ein desillusionierter Ex-Hollywood-Actionstar, nach dem selbst auf Fan-Conventions kein Hahn mehr kräht …
Einen Turnierbaum und einen Schuss persönlichen Rachedurst: Mehr braucht es im Martial-Arts-Genre oft gar nicht, um das Publikum spannungstechnisch bei der Stange zu halten – der Jean-Claude-Van-Damme-Klassiker „Bloodsport“ ist das beste Beispiel dafür! Ganz so direkt kann man das in einem „Mortal Kombat“-Blockbuster natürlich nicht umsetzen, dafür ist die mythologische Lore mit all den Göttern, Realms, Regeln und immer mehr Fightern zu komplex. Aber der erfahrene Werbefilmer Simon McQuoid kommt in „Mortal Kombat II“ trotzdem erfreulich schnell zum Wesentlichen: Gerade in der ersten Hälfte reiht sich gefühlt ein Kampf an den nächsten – die meisten davon schön knackig und gerade so lang, dass man ein Best-of der spezifischen Moves der abwechslungsreichen Fighter präsentieren kann.
Selbst dass einige Schauspieler*innen offensichtlich besser (bzw. schlechter) kämpfen können als andere und deshalb immer wieder mit Schnitten nachgeholfen werden muss, fällt hier längst nicht so negativ auf wie in anderen Martial-Arts-Streifen: Wenn sich die Kontrahent*innen ohnehin nicht nur mit Handkanten, sondern auch mit explosiven Feuerbällen und neongrünem Todesatem bekämpfen, geht es nicht in erster Linie um glaubhaft-authentische Fights. Stattdessen stellt sich vielmehr schon während der Duelle die Frage, welchen kranken Scheiß sich die Verantwortlichen diesmal wieder für die abschließenden Finishing Moves ausgedacht haben – und enttäuscht wird man eigentlich nur, wenn der Sieger oder die Siegerin Gnade walten lässt und trotz schwankendem Gegenüber auf eine Fatality verzichtet. (Da hinterfragt man schon mal seine eigene Moral – aber hey, wir alle wissen, warum seit mehr als 30 Jahren ganz aufgeregt auf Schulhöfen über die neuesten „Mortal Kombat“-Games diskutiert wird.)
Warner Bros.
Auch die Stages sind erfreulich vielfältig – mit einem Burgverlies samt rostigen Fleischerhaken und blubberndem Säuregebräu als Main Event. Als Abschluss dieser ersten Hälfte dient der beste Kampf des Films – und der bekommt als spektakuläres Centerpiece auch deutlich mehr Raum: Mit Liu Kang und dem inzwischen untoten Hut-Akrobaten Kung Lao (Max Huang) bekriegen sich zwei ehemalige Weggefährten, die nicht nur Martial-Arts-technisch stark abliefern, sondern ihren emotionalen Fight auch mit einer charakterlich besonders gut passenden Fatality abschließen. Allerdings geht es für „Mortal Kombat II“ nach diesem Höhepunkt doch spürbar bergab:
Statt um das Turnier geht es plötzlich vor allem um ein allmächtiges MacGuffin-Amulett, für das an allen möglichen Orten alle möglichen Dinge erledigt werden müssen – eine zersplitterte Fantasy-Quest, bei der „Mortal Kombat II“ gut daran tut, selbst eine augenzwinkernde Anspielung auf „Herr der Ringe“ unterzubringen, denn der Vergleich liegt doch sehr nahe. Und natürlich ist „Mortal Kombat II“ in diesen Passagen nicht mehr als ein müder Abklatsch, bei dem die zunehmend ausfransende Handlung nur von den eigentlichen Qualitäten ablenkt.
Apropos Popkulturzitate: Johnny Cage lässt davon eine ganze Menge vom Stapel. So gibt es nicht nur Anspielungen auf „Harry Potter“ und „Squid Game“, er stellt auch die These auf, dass heutzutage alle nur noch „gritty“ Action wollen, bei der Keanu Reeves mit einem angespitzten Bleistift Tausende Widersacher niedermetzelt. Allerdings sehen wir auch einen Ausschnitt aus seinem 1996er-Videotheken-Reißer „Uncaged Fury“ – und das macht doch sehr viel trashigen Spaß! Sowieso begeistert Karl Urban, der ja schon aus „The Boys“ ultragroteske Gewaltspitzen gewöhnt ist, als abgehalfterter Ex-Star mit einem trocken-selbstironischen Humor.
Und tatsächlich, „Mortal Kombat II“ hat zwar mit „John Wick“ wenig am Hut, kommt aber wohl ziemlich nah an den Film heran, den sich die Fans der Spiele gewünscht haben, als ihnen 1995 stattdessen „Mortal Kombat“ (und zwei Jahre später „Mortal Kombat 2 – Annihilation“) vorgesetzt wurde.
Fazit: „Mortal Kombat II“ liefert vor allem in der ersten Hälfte direkt voll ab – bevor er dann doch wieder vom Turnierformat abweicht und sich stattdessen an einem Möchtegern-„Herr der Ringe“-Plot um ein magisches Amulett verhebt.