Reflection In A Dead Diamond
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Reflection In A Dead Diamond

Ein atemberaubend-glitzernder Bildersturm

Von Kamil Moll

Ein alter Mann (Fabio Testi) sitzt am Strand eines kleinen Städtchens an der französischen Côte d’Azur und sieht vor sich auf einer Liege eine Frau. Schon zu Beginn braucht „Reflection In A Dead Diamond“ nur einen kurzen Moment, einen einzigen Blick auf den Ozean, um von einer Welle an rauschhaften Bildideen fortgespült zu werden: Ein Glas mit sprudelndem Orange Bitter blendet in Nahaufnahme über den Körper der Frau, die Kohlensäure des Getränks ergießt sich über sie und verwandelt sich auf ihrer Haut in ein Meer aus scharf geschnittenen, kleinen Diamanten. Geblendet vom Licht, das sich in den Steinen bricht, beginnt der Mann, ein ehemaliger Geheimagent namens John G., sich zurückzuerinnern.

Jahrzehnte früher führte ihn schon mal ein Auftrag an diesen Küstenort, bei dem seine Arbeitspartnerin (Céline Camara) ums Leben kam – getötet von einem Maler (Koen De Bouw), den John eigentlich beschützen sollte. Auf eines der Bilder des Künstlers geklebt finden sich einzelne glänzende Pailletten ihres Kleides, in denen sich immer noch wie auf Filmmaterial festgehalten das mit dem Tod ringende, schmerzverzerrte Gesicht der Agentin widerspiegelt. Nun ist John längst nicht mehr im Dienst, scheint aber unter der Last der Erinnerung weiterhin in Bereitschaft zu sein, trägt nach wie vor unter dem Sakko eines weißen Anzugs eine Waffe in einem an die Brust geschnallten Halfter.

Die Genres auf ihre pure Ästhetik herunterbrechen

Seit ihrem furiosen Debüt „Amer – Die dunkle Seite der Träume“ (2009) kreisen die Filme des Regieduos Hélène Cattet und Bruno Forzani um das vielgestaltige Genre-Kino der 70er-Jahre. Insbesondere der stilisierte Exzess des sogenannten Giallos, italienischer Thriller, in denen Regisseure wie Dario Argento oder Lucio Fulci Mordszenen als opulente Horroropern zelebrierten, belebt ihr bisheriges Werk wie eine wild pulsierende Blutbahn. Die Nahaufnahmen von blinkenden Messern und Augen, Klingen, die durch Haut fahren, inszenieren die beiden Regisseur*innen oftmals als von Geschichten losgelöste und vollends befreite Fetischmomente – eine einzige Aneinanderreihung von visuellen Höhepunkten. Seit „Leichen unter brennender Sonne“ (2017) nähert sich jedoch ihre Art von experimentellem Genrefilm zunehmend auch erzählerischen Formen des Kinos an.

Für „Reflection In A Dead Diamond“ tauchen sie nun darüber hinaus in die Bilderwelten der Eurospy-Filme ein. Diese kurzlebige Welle aus den mittleren 60er-Jahren versuchte sich einstmals, in billigeren europäischen Ko-Produktionen an den Erfolg der James-Bond-Reihe zu heften – teils als fantasievolle Imitationen, teils in Form von humorvollen Parodien. Damit kommt ein neuer, weitaus verspielterer Ton in das zuvor auch schon mal etwas zum festgefroren Statischen neigende Werk des Duos, unterstreicht aber eher ihre gewohnte Vorliebe für formvollendet überästhetisierte Gewaltsequenzen, als dass sich ansonsten wirklich viel ändern würde.

„Reflection In A Dead Diamond“ ist pure Ästhetik – und als solche oftmals atemberaubend. Cattet-Forzani
„Reflection In A Dead Diamond“ ist pure Ästhetik – und als solche oftmals atemberaubend.

Anstelle eines zentralen Antagonisten zersplittert die aus immer wieder von Neuem durch Reize getriggerten Rückblenden zusammengesetzte Welt des Films schnell in eine nicht zu durchschauende Vielzahl von getarnten Widersachern. Hinter unzähligen Masken und Namen herrscht ein Chaos an nie gefangenen Mörder*innen und anderen Missetäter*innen: Sei es ein Hypnotiseur, der seinen Opfern das Gefühl vermitteln kann, in einem Film gefangen zu sein, oder einer Diebin (Thi-Mai Nguyen), deren lederner Ganzkörperanzug zu einer lebendigen Waffe wird. Ihr widmet sich der Film in der allerschönsten Sequenz: einem Kampf in einer Bar, den sie mit Fingernägeln aus Metall, im Haar befestigten Widerhaken und an den Schuhen anstelle von Stilettos angebrachten Messerklingen bestreitet.

Im Glitzern der Wellen und der Diamanten, als funkelnde Bilder immer wieder übereinander gelegt und aufeinander geblendet, spiegelt sich stets auch der Glamour einer längst vergangenen, nicht nur filmischen Epoche. Die für Agentenfilme so typischen wie kauzigen Gadgets wie ein Ring, aus dem heraus ein Röntgenstrahlen aussendender Laser betätigt werden kann, sind Gegenstände, die Cattet und Forzani in liebevollen Close-Ups umkreisen, als könnten sie Portale in eine andere, lustvollere Wirklichkeit werden.

Eine zukunftsweisende Verbeugung vor dem Kino der Siebziger

Mit dem 83-jährigen, auch mit graumelierten Haaren und fein geformten Bart noch wunderschönen Fabio Testi („Das Syndikat“, „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“) arbeiten die beiden auch erstmalig mit einem Schauspieler zusammen, der einstmals selbst mit jenem weiten Spektrum des italienischen Kinos der 70er verbunden war, das sie verehren, seien es Italowestern oder Polizeifilme. Trotz all dieser Verweise und Rückbezüge ist „Reflection In A Dead Diamond“ jedoch niemals nur schnödes Zitatkino, begnügt sich nicht mit cinephiler Liebhaberei. Im Blick zurück auf die Filmgeschichte suchen Cattet und Forzani stets nach Bildern für die Gegenwart des Kinos.

Fazit: Mit „Reflection In A Dead Diamond“ verwandeln Hélène Cattet und Bruno Forzani eine an 60er-Jahre-Agentenfilme angelehnte Geschichte über einen alternden Spion in einen wild glitzernden Bildersturm, der niemals einfach nur bloßes Zitatkino sein möchte.

Wie haben „Reflection In A Dead Diamond“ im Rahmen der Berlinale 2025 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

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