Verflucht Normal
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Verflucht Normal

Tourette-Syndrom oder: Wie er lernte, damit zu leben

Von Oliver Kube

In Deutschland ist John Davidson bislang kaum bekannt. In Großbritannien hingegen avancierte der 1971 geborene Schotte bereits als Teenager zur nationalen Berühmtheit – und zwar als Protagonist der zur Primetime ausgestrahlten BBC-Dokumentation „John’s Not Mad“, die von seinem Alltag mit Tourette-Syndrom handelt. Durch die Sendung konnten in der Gesellschaft weitverbreitete Missverständnisse über die Nervenerkrankung ausgeräumt werden, zu deren Hauptmerkmalen unwillkürliche Bewegungen und unfreiwillig ausgestoßenen Laute bis hin zu obszönen Schimpftiraden (sogenannte Tics) zählen. Auch die Tourette-Forschung in Großbritannien wurde infolge der Ausstrahlung massiv vorangetrieben, wobei es bis heute nur möglich ist, die Symptome gegebenenfalls etwas abzuschwächen.

Jetzt hat „Lang lebe Ned Devine“-Regisseur Kirk Jones ein Biopic-Drama über John Davidson gedreht – und das ist wichtig, schließlich sind wissenschaftlichen Schätzungen zufolge 0,3 bis 0,9 Prozent aller Kinder mehr oder weniger stark von der Erkrankung betroffen, die sich mit Einsetzen der Pubertät oft sogar noch einmal deutlich verstärkt. Da kommt „Verflucht Normal“, basierend auf der Autobiografie „I Swear“ (zu Deutsch: „Ich schwöre“, aber auch „Ich fluche“) (hier bei Amazon*) gerade richtig, denn der Film tut viel mehr, als „nur“ aufzuklären. „Verflucht Normal“ unterhält stattdessen mit erstklassigem Schauspiel, einer berührenden Geschichte und einer erstaunlichen Menge an Humor.

Nachdem er sich zunächst noch soweit es geht aus allem zurückzieht, beginnt John Davidson (Robert Aramayo) schließlich, sich seinem Leben zu stellen. Wild Bunch Germany
Nachdem er sich zunächst noch soweit es geht aus allem zurückzieht, beginnt John Davidson (Robert Aramayo) schließlich, sich seinem Leben zu stellen.

1983 in der schottischen Kleinstadt Galashiels: Der 13-jährige John Davidson (Scott Ellis Watson) steht kurz vor dem Wechsel auf die weiterführende Schule. Zudem ist er ein vielversprechender Fußballtorwart, der davon träumt, später mal für einen großen Verein zu spielen. Allerdings zeigen sich gerade jetzt bei ihm erste Anzeichen des Tourette-Syndroms, das sein Leben schon bald komplett auf den Kopf stellen wird. Denn die von ihm nicht zu kontrollierenden Symptome führen dazu, dass er in der Schule, beim Sport und sogar von seinen eigenen Eltern Heather (Shirley Henderson) und David (Steven Cree) als Unruhestifter und sogar als Verrückter abgestempelt wird.

13 Jahre später lebt der erwachsene John (jetzt: Robert Aramayo) noch immer bei seiner mittlerweile alleinstehenden Mutter. Er ist arbeitslos und verlässt kaum das Haus. Sein Leben nimmt jedoch eine positive Wendung, als er die Psychiatrie-Krankenschwester Dottie (Maxine Peake) trifft. Obwohl sie erst kürzlich selbst eine Krebsdiagnose erhalten hat, ist sie bereit, John zu helfen. Sie nimmt den jungen Mann bei sich und ihrer Familie auf und versucht, ihm den Start in ein zumindest halbwegs normales Leben zu ermöglichen – angefangen mit einem Job als Assistent von Tommy (Peter Mullan), dem eigenwilligen, aber gutmütigen Hausmeister des lokalen Gemeindezentrums…

"Fuck The Queen"

Der Film beginnt direkt mit einer großartigen Szene, die chronologisch eigentlich ganz am Ende der Geschichte steht. Es ist das Jahr 2019 und John soll in der Festhalle des Holyrood Palace in Edinburgh mit einer Reihe anderer verdienter Persönlichkeiten von Königin Elizabeth II. eine wichtige Auszeichnung verliehen bekommen. Fein herausgeputzt geht er zu dem ihm zugedachten Platz, als er vor der versammelten Gästeschar samt Regentin plötzlich einen seiner Anfälle bekommt und lauthals „Fuck The Queen“ schreit. Obwohl wir als Publikum verstehen, was Johns Problem ist und dass er nichts dagegen tun kann, kommen diese Tics für uns dennoch immer wieder so überraschend wie für seine Umgebung. Die Drastik der verbalen Ausbrüche in oft alltäglichen Situationen wie etwa auf der Straße oder im Supermarkt entbehrt dabei auch nicht einer gewissen Komik.

„Verflucht Normal“ ist ein Film über eine ernste Krankheit und ein reales Einzelschicksal. Trotzdem macht Regisseur und Autor Kirk Jones recht schnell deutlich, dass es völlig okay ist, über die Absurdität einiger Situationen zu lachen. Das sieht man auch an den Reaktionen der Figuren, die dem Protagonisten am nächsten stehen: Seine Ziehmutter Dottie und sein Boss Tommy reagieren jeweils ganz großartig auf den jungen Mann. Sie begegnen ihm mit Geduld und Verständnis, machen ihm zudem immer wieder klar, dass er sich nicht zu entschuldigen braucht, wenn er es ja eh nicht bewusst kontrollieren kann.

Es überrascht nicht, dass der reale John Davidson inzwischen als Ansprechpartner für Tourette-Betroffene unterwegs ist. Wild Bunch Germany
Es überrascht nicht, dass der reale John Davidson inzwischen als Ansprechpartner für Tourette-Betroffene unterwegs ist.

Während des Abspanns wird Archivmaterial eingeblendet, in dem der reale John Davidson erklärt, dass er selbst gelegentlich darüber lachen muss, was er sagt oder was ihm passiert. Der Film ehrt ihn, ohne ihn plump auf ein Podest zu stellen. John verdient Respekt und Bewunderung für den Umgang mit seiner Frustration und seinen nach einem missglückten Suizidversuch entwickelten Willen, sich den besonderen Hindernissen in seinem Leben zu stellen.

Der echte John Davidson doziert heutzutage mit viel Leidenschaft bei Lehrveranstaltungen über das Tourette-Syndrom und fungiert als persönliche Bezugsperson für Betroffene und ihre Angehörigen, die nicht wissen, wie sie mit all dem umgehen sollen. Der Film verfolgt dasselbe Prinzip: „Verflucht Normal“ klärt auf, berührt und inspiriert zugleich – und das auf enorm unterhaltsame Weise. Die Darsteller*innen spielen großartig und jederzeit glaubhaft, die Inszenierung ist zurückgenommen und sachlich, ohne monoton zu wirken. So vergehen die zwei Stunden wie im Fluge und hinterher würde man sogar gerne noch mehr über das Thema, vor allem aber über diesen John Davidson erfahren.

Fazit: Ihr mögt noch nie vom Helden dieses Biopics gehört haben – und doch (oder gerade deshalb) lohnt es sich, „Verflucht Normal“ eine Chance zu geben. Hier herrscht akute Inspirations-Gefahr!

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