Josephine
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,0
schlecht
Josephine

Kalkulierte Qualen

Von Michael Bendix

Soft & Quiet“ hat Regisseurin Beth de Araújo ihren ersten Langspielfilm von 2022 genannt. Darin erzählt sie von einer Gruppierung neonazistischer Frauen, die in einem Spirituosenladen einen Streit mit zwei asiatisch-amerikanischen Frauen vom Zaun brechen, sie nach Hause verfolgen und quälen – all das konsequent aus Täterinnen-Perspektive, in Echtzeit und ohne einen einzigen Schnitt. Ein solches Kino wird dann gerne als „Schlag in die Magengrube“ bezeichnet. Aber warum? Und für wen? Durch die gimmickhafte Inszenierung, die karikatureske Zeichnung der Rassistinnen und die gleichzeitige Reduktion der Opfer auf eine reine Funktion als Leidensträgerinnen blieb von dem kalkuliert skandalösen Konzept nicht viel mehr übrig als ein sadistisches Planspiel ohne Ziel oder größere Idee.

Auch „Josephine“ – der auf dem Sundance Film Festival mit gleich zwei großen Preisen bedachte zweite Film von Beth de Araújo – beginnt mit einer auffälligen Setzung: In der Eröffnungsszene nimmt die Kamera den Point of View der achtjährigen Titel-Protagonistin (Debütantin Mason Reeves) ein. „Ich habe Angst“, sagt sie aus dem Dunkel der Garage. „Angst bringt nichts“, entgegnet ihr draußen mit dem Fußball auf sie wartender Vater (Channing Tatum). Nach diesem Auftakt weicht die Subjektive zwar wieder einer klassischen Beobachterposition, aber Perspektive und Themen sind etabliert.

Claire (Gemma Chan) und Damien (Channing Tatum) gehen völlig unterschiedlich mit dem Trauma ihrer Tochter Josephine (Mason Reeves) um. Goodfellas
Claire (Gemma Chan) und Damien (Channing Tatum) gehen völlig unterschiedlich mit dem Trauma ihrer Tochter Josephine (Mason Reeves) um.

Wie jeden Sonntagmorgen nimmt Damien seine Tochter mit in den Park zum Sport, doch diesmal wird alles anders. Josephine läuft ihrem Vater im Spiel davon und sieht von ihrem Versteck in einem abgelegenen Gebüsch aus eine Frau, die eine öffentliche Toilette betritt. Ein Mann folgt ihr, wir hören Schreie, er zerrt sie hinaus und vergewaltigt sie. Zwar sehen wir den schrecklichen Übergriff aus dem Blickwinkel von Josephine und damit aus einer gewissen Distanz, doch die oft nervös schlingernde Kamera von Greta Zozula, die bereits für die Bilder von „Soft & Quiet“ verantwortlich war, erspart dem Publikum kaum ein brutales Detail.

Bewältigen oder vorbeugen?

„Josephine“ beschäftigt sich im Folgenden mit dem Danach: Was bewirkt es, wenn der allererste Kontakt zu Sexualität an Gewalt gekoppelt ist? Wie etwas bewältigen, für das man noch nicht einmal Worte haben kann? Ist das Streben nach vollkommener Sicherheit letztlich eine Illusion, analog zu dem fehlenden Anschnallgurt in einem Polizeiwagen, der früh als Sinnbild in Stellung gebrecht wird – und was ergibt sich daraus? Vater Damien und Mutter Claire (Gemma Chan) haben jedenfalls sehr unterschiedliche Antworten auf diese Fragen: Während sie psychologischen Beistand konsultieren will, appelliert er an Josephines physische Verteidigungsfähigkeit im Falle eines Übergriffs. Die Psyche und den Körper, die Traumaverarbeitung und die Prävention zusammendenken, das können weder die überforderten Eltern noch der Film.

Die meisten Dinge in „Josephine“ passieren nur, weil Beth de Araújo das so will. Der anders als „Soft & Quiet“ zumindest vordergründig um einen empathischen Zugang bemühte Film entwickelt sich weniger aus dem Erleben der jungen Protagonistin, als dass er fortwährend künstliche Dilemmata und Zuspitzungen um die im Zentrum stehende seelische Erschütterung baut, um das Leid zu verstärken: Es gibt eigentlich keinen Grund dafür, dass Josephines Eltern keinen Millimeter von ihren nur vermeintlich konträren Haltungen abweichen und ihr Kind durch pausenlose Streitereien zusätzlich belasten, aber so sind ihre Figuren eben geschrieben. Dass sich bereits unmittelbar nach dem Stattfinden der Tat niemand zu einer unterstützenden Geste durchringen kann, muss man schlichtweg glauben.

Extrem manipulativ

Äußerst grobschlächtig ist auch die Art, wie der Film zu der als Finale platzierten Gerichtsanhörung hinführt. Während Josephine anfangs noch die Wahl gelassen wird, ob sie zu einer Aussage bereit ist, muss später ein allzu offensichtlicher Grund konstruiert werden, um sie dazu zu zwingen, das traumatische Erlebnis im Rahmen eines Kreuzverhörs erneut zu durchleben – und dem Täter tatsächlich leibhaftig gegenüberzusitzen, nachdem er ihr zuvor (ein eher schlichtes Bild) als Manifestation ihrer Angst an sicher geglaubten Orten wie ihrem Kinderzimmer erschienen war.

Die Kamera rückt ihr schließlich unaufhörlich auf die Pelle, wenn die Verteidigerin überzeichnet boshaft ihre Wahrnehmung in Zweifel zieht: Selbst wenn Gewalt im Spiel gewesen sei, wer sagt denn, dass es sich bei der beobachteten Tat nicht doch um einvernehmlichen Sex gehandelt habe? „Manche mögen es hart.“ Man kann Beth de Araújo also zumindest nicht vorwerfen, dass sie sich nicht treu geblieben wäre: „Josephine“ ist Feelbad-Kino, das sich bis zum irritierend pathetischen Ende für keine durchschaubare Manipulationstaktik und keinen holzschnittartigen Drehbuchkniff zu schade ist.

Fazit: „Josephine“ erzählt eindimensional und manipulativ von einem kindlichen Trauma – und versäumt es, eine Perspektive zu entwickeln, die über reines Leiden hinausgeht.

Wir haben „Josephine“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo der Film im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.

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