Viel Wind um ein Wunderkind
Von Christoph PetersenErst vor wenigen Tagen habe ich in der Kritik zu einem anderen Berlinale-Wettbewerbsbeitrag, „In A Whisper“, von einem auffallenden Trend berichtet: Es gibt immer mehr (Festival-)Filme, die davon handeln, dass jemand nach Jahren der Abwesenheit in seine Heimat zurückkehrt und dort mit den Geistern der Vergangenheit konfrontiert wird. Das hat sicherlich mit einer zunehmend vernetzten Welt und globaleren Biografien zu tun. Zugleich gibt es aber auch spezielle Fördertöpfe, die sich ausschließlich an internationale oder sogar interkontinentale Koproduktionen richten, für die sich genau diese Stoffe perfekt anbieten.
Oft sind es Hochzeiten, Krankheiten oder Todesfälle samt zu erledigender Erbangelegenheiten, die zur (zunächst unfreiwilligen) Rückkehr führen. Aber genau an dieser Stelle hat sich die kanadische Filmemacherin Geneviève Dulude-De Celles etwas wirklich Originelles einfallen lassen: Kunstexperte Mihail (Galin Stoev), der Protagonist von „Nina Roza“, kehrt nach 28 Jahren aus Montreal in seine Heimatstadt Sofia zurück, weil ihn sein Chef damit beauftragt hat, ein erst achtjähriges Wunderkind zu begutachten. Die mit ihrer alleinerziehenden Mutter in einem kleinen Dorf lebende Nina (Sofia Stanina) hat mit ihren Fingerfarben-Gemälden einen viralen Hit gelandet.
Colonelle films
Die zentrale Frage lautet: Ist Nina wirklich allein für die potenziell wertvollen Kunstwerke verantwortlich? Dann würde Mihails Chef die Werke für seine Galerie in Kanada kaufen – und Nina könnte zur weiteren Ausbildung nach Italien, wo bereits eine römische Kunsthändlerin (Chiara Caselli) bereitsteht, um das hochbegabte Mädchen unter ihre Fittiche zu nehmen. Oder hat ihr doch jemand geholfen? Dann hätte sich die ganze Sache direkt wieder erledigt. Mihail jedenfalls hält es sogar für möglich, dass das gesamte Dorf an einem Scam beteiligt ist. Sein Blick auf die alte Heimat scheint alles andere als positiv zu sein.
Dabei hat sich seit damals offenbar einiges verändert. Der Taxifahrer (Nikolay Mutafchiev) hält ihn am Flughafen sogar für einen Touristen, weil der Ankömmling nicht mal weiß, dass die Bulgaren bereits 2015 Uber aus dem Land geschmissen haben. Es folgen weitere Culture-Clash-Momente, etwa wenn sich die Dorfbewohner über Mihails merkwürdigen Akzent amüsieren, den dieser damit erklärt, dass er inzwischen „auf Französisch denkt“.
Ins geradeheraus Komödiantische gleitet „Nina Roza“ aber schon deshalb nicht ab, weil der eigentlich tolle Hauptdarsteller Galin Stoev („The Infinite Garden“) immer wieder ausgiebig ins Nichts starrt, bevorzugt beim Rauchen. Dabei kann man das ständige angestrengte Nachdenken allerdings nur bedingt nachvollziehen, denn Geneviève Dulude-De Celles hat in ihrem Skript doch alles so zusammengestöpselt, dass das Meiste eh auf der Hand liegt.
„Roza“ aus dem Titel ist nämlich nicht etwa der Nachname von Nina, sondern bezieht sich auf Mihails erwachsene Tochter Rose (Michelle Tzontchev), die damals – zufällig genau im selben Alter von Nina – mit ihm nach Kanada emigriert ist. Dass seine eigene Tochter, inzwischen selbst Mutter, unter einer gewissen Entwurzelung leidet, projiziert Mihail also volle Kanne auf Nina. Es hat durchaus etwas Übergriffiges, dass er sich anmaßt, nur wegen seiner eigenen Familienprobleme nun an ihrer Mutter vorbei über die Zukunft des kleinen Mädchens entscheiden zu wollen.
Aber richtig übelnehmen kann man ihm das nicht, weil einen die Parallelen zwischen Nina und Rose so aggressiv anspringen. Dulude-De Celles ist definitiv eine subtilere Regisseurin als Autorin – und womöglich ist ihr Skript sogar zu sauber gebaut, um wirklich zum Kern der Dinge vorzudringen. „Nina Roza“ ist gerahmt von Szenen, in denen Bretter millimetergenau zugeschnitten und Buchstaben ohne jedes Verschmieren auf Holz gedruckt werden. Man glaubt sofort, hier entsteht etwas Hochwertiges.
Doch dann offenbart sich: Es sind nicht etwa die Kunstwerke, die hier montiert werden, sondern die Transportboxen für ihre Ausfuhr. Ist also auch „Nina Roza“ womöglich nur eine perfekt konstruierte Verpackung, oder steckt dann doch auch echte Kunst darin? Das ist am Ende vermutlich noch entscheidender als die Frage, ob das Mädchen nun alles allein gemalt hat oder nicht.
Fazit: Absolut solides Rückkehr-in-die-Heimat-Drama, das im weiteren Verlauf aber längst nicht so originell ist, wie es die ins Auge springende Prämisse um ein achtjähriges Wunderkind vermuten ließe.
Wir haben „Nina Roza“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.