Über den Dächern von Darmstadt
Von Gaby SikorskiIm Jahr 2017 erhielt der Nachwuchsregisseur Anatol Schuster das begehrte Wim-Wenders-Stipendium zur Entwicklung seines Spielfilmprojektes „Stille“. Aber als ersten Kinofilm realisierte Anatol Schuster zunächst und ohne irgendwelche Fördermittel die makabre Komödie „Frau Stern“: die Geschichte einer deutsch-jüdischen Rentnerin, die sich eigentlich umbringen möchte, aber solange an den verschiedenen Selbstmordmethoden scheitert, bis sie dann doch lieber am Leben bleibt.
FILMSTARTS vergab 3,5 Sterne und das Prädikat „ein faszinierendes Indie-Projekt“. Jetzt, eine ganze Reihe von Jahren später (die bundesdeutschen Fördermühlen malen bekanntlich langsam), kommt das damals angeschobene Projekt nun doch noch ins Kino. Allerdings hat sich zur „Stille“ inzwischen auch das „Chaos“ hinzugesellt, und das ist durchaus passend: „Chaos und Stille“ ist als Tragikomödie zwar deutlich artifizieller als „Frau Stern“, aber in der zwischendurch immer wieder überwältigenden Fülle angesprochener Themen zugleich auch sehr ähnlich.
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Die Pianistin Helene (Maria Spanring) und der Komponist Jean (Anton von Lucke) leben zwar für die Musik, können aber von der Musik nicht leben. Das Künstlerpaar erwarte zudem sein erstes Kind, da ist es eine große Entlastung, dass ihnen ihre Vermieterin Klara (Sabine Timoteo), die im selben Haus wohnt, die Miete erlässt. Doch Klara verhält sich zunehmend merkwürdig: Sie verschenkt ihre Möbel, kündigt ihren Job und lebt fortan auf dem Dach des Hauses.
Jean und Helene sind unsicher: Sollen sie Klara ihre Hilfe anbieten? Offenbar scheint sie sich ganz wohl zu fühlen in der Einsamkeit und Stille dort oben. Doch Klaras Entscheidung, allen materiellen Werten zu entsagen, bleibt nicht unbemerkt. Sie wird zur Galionsfigur einer neuen Bewegung. Jean und Helene beobachten mit Sorge, dass Klaras Wohnung zum Treffpunkt von Menschen auf Sinnsuche wird, während sie selbst sich immer mehr zurückzieht…
Anatol Schuster verzichtet auf Erklärungen und verlässt sich weitgehend auf die Fähigkeit des Publikums, seinen Film zu interpretieren. Warum Klara sich entscheidet, aufs Dach zu ziehen, bleibt wie so vieles unklar. Sie hat Geld und offenbar einen gut bezahlten Job. Warum gibt sie all das auf? Trotzdem ist „Chaos und Stille“ keines dieser extremen Philosophie-Experimente, für die man eine Gebrauchsanweisung braucht, um sie zu verstehen. Vielmehr liegt der Reiz des Films in seinen unterschiedlichen Deutungsmöglichkeiten, für die Anatol Schuster kleine Hinweise als Puzzleteile liefert, die insgesamt aber (vermutlich bewusst) kein komplett harmonisches Ganzes ergeben.
Sicherlich geht es um Kapitalismuskritik, aber hinter Klaras Verhalten steht auch der Wunsch nach absoluter Freiheit – und Anatol Schuster zeigt mit leiser Ironie, dass Freiheit nur möglich ist, wenn man sie sich leisten kann. Das arme Künstlerpaar hat zwar seinen Idealismus und seine Musik, aber sonst ziemlich wenig. Was nützt ihnen der Idealismus? „Das einzige, was uns überlebt, ist die Musik“, sagt Jean. Doch auf die Frage eines Kindes: „Wer spielt die Musik, wenn keine Menschen mehr da sind?“, weiß er trotzdem keine Antwort. Das hat etwas von „Des Kaisers neue Kleider“: Das unschuldige Kind spricht die Wahrheit aus.
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„Chaos und Stille“ ist fraglos eine ziemlich tiefgründige, intellektuelle und philosophische Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens, aber auch ein musikalischer Film. Anatol Schuster arbeitet mit Klängen und Tönen, die manchmal quälend sind und manchmal tröstlich. Ist es Klara, die diese Töne erschafft, mit denen die Menschen aus dem Gleichgewicht geraten? Dann wäre sie eine Art Gottheit – und einiges spricht dafür, dass der Regisseur zumindest mit dem Gedanken daran gespielt hat.
Die exquisite Kameraarbeit von Julian Krubasik („Wir sind dann wohl die Angehörigen“) zeigt Klara mal als zeitlose Schönheit im Lotossitz, umweht von den weißen, flatternden Vorhängen ihrer Wohnung. Dann wieder als in Embryonalhaltung zusammengerollte Schlafende im Trenchcoat auf dem Dach oder als Spaziergängerin auf der Mitte der Fahrbahn, den Blick lächelnd in die Kamera gerichtet. Das hat etwas sehr eindeutig Göttliches. Aber was bringt sie den Menschen? Und warum? Kann sie die ersehnte Ruhe und Stille in eine zu laute und zu schnelle Welt bringen?
Fragen über Fragen, und Anatol Schuster denkt gar nicht daran, eindeutige Antworten zu liefern, sondern er serviert mit leichter Hand immer mehr Puzzleteile. Hier und da ist sicherlich auch ein Augenzwinkern dabei, denn der Film hat durchaus einen gewissen Humor. Das gilt für die Gesamtkomposition, eine Art reflektierende Ich-Erzählung von Jean in Form einer langen Rückblende, aber auch für den Ort der Handlung, denn sein Film spielt in Darmstadt, ausgerechnet Darmstadt! Hier wurde Anatol Schuster geboren, und vielleicht kennt er hier die Dächer am besten. In dieser Stadt tritt das Elend der Gegenwart offen zutage – immer wieder zeigt er dokumentarisch anmutende Bilder von Obdachlosen, einer von ihnen, der Mann mit dem Aluhut, taucht häufiger auf. Aber es gibt auch viele Bilder von Kindern, als hoffnungsvoller Blick in die Zukunft, wofür auch Hanna, die kleine Tochter des Künstlerpärchens, steht.
Sabine Timoteo, von Christian Petzold einst im passend betitelten „Gespenster“ besetzt, ist dabei die perfekte Darstellerin der Klara: eine zarte Frau mit einer geheimnisvollen Ausstrahlung und einer sehr ruhigen Körpersprache. Sie wirkt ganz bei sich, da ist nichts Überkandideltes. Das musikalische Liebespaar Helene und Jean spielen Maria Spanring, eine Newcomerin aus Österreich, und Anton von Lucke. Maria Spanring spielt mit einer wachsenden senkrechten Stirnfalte eine Künstlerin, die als Mutter pragmatisch wird, während Anton von Lucke mit seiner jungenhaften Ausstrahlung den ewigen Idealisten darstellt – ein großes Kind, neugierig und immer auf Entdeckungsreise. Doch auch er muss sich damit beschäftigen, dass die Welt um ihn herum aus dem Ruder läuft. Es droht das Chaos. Und was wird dann aus der Musik? Aus seiner Musik?
Fazit: Anatol Schusters Film ist eine Art Gehirnjogging, ein Gedankenspaziergang in klaren, schönen Bildern, die manchmal so wirken, als wollten sie in die Menschen hineinkriechen. Das kann sehr unterhaltsam sein, dürfte aber auch polarisieren. Wer sich darauf einlassen kann und möchte, wird jedenfalls viel Spaß – und hoffentlich auch etwas zum Nachdenken – haben.