Der Regenmeister
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Der Regenmeister

Ein Muss für alle "Ein Mann namens Ove"-Fans!

Von Björn Schneider

Zehn Jahre ist es inzwischen her, dass der schwedische Regisseur Hannes Holm mit dem grantigen, verbitterten Rentner Ove eine moderne Kultfigur des Komödienkinos geschaffen hat. Der Protagonist der ebenso herzerwärmenden wie melancholischen Dramödie „Ein Mann namens Ove“ hatte die Sympathien von Kritik und Publikum schnell auf seiner Seite. Und das trotz – oder gerade wegen? – seines schroffen Wesens. Im US-Remake wurde die Figur dann sogar von Superstar Tom Hanks verkörpert. Ob die Hauptfigur in Holms neuestem Werk einen vergleichbaren Kultstatus wie Ove Lindahl erlangen kann, wird sich zeigen.

Sicher aber ist schon jetzt: Ove und der mürrische, in sich gekehrte Außenseiter aus „Der Regenmeister“ hätten sich wunderbar verstanden. Beide sind eigenbrötlerische Einzelgänger, die bei ihren Mitmenschen gehörig anecken – ganz zur Freude der Kinozuschauer. Holms elfter Spielfilm trifft ziemlich exakt den Tonfall von populären schwedischen Tragikomödien wie „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ oder „Britt-Marie war hier“. „Der Regenmeister“ vermengt darüber hinaus ernste Themen und tiefgreifende, universelle Fragen mit feinem, leichtem Humor. Als Sahnehäubchen spendiert uns der Filmemacher eine Story mit surrealistisch-fantastischem Einschlag, der für einen Hauch von Leinwandmagie sorgt.

Nach „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ macht der schwedische Komiker Robert Gustafsson auch „Der Regenmeister“ zum Ereignis! Leonine
Nach „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ macht der schwedische Komiker Robert Gustafsson auch „Der Regenmeister“ zum Ereignis!

Ingmar Karlsson (Robert Gustafsson) lebt in einer beschaulichen Gemeinde in Südschweden. Seit dem Tod seiner Frau hat sich der starrköpfige Rentner allerdings zurückgezogen. Das Verhältnis zu seiner Tochter Erika (Emelia Sallhag) ist abgekühlt. Trost und Ablenkung spenden ihm einzig die Rosen seiner Frau – und sein Nachbar Rolf (Jonas Karlsson), der Ingmar mit seiner penetranten Art auf Trab hält. Während der heißeste Sommer aller Zeiten Schweden beherrscht, wartet die ganze Region vergeblich auf den erlösenden Regen. Aber es gibt nur einen, der es regnen lassen kann: Ingmar! Er selbst weiß nicht, wie er es tut, aber er verfügt über diese besondere Fähigkeit. Könnte er mit seinem Regen-Talent nicht womöglich die ganze Welt zu einem besseren Ort machen?

Im Schwitzkasten der Klimakrise

Der schwedische Komiker Robert Gustafsson, der international durch „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ bekannt wurde, ist eine absolute Idealbesetzung. Dem Schauspieler gelingt durch seine nuancierte Performance ein echtes Kunststück. Er spielt einen sonderbaren, wortkargen und in der Vergangenheit verhafteten Einsiedler, der sich alte VHS-Aufnahmen ansieht und es mit seinen Stimmungsschwankungen allen voran seiner Tochter Erika alles andere als einfach macht. Dennoch schließt man den „Regenmeister“ sofort ins Herz. Wie Gustafsson das gelingt? Durch subtilen Witz, leise Ironie und ein ausgesprochen differenziertes Mienenspiel. Der 62-Jährige vermittelt mit einem einzigen nachdenklichen Blick oder dem Zusammenziehen seiner Augenbrauen eine Fülle an Empfindungen.

Die emotionale Wirkung entsteht hier also nicht durch die ausladende Geste, sondern durch die Intensität und Präzision der reduziert eingesetzten nonverbalen Kommunikation des Hauptdarstellers. Das ist allergrößte Schauspielkunst! Außerdem steht der übrige Cast Gustafsson in nichts nach. Das Zusammenspiel des wunderbar aufgelegten Ensembles harmoniert von Minute eins an bestens. Nachhaltig in Erinnerung bleiben vor allem der ausdrucksstarke Co-Drehbuchautor Jonas Karlsson als nerviger (aber herzensguter) Nachbar sowie Simon Gregor Carlsson als Erikas Partner Daniel. Er ist in der erkalteten Vater-Tochter-Beziehung das Bindeglied – und profiliert sich als belebendes Element mit einem Hang zum Pragmatismus, dessen zupackende, rationale Art wunderbar zu Erikas Vernunft und uneigennützigem Wesen passt.

Let it rain! Mit Superkraft gegen das Extremwetter

Ganz in der Tradition des magischen Realismus verwebt Holm den – recht unspektakulären – Alltag seines Protagonisten mit dessen unerwarteter Superkraft, es nach Lust und Laune regnen zu lassen. Diese mysteriösen, übernatürlichen Begebenheiten passieren wie selbstverständlich und ohne große Erklärungen. Die anderen Dorfbewohner*innen reagieren darauf ebenso ungläubig wie fasziniert. „Ist es wahr, dass Sie es regnen lassen können?“, fragt einer der Bewohner. Ingmars Reaktion darauf spricht Bände und passt sehr gut zur geheimnisvollen Aura und Rätselhaftigkeit des Films, der bewusst vieles im Unklaren und der Fantasie des Zuschauers überlässt.

Durch den Fantasy-Touch unterscheidet sich „Der Regenmeister“ von den meisten anderen bittersüßen Tragikomödien und Feel-Good-Movies aus Skandinavien. Und: Holm nutzt dieses Handlungselement nicht als reines Mittel zum Zweck. Ingmars plötzliche Befähigung zum „Rain Man“ ist der Dramaturgie dienlich und steht symbolisch für seine inneren Befindlichkeiten. Denn ebenso wenig erklärbar wie Ingmars neu entdeckte Gabe erscheinen bisweilen auch die Gefühlslagen und mentalen Zustände, die er durchlebt.

„Der Regenmeister“ zelebriert einen magischen Realismus – und kreiert so immer wieder ganz zauberhafte Wohlfühlmomente. Leonine
„Der Regenmeister“ zelebriert einen magischen Realismus – und kreiert so immer wieder ganz zauberhafte Wohlfühlmomente.

Die thematische Bandbreite, die Holm auffährt, ist beachtlich und verdeutlicht, dass „Der Regenmeister“ weit mehr ist als „nur“ eine kurzweilige Dramedy. Es geht um Einsamkeit im Alter, Trauerbewältigung, eine komplizierte Vater-Tochter-Beziehung, die Chance auf einen Neuanfang, Gemeinschaft und Zusammenhalt. Auf dieses „Wir-Gefühl“ und ein starkes Miteinander setzen die Einwohner*innen, um der Klimakrise und der damit einhergehenden Wasserknappheit gemeinsam zu begegnen.

Das Extremwetter zeigt sich in Form einer unerbittlichen Dürreperiode und unmenschlichen Gluthitze, die den Menschen die Schweißperlen schon beim bloßen Nichtstun auf die Stirn treiben. Durch seine grelle Bildsprache und die in gleißendes Licht getauchte Szenerie macht Holm die Schwüle und quälende Wärme für sein Publikum fast körperlich spürbar. Wir sehen klitschnasse Menschen, ausgetrocknete Felder, Hitzeflimmern, klebrigen Asphalt. Kommt einem bekannt vor? Genau, und deshalb könnte der Film allein inhaltlich nicht besser zum Jahrhundert-Sommer 2026 passen.

Fazit: Raffiniert und leichtfüßig erzählter Charme-Trip für Freunde melancholischer Komödien und poetischer Filmkunst. Regisseur Hannes Holm gelingt mit „Der Regenmeister“ ein kleines Filmjuwel von beachtlicher dramaturgischer Originalität über einen starrsinnigen älteren Herrn, der das Wetter beeinflussen kann. Der Film übertrifft qualitativ Holms zweifach Oscar-nominierten schwedischen Kassenhit „Ein Mann namens Ove“ sogar noch – und erweist sich so als behutsam inszenierter, toll getimter Arthouse-Tipp.

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