Die andere Seite
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Die andere Seite

Virus Vs. Mensch(lichkeit)

Von Lutz Granert

Die Corona-Pandemie der Jahre 2020 und 2021 sorgte in fast allen Nationen der Welt für eine (noch tiefere) Spaltung der Gesellschaft. Über Abstands- und Hygieneregeln, Impfungen und ihre Nebenwirkungen sowie die Maskentragepflicht zerstritten sich nicht nur Virolog*innen und Politiker*innen, sondern mitunter sogar ganze Familien. Diese unsichere und beängstigende Zeit ist auch an der Filmemacherin Mariku Minoguchi („Mein Ende. Dein Anfang.“) nicht spurlos vorbeigegangen. Die gebürtige Münchnerin war natürlich zunächst frustriert darüber, dass ein geplantes Filmprojekt kurz vor Drehstart auf unbestimmte Zeit verschoben wurde …

… nutzte die plötzlich freigewordene Zeit dann jedoch für das Schreiben eines Drehbuchs, das sich mit den menschlichen wie gesellschaftlichen Folgen einer (fiktiven) Pandemie auseinandersetzt. Herausgekommen ist dabei mit „Die andere Seite“ eine gerade aufgrund ihrer Reduziertheit wahnsinnig beklemmende Dystopie vor ebenso schroffer wie archaischer herbstlicher Alpenkulisse, in der Nina Hoss („Zikaden“) als ebenso toughe wie unterkühlte Protagonistin einmal mehr ihre ganze schauspielerische Klasse ausspielen kann.

Nina Hoss liefert auch in „Die andere Seite“ in gewohnter Manier wieder voll ab! X-Verleih
Nina Hoss liefert auch in „Die andere Seite“ in gewohnter Manier wieder voll ab!

Nach dem Ausbruch einer hochansteckenden und oft tödlich verlaufenden Epidemie haben alle europäischen Staaten ihre Binnengrenzen geschlossen – und versinken trotzdem zunehmend im Chaos. Die Infizierten werden in Lager interniert, in denen ihre Chance zu sterben durch den Kontakt mit weiteren Virusmutationen aber nur noch weiter steigt.

Auch die Ärztin Hanna (Nina Hoss) hat sich angesteckt, überlebt aber – und führt fortan in den Alpen ein Leben im Verborgenen. In einem Camp mit anderen Infizierten, die Sicherheitsabstände strengstens einhalten, trifft sie auf die hochschwangere Lila (Precious Mariam Sanusi), die ehemalige Kindergärtnerin ihres Sohnes. Gemeinsam wollen sie sich über die Alpen nach Italien durchschlagen …

Survival zwischen den Alpengipfeln

Ursprünglich habe sie einen Frau-vs.-Wildnis-Film im Kopf gehabt, verriet Mariku Minoguchi im Interview – wie „Into The Wild“ (2007), nur mit weiblicher Protagonistin. Diese Ausgangsidee ist „Die andere Seite“ durchaus anzumerken: Gut zwei Drittel des Films folgen wir einer einzigen Frau bei ihrem Überlebenskampf in der Einsamkeit der kargen Natur; beim Jagen, Pinkeln, Kochen. An Alpenromantik ist trotz der Panoramen nicht zu denken, wenn sich die in einer Berghütte isolierte Hanna zum Licht brennender Holzscheite abends als karge Mahlzeit trockene Kartoffeln herunterwürgt – oder einen auf ihrer Flucht vor den Sicherheitskräften eingefangenen Splitter im Schienbein selbst verarztet.

Nina Hoss zeigt dabei unter dezentem Schürfwunden-Make-up Mut zur Unsympathie: Auch wenn sie in ihrer Karriere immer wieder spröde und abweisende Charaktere verkörperte, agierte sie selten so pragmatisch und glanzlos wie hier in einer nur noch vom Panzertape zusammengehaltenen Winterjacke. Gerade bei Hannas seltenen menschlichen Begegnungen spart Minoguchi nicht mit bitterbösem Humor: Ein verunfallter und gelähmter Skifahrer kann sich etwa nicht so recht entscheiden, ob er Hilfe von der Infizierten annehmen oder doch lieber den sicheren Erfrierungstod sterben will.

Die ehemalige Kindergärtnerin Lila (Precious Mariam Sanusi) hat es sogar noch schwerer – sie muss die Strapazen schließlich hochschwanger überstehen. X-Verleih
Die ehemalige Kindergärtnerin Lila (Precious Mariam Sanusi) hat es sogar noch schwerer – sie muss die Strapazen schließlich hochschwanger überstehen.

Später trifft Hanna auf einem verfallenen Hof eine alte Bäuerin (Barbara Petritsch), die lapidar entgegnet, dass sie „mehr Angst vor jeder Treppe“ als der Seuche habe – und zum gemeinsamen Abendessen einlädt, bei dem sich zaghaft das tragische Schicksal beider Frauen offenbart. Diese Begegnung sorgt mit ihrer menschlichen Wärme – die erste Umarmung für Hanna seit Monaten! – für Rührung in dem sonst so reduzierten Szenario mit seinen unterkühlten Bildern, in dem auch die Musikuntermalung auf das Nötigste beschränkt bleibt. Das gilt auch für die Hintergründe der Pandemie: Die Ursachen der Seuche bleiben die kurzen Radio-Ansagen ebenso schuldig wie die genauen Übertragungswege.

Aufwändig inszenierte Actionszenen oder derbe Gore-Einlagen sind – Survival-Film hin oder her – trotz des Genres nicht drin. Minoguchi will sich dann eben doch nicht zu sehr festlegen: Ihre nur punktuell mit imposanten Bergpanoramen, dafür aber mit reichlich Wasserfällen angereicherte Dystopie kann so auch als Kommentar zur Flüchtlingskrise 2015/16 verstanden werden. Dysfunktionale Sozialstrukturen, Ächtung von Bevölkerungsgruppen und menschliche Entfremdung lassen sich auch darauf anwenden. Umso mehr lebt „Die andere Seite“ von seiner dichten Atmosphäre und dem subtilen Grauen, wenn auf einem von Hannas Beutezügen ein kaputtes Trampolin im Garten sowie Maden im Vorratsschrank eines Einfamilienhauses davon zeugen, dass auch hier einmal mehr nur der Tod lauert ...

Fazit: Eine beklemmend realistische Dystopie vor archaischer Alpenkulisse! Auch wenn im Plot von „Die andere Seite“ Leerstellen bleiben, packt der Überlebenskampf der Protagonistin vor allem dank einer einmal mehr saustarken Nina Hoss.

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