Fanni – Oder: Wie rettet man ein Wirtshaus?
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Fanni – Oder: Wie rettet man ein Wirtshaus?

Ein ganzer Ort steht hinterm Tresen

Von Björn Schneider

Das bayerische Tourismuszentrum ließ 2024 eine Umfrage zur Wahrnehmung des bayerischen Wirtshauses in der bundesdeutschen Gesamtbevölkerung (also nicht nur in Bayern) durchführen. Das Ergebnis: Mehr als 70 Prozent der Befragten nehmen die Dorf-Gaststätten als sozialen und gesellschaftlichen Treffpunkt für Begegnung und Austausch wahr. Ein Ort also, der das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkt. Doch was, wenn diese Treffpunkte zunehmend verschwinden? Hubert Neufeld stellt also bereits im Titel seines Dokumentarfilms eine Frage, die vor allem für viele bayerische Dörfer und Gemeinden von zentraler Bedeutung ist: „Fanni – Oder: Wie rettet man ein Wirtshaus?

Schließlich sinkt gerade in Bayern die Zahl der Dorfwirtschaften immer weiter. Das beschauliche Pischelsdorf (knapp 480 Einwohner) im oberbayerischen Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm hat schon seit langem kein eigenes Gasthaus mehr. Doch die Dorfgemeinschaft wollte sich irgendwann nicht mehr damit abfinden. Im Rahmen eines groß angelegten, mehrjährigen Gemeinschaftsprojekts renovierten und sanierten sie die alte Dorfwirtschaft Fanni, die zuvor 40 Jahre lang leer stand. Neufeld, selbst gebürtiger Pischelsdorfer, war mit seiner Kamera dabei und begleitete die von Juni 2021 bis Juli 2023 andauernden Arbeiten in allen Phasen.

"Ohne Wirtshaus a stückerl ärmer"

„Wenn es keinen solchen Treffpunkt mehr gibt, ist das Dorf a stückerl ärmer“, sagt Norbert, einer der Initiatoren des Umbauprojekts. „Hier habe ich in meiner Jugend mein erstes Bier getrunken. Das vergisst man nicht“, fügt er grinsend hinzu. Im Laufe des Films lernen wir Norbert und seine Mitstreiter Thomas, Konrad und Klaus besser kennen, wenn sie in ausführlichen Gesprächen über die Herausforderungen bei der Instandsetzung und ihre Motivation sprechen, die „alte Fanni“ herzurichten und in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Denn eines wird schnell klar: Es galt, Altes und Neues zusammenzubringen. Die Pischelsdorfer wollten die Gastwirtschaft, die in einem 150 Jahre alten Gebäude untergebracht ist, unter neuen, modernen Bedingungen wiedereröffnen. Der Geist des alten Wirtshauses, immerhin das älteste Haus in der Dorfmitte, aber sollte erhalten bleiben. Dieses Versprechen rang Franziska „Fanni“ Riedmaier, die das Gasthaus viele Jahre betrieben hatte, den Erben auf dem Sterbebett ab.

Überhaupt scheint der Geist dieser Fanni immer wieder über dieser mit Akribie und viel Liebe zum Detail umgesetzten Doku zu schweben. Neufeld hat alte (Schwarz-Weiß-)Fotos von ihr ausgegraben, außerdem präsentiert er historische Aufnahmen des Wirtshauses und von Pischelsdorf. Gekonnt ergänzt er diese visuelle Zeitreise mit Szenen des gegenwärtigen Landlebens. Unberührte Natur, Tiere, Wiesen und Flusstäler. Drohnenaufnahmen der malerischen Umgebung rund um Pischelsdorf und der Landschaft an der Ilm vermitteln das Bild einer anderen Welt. Eine Art friedliches, in sich geschlossenes Paralleluniversum auf dem Land, weit weg vom Trubel der hektischen Großstadt.

So ein Tresen gehört zu einem zünftigen Dorfleben einfach dazu! Drop-Out Cinema
So ein Tresen gehört zu einem zünftigen Dorfleben einfach dazu!

Doch auch an Pischelsdorf zieht der Wandel der Zeit nicht spurlos vorüber. Diesen „Zeitenwandel“ und die Probleme, die sich für einen kleinen ländlichen Ort wie Pischelsdorf ergeben, erläutern klug ausgewählte Intervierpartner*innen und Expert*innen. Sie erklären die Gründe für den zunehmenden Verlust der Gasthäuser. Dabei betrachten sie das Thema „Wirtshaussterben“ vor dem Hintergrund der strukturellen Veränderungen sowie allgemeinen Transformation der Dörfer und des ländlichen Raums – und rücken es auf diese Weise in einen größeren, umfassenderen Zusammenhang.

Denn bekanntlich geht in vielen Gemeinden seit Jahren nicht nur die Zahl der Wirtshäuser radikal zurück. „Bayern hat in den letzten 20 Jahren die Hälfte seiner selbstständigen Metzger und Bäcker verloren“, so Richard Loibl, Direktor des Hauses der bayerischen Geschichte in Augsburg. Die Konkurrenz durch Supermärkte und Discounter, der gestiegene Kostendruck und die bleierne, lähmende Bürokratie sind dafür verantwortlich. Jenes „Bürokratiemonster“ sieht Loibl, neben der Konkurrenz durch die Heime der örtlichen Sportvereine, nicht zuletzt als Hauptursache für den „Tod des Wirtshauses“: „Man will eigentlich Koch oder Gastwirt sein und seiner Leidenschaft nachgehen. Und nicht nach der Arbeit noch drei Stunden lang im Büro sitzen.“

Eine Kulturgeschichte des Wirtshauses

Wichtig für das Publikum zu verstehen ist, wieso dem Wirtshaus gerade in Bayern eine solch zentrale Bedeutung zukommt. Vor allem für jene Kinobesucher*innen, die eben nicht aus Bayern stammen und diese Tradition nicht aus erster Hand kennen. Heimatforscher*innen und Regionalhistoriker*innen geben Antwort darauf und ordnen das Thema kulturgeschichtlich ein. Darunter einer, der es wissen muss: Hans Schneider, Heimatkundler und selbst Wirt. Er bezeichnet das Wirtshaus als „Wohnzimmer der Gemeinde“. Schon immer, also mit Beginn der Wirtshaus-Geschichte im 16. Jahrhundert, sei es ein allgemeiner Versammlungsort und Spiegelbild des Dorflebens gewesen. Alles, was in der Gemeinde stattfand, habe sich dort, in der „guten Stubb“, abgespielt.

Stimmig verbindet Neufeld die Interviewpassagen mit Impressionen und Aufnahmen aus dem Dorfalltag, zum Beispiel beim Aufstellen des Maibaums. In diesen, teils sehr persönlichen und intimen Momenten, die die Emotionen der Bewohner*innen ganz ungefiltert einfangen, kommt man den Pischelsdorfern nochmals näher. Dabei verzichtet der Regisseur auf Sentimentalitäten und umschifft souverän die Gefahren eines sich bei dieser Thematik fast aufdrängenden Kitschfaktors. Nur in den Szenen, die das Treiben während des Maifests einfangen und nochmals ganz am Schluss, bedient er sich etwas zu oft pathetischer Zeitlupenaufnahmen lachender, freudestrahlender Gesichter. Untermalt von nostalgisch gefärbter, heimeliger Blasmusik.

Schleifen, bohren, hämmern

Viel Screentime gesteht Neufeld den Aufnahmen vom Umbau zu, die von Lebendigkeit und Aktivität geprägt sind – und die zeigen, was in Gemeinschaftsarbeit geleistet werden kann. Thomas, Konrad, Klaus und Norbert sowie weitere fleißige Helfer*innen (50 an der Zahl) streichen, verputzen, schleifen, grundieren, bohren und hämmern. Vom Innenausbau über die Arbeiten an der Fassade bis hin zur Sanierung des Dachstuhls der an das Wirtshaus angrenzenden Scheune:

„Fanni – Oder: wie rettet man ein Wirtshaus?“ dokumentiert, wie viel Aufwand und Mühen hinter solch einem Unterfangen stehen. Und die Doku verheimlicht auch nicht, welche Ärgernisse und Schwierigkeiten das Gesamtprojekt zwischenzeitlich gefährdeten. Darunter ein der Energiekrise geschuldeter Lieferengpass bei Fenstern und Dachziegeln, der zu erheblichen Verzögerungen auf der Pischelsdorfer „Wirtshaus-Baustelle“ führte.

An der Fanni wird gebohrt, geschliffen und einfach generell überall mit angepackt! Drop-Out Cinema
An der Fanni wird gebohrt, geschliffen und einfach generell überall mit angepackt!

Abwechslung entsteht durch den Wechsel der Schauplätze und „Handlungsorte“, etwa wenn Neufeld den Tischler aus dem Nachbardorf besucht. Dieser wurde mit der Restaurierung des Original-Mobiliars der Fanni betraut, um noch mehr vom ursprünglichen und rustikalen Charakter der früheren Wirtschaft zu bewahren. Apropos rustikal: Die von ironischer Leichtigkeit und augenzwinkerndem Witz geprägten, trockenen Kommentare der vier Initiatoren sorgen zwischendurch für Heiterkeit und Schmunzeln. Auch – oder besser: gerade – dann, wenn es mal nicht so rund läuft.

Fazit: Ein oberbayerisches Dorf sucht einen kulturellen und sozialen Mittelpunkt – und findet es im alten Wirtshaus, das seit den 1980er Jahren verwaist ist. Die gleichsam von Melancholie und Aufbruchsstimmung durchzogene Doku „Fanni – Oder: wie rettet man ein Wirtshaus?“ begleitet eine engagierte Dorfgemeinschaft bei den Umbau- und Renovierungsarbeiten. Und sie zeigt, was durch Willenskraft, Zusammenhalt und Durchhaltevermögen alles entstehen kann.

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