Thrash
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Thrash

Weder Fisch noch Fleisch

Von Lutz Granert

Seit 2022 besteht zwischen Sony und Netflix ein für beide Seiten potenziell gewinnbringender Deal: Der Streaming-Gigant legt einen Milliardenbetrag auf den Tisch, um die Kinoproduktionen des japanischstämmigen Konzerns nach der Leinwand-Auswertung zuerst ins Streaming-Abo-Programm nehmen zu dürfen. So landeten etwa „Caught Stealing“, „Karate Kid: Legends“ oder „Anaconda“ oft schon wenige Monate nach Kinostart im Netflix-Angebot. Und für den Fall, dass Sony bei einem ursprünglich für die große Leinwand geplanten Projekt mal kalte Füße bekommt, dann ist direkt ein dankbarer und gut zahlender Abnehmer da, der den Film stattdessen direkt als Streaming-Original veröffentlicht. So ist auch schon das Animations-Phänomen „KPop Demon Hunters“ mit seinen sagenhaften 300 Millionen Abrufen in den ersten drei Monaten bei Netflix gelandet.

Auch mit Tommy Wirkolas Survival-Thriller rund um Bullenhaie während eines Hurrikans konnten die Verantwortlichen bei Sony offenbar nicht wirklich viel anfangen. Das zeigte sich zunächst an den mehrfachen Titeländerungen nach der ersten Ankündigung im Mai 2024: Das Projekt sollte zunächst noch recht generisch „The Rising“ heißen, bevor es als „Beneath The Storm“ in Produktion ging und zwischenzeitlich kryptisch zu „Shiver“ umgetauft wurde. Jetzt ist der Film unter dem finalen Titel „Thrash“ (= „jmd. so richtig verprügeln“) direkt bei Netflix erschienen. „Ich nenne ihn jetzt [...] einfach nur noch ‚der Hai-Film‘, weil er schon so viele Titel hatte“, verriet die aus der Erfolgsserie „Bridgerton“ bekannte Hauptdarstellerin Phoebe Dynevor in einem Interview. Doch die Selbstironie hilft nichts: „Thrash“ wirkt mit seiner oft unfreiwilligen Komik sowie gerade gegen Ende mediokren Effekten enttäuschend halbgar.

Lisa (Phoebe Dynevor) ist nicht nur in ihrem versinkenden, von Haien umgebenen Auto eingeschlossen – sie steht auch kurz davor, ihr Baby zur Welt zu bringen. Netflix
Lisa (Phoebe Dynevor) ist nicht nur in ihrem versinkenden, von Haien umgebenen Auto eingeschlossen – sie steht auch kurz davor, ihr Baby zur Welt zu bringen.

Sorgenvoll beobachten der Meeresforscher Dr. Dale Edwards (Djimon Hounsou) und seine Kolleg*innen, wie der monströse Hurricane Henry auf das kleine US-Küstenstädtchen Annieville zurast. Nachdem die ersten Flutwellen die Dämme durchbrochen haben, kämpfen die hochschwangere und in ihrem Auto eingeschlossene Lisa (Phoebe Dynevor) sowie Edwards’ an Platzangst leidende Nichte Dakota (Whitney Peak) ums blanke Überleben. Denn in den für sich schon lebensbedrohlichen Wassermassen suchen zu allem Überfluss auch noch hungrige Bullenhaie nach menschlichen Snacks. Der zunächst noch circa 160 Kilometer entfernte Dale setzt alles daran, Dakota doch noch rechtzeitig zu Hilfe zu eilen …

Spannung kommt jedenfalls kaum auf

Das klingt erst einmal nach einer recht funktionalen Story, die zumindest für einige spannende Momente gut sein sollte – oder etwa nicht? Tatsächlich verschenkt das auch selbst für das Drehbuch verantwortlich zeichnende „Dead Snow“-Mastermind Tommy Wirkola sämtliches Suspense-Potenzial. Wenn Dakota sich etwa ein Herz fasst und von dem Fenster ihres Hauses über eine in den Fluten treibende Wellblechhütte bis zu Lisas von einem Ast durchbohrtem Auto balanciert, hätten suggestive Szenen mit etwas mehr Flossen-Action und dazu dramatische Musikunterlegung à la „Der weiße Hai“ sicherlich Wunder bewirkt. Diese fehlen hier jedoch ebenso wie der (sicher nicht minder beschwerliche) Rückweg vom fahrbaren Untersatz ins Haus – eine verschenkte Chance, die einen nicht mitfiebern lässt, sondern allenfalls für Schulterzucken sorgt.

Dasselbe gilt für einen idiotischen Jumpscare in einer versandenden Parallelhandlung, wenn drei Waisenkinder den Tod ihres lieblosen Redneck-Pflegevaters feiern, bevor dieser hinter ihnen aus den zum Teil recht matschig animierten Wassermassen auftaucht – obwohl er vorher noch an ganz anderer Stelle (draußen im Schuppen) von den Raubfischen angeknabbert wurde.

Eigentlich eine coole Idee, wenn in einem Katastrophenfilm die Haiflossen vor dem Fenster vorbeischwimmen. Leider macht „Thrash“ da aber erstschreckend wenig draus. Netflix
Eigentlich eine coole Idee, wenn in einem Katastrophenfilm die Haiflossen vor dem Fenster vorbeischwimmen. Leider macht „Thrash“ da aber erstschreckend wenig draus.

Auch wenn das Katastrophen-Setting und die düstere Atmosphäre im Ansatz stimmen, plätschert das nur sporadisch mit Haiflossen angereicherte Jahrhundertsturm-Szenario eher gemächlich und auch weitestgehend überraschungsarm vor sich hin. Erst in der Schlussviertelstunde wird der bis dahin in allzu langgezogenen Dialogen zelebrierte Bierernst durch eine Aneinanderreihung von Over-the-top-Absurditäten aufgebrochen.

Da entbindet die vorher von Wehen gebeutelte Lisa ihr Kind nach einer brenzligen Flucht aus einem zusammenstürzenden Haus – schwuppdiwupp – binnen weniger Sekunden selbst. Und ihre beiden Schicksalsgenossinnen erhalten bei einem Bullenhai-Angriff in letzter Sekunde eine ebenso hirnrissige wie mies getrickste tierische Unterstützung. Erst dann – und damit viel zu spät – lässt „Thrash“ endlich das erste „h“ aus seinem Titel beiseite und steht zu dem „Trash“, den er besser schon vorher derart hemmungslos hätte zelebrieren sollen.

Fazit: Ein bierernster Katastrophen-Eintopf von Sonys Resterampe, dem selbst die mit in den Bedrohungs-Mix hineingeworfenen Haie nicht die nötige Würze verleihen. „Thrash“ ist über weite Strecken einfach tierisch unspannend und ruft erst in der Schlussviertelstunde sein trashiges Potenzial zumindest ansatzweise ab.

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